Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass
Foto: Doris Poklekowski

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Günter Grass - froh über Demos zu „Stuttgart 21“
Günter Grass hat seiner Erkältung zwei umjubelte Auftritte abgetrotzt, erst im Bochumer Schauspielhaus, dann im Duisburger Landschaftspark Nord. „Mit Disziplin“, lächelt der 83-jährige Literaturnobelpreisträger, „kann man auch über einen Husten hinwegreden“. Jens Dirksen sprach mit ihm über die deutsche Sprache, über Reformen, Revolutionen und „Stuttgart 21“.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 28.10.2010:

Die jüngsten Debatten waren nicht von Ihrem neuen Buch bestimmt, sondern von Thilo Sarrazins. Sind Sie froh, dass ein Buch noch so viel bewegen kann – oder ärgert sie Sarrazin?

Günter Grass: Es ist einfach das falsche Buch zur Situation in der Bundesrepublik. Selbst wenn darin einige richtige, aber gar nicht neue Überlegungen sind, warum es mit der Integration nicht klappt – das wird alles entwerten von diesen biologistischen Behauptungen, vom Vulgärdarwinismus einiger Thesen.

Welches wäre denn das richtige Buch zur Zeit?

Grass: Das von Peer Steinbrück. Es setzt sich substanzvoll und in deutlicher Sprache damit auseinander, wie es zu dieser Abkoppelung der Finanzbranche von der Realwirtschaft kam, die in die große Krise geführt hat.

Es war allerdings die SPD, die den Finanzmarkt so weit liberalisiert hat, dass am Ende die große Krise möglich wurde.

Grass: Das war in der Tat ein großer Fehler der Regierung Schröder, allerdings waren auch die Grünen beteiligt. Jedenfalls ist es der SPD nicht honoriert worden, dass sie mit der Kurzarbeit und allerlei anderen Maßnahmen dafür gesorgt hat, die Wirkungen der Finanzkrise abzuschwächen. Und nun haben wir zum ersten Mal seit Jahrzehnten weniger als drei Millionen Erwerbslose. Das freut mich. Aber: Die Zahl der Leiharbeiter steigt nach wie vor, und solange es da nicht zu einer Regelung kommt, ist es eine schiefe Erfolgsbilanz.

Grimms Wörter von Günter GrassIhr neues Buch erzählt die Geschichte eines Wörterbuchs, das komplett in Kleinschreibung gedruckt ist...

Grass: Ja, das hat Jacob Grimm seinem Verleger Hirzel abgerungen, obwohl der – völlig zu Recht – gesagt hat:
Das wird sich nicht durchsetzen!

Wäre das also keine Anregung für die nächste Rechtschreibreform?

Grass: Nein, nein, auf keinen Fall. Ich schreibe ja heute noch mit „Esszett“. Jacob Grimm hat exakt hergeleitet, warum das so sein muss.

Hinter dem Begriff „Reform“ verbirgt sich inzwischen immer eine Verschlechterung, bei jeder Gesundheitsreform wird es teurer, zu Arzt zu gehen, bei jeder Rentenreform werden wir länger arbeiten müssen...

Grass: Ja, das ist geradzu ein Missbrauch dieses Worts. Und es ist traurig, dass der Begriff dadurch so entwertet wurde. Das bedeutet ja eine zusätzliche Sperre für Dinge, die verändert werden müssen, weil sie nicht für die Zukunft taugen.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, lautet Ihr berühmtes Dikturm – aber haben Sie nicht manchmal den Eindruck, er läuft rückwärts? Oder gar in die Irre?

Grass: Das gibt es, aber manchmal überholt er uns auch. Das ist zum Beispiel beim Urheberrecht so, da ist die Gesetzgebung hinter dem, was technisch möglich ist, um zehn Jahre zurück. In der Musik haben die Künstler den Schaden als erste zu spüren bekommen. Ich habe überhaupt nichts gegen technische Neuerungen Aber es wird von meinen Werken keine E-Books geben, solange das im Urheberrecht nicht gesetzlich geregelt ist.

Sie setzen jedenfalls weiter auf Reformen, nicht auf Revolutionen.

Grass: Dafür gibt es heute gar keine Basis! An der Französischen Revolution sieht man, dass sie ausgebrochen ist, weil man notwendige Reformen zu lange zurückgehalten hat. Außerdem hat die Geschichte bewiesen, dass die Entwicklung mit Revolutionen einen großen Sprung macht – aber in kürzester Zeit geht es dann wieder rückwärts, zur Konterrevolution. Die deutsche Revolution von 1848 hat wenig gebracht. Übrigens war es die Stadt Mülheim, die Jacob Grimm in das Parlament der Frankfurter Paulskirche entsandt hat. Aber er hat nach einem Jahr aufgegeben, keiner seiner drei Anträge kam durch, weil er zu keiner Fraktion gehörte.

Es gab auch eine erfolgreiche, friedliche Revolution in Deutschland.

Ja, aber da ist auch sehr schnell etwas schief gelaufen. Wenn ich mir nur ansehe, mit welcher Frechheit man den Nationalfeiertag ausgerechnet auf den Tag des Anschlusses der DDR-Länder an die Bundesrepublik gelegt hat! Die Wiedervereinigung hat nicht Helmut Kohl herbeigeführt, das waren die Menschen auf der Straße!

Dann wäre der richtige Tag also...?

Grass: Vielleicht der Tag der ersten Montagsdemonstration in Leipzig.

Im Moment wird allerdings mehr in Stuttgart demonstriert...

Grass: ... und ich bin sehr froh darüber. Eine Demokratie kann sich nur entwickeln, wenn die Bevölkerung, also der eigentliche Souverän im Land, immer wieder das Wort ergreift. Es kann nicht sein, dass mündige Bürger nur alle vier Jahre ihre Stimme abgeben und dazwischen schweigen. Sie müssen sich auch während der laufenden Legislaturperiode einmischen und auf die Parteien einwirken, die Partei ihrer Wahl manchmal auch an die eigenen Versprechen erinnern.

Wir reden in diesen Tagen viel über Integration, was halten Sie von sprachlichen Einwanderern? Die Brüder Grimm haben Fremdwörter ja nur mit spitzen Fingern angefasst.

Grass: Ja, das merkt man vor allem im Band C ihres Wörterbuchs. Jacob Grimm war sehr kritisch, aber kein eingefleischter Sprachpurist. Für ihn war „Kreatur“ zum Beispiel stärker als „Geschöpf“. Die deutsche Sprache hat solche Anstürme von außen oft erlebt. Im Barock wird gern über die „Verwelschung“ des Deutschen durch die Spanier, Kroaten und Italiener gespottet, die mit dem 30-jährigen Krieg ins Land kamen. Im Absolutismus war es dann das Französische, mit dem sich der Adel, die ganze Oberschicht gern schmückte.

Und heute sind es die Anglizismen, die viele Menschen ärgern.

Grass: Wilhelm Grimm hat in einer seiner Reden gesagt, dass wir eine Sprachpolizei, wie sie in Frankreich für die Reinheit der Sprache sorgt, nicht nötig haben. Unsere Sprache ist stark genug, sich stets zu erneuern und das Übermaß an Fremd-Einflüssen wieder auszuschwitzen. Viel schlimmer ist die Verarmung des Wortschatzes. Und das Absterben des Genetivs. Und die mangelnde Beherrschung des Konjunktivs, worüber ja schon ganze Bücher geschrieben worden sind.

Ihr neues Buch ist kein Roman, sondern „eine Liebeserklärung“, wie es im Titel heißt.

Grass: Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, sondern das 19. Jahrhundert mit meinen eigenen Erfahrungen vergegenwärtigen. Es ist eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Ich wollte diese Leistung der Grimm-Brüder aus einer liebevollen Perspektive schildern. Mich hat dieser sperrige Stoff gereizt. Es hat ja 120 Jahre gedauert, bis das Wörterbuch fertig war, und Jacob und Wilhelm Grimm wussten, dass sie es nicht mehr erleben würden. Wie bei gotischen Baumeistern, die ja auch meist nur das Fundament des Bauwerks gesehen haben.

Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, SteidlÜberhaupt nennen Sie das, was Sie schreiben, immer seltener einen Roman.

Grass: Das ist richtig, weil dieser Gattungsbegriff nicht zutrifft. Sehen Sie, in meiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ ist eben auch viel Fiktives.

Wollen Sie gar keinen Roman mehr schreiben?

Grass: In meinem Alter habe ich ernsthafte Zweifel, ob ich die Zeit habe, ein episches Werk wie „Ein weites Feld“ oder „Hundejahre“ vorzubereiten – und es dann zu schreiben. Ich habe ja auch immer gern Gedichte geschrieben.

Haben Sie Lieblinge unter Ihren Romanen?

Grass:Ja, aber es wechselt. Die „Hundejahre“ gehören dazu, „Der Butt“ und auch „Ein weites Feld“. Der ist damals im Feuilleton aus politischen Gründen niedergemacht worden, mit Hordengeheul. Aber beim Leser ist das Buch angekommen.

Ein weites Feld von Günter Grass, dtv 12447Halten Sie es nicht für möglich, dass der Roman aus ästhetischen Gründen abgelehnt wurde.

Grass: Hören Sie, Reich-Ranicki hat das Buch damals im Spiegel auf skandalöse Weise zerrissen, Frau Radisch hat es in der „Zeit“ als unlesbar bezeichnet und vielleicht auch nicht gelesen. Ich habe gar nicht vorgehabt, einen Roman zur deutschen Einheit zu schreiben. Aber rückblickend muss ich sagen: Er ist es. Was gelungen ist und was schief gelaufen ist – davon findet man Vieles in diesem Buch.

Sei meinen vor allem die Treuhand?

Grass: Ja, so wie man erst heute festgestellt hat, wie die Diplomaten des Auswärtigen Amt in die Verbrechen der Nazis verstrickt waren, wird man eines Tages vielleicht erschrocken sein darüber, was diese Einrichtung ohne parlamentarische Kontrolle an halbkriminellen Dingen getrieben hat, was sie verscherbelt hat wie ein Schnäppchengeschäft. Das hat ja letztlich auch dazu geführt, dass sich viele Bürger in den neuen Bundesländern wie übriggebliebene fühlen, wie Menschen zweiter Klasse.

Sie sind mit Ihren Lesungen Teil des Programms in der Kulturhauptstadt Ruhr, was halten Sie davon?

Grass: Bemühungen, diesen einzigartigen Ballungsraum als eine Kultureinheit zu sehen, gibt es ja schon lange. Aber die Schwierigkeiten liegen in der Struktur. In Berlin hat man einfach nur Dörfer eingemeindet, hier dagegen hat man alte Städte, die ja zum Teil sogar der Hanse angehörten. Das steht einer notwendigen Einheit im Weg. Ich habe gestern gehört, dass man im Ruhrgebiet kein Literaturhaus hat, wo doch selbst das knickrige Stuttgart über so etwas verfügt. Es müssten sich hier ein paar Städte zusammentun und ein solches ein Haus gründen. Ein Literaturhaus bringt Kontinuität. So etwas wäre wichtig, über das eine Jahr als Europäische Kulturhauptstadt hinaus.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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