Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass
Foto: Doris Poklekowski

www.foto-poklekowski.de

Die Heimat habe ich verloren
Weltberühmt, umstritten, verehrt, geliebt, gehasst, gefürchtet und hochgeachtet: Das ist Günter Grass. Am 16. Oktober 1927 wurde der Schriftsteller, Maler und Bildhauer in Danzig geboren. Aus Anlass seines 80. Geburtstages am kommenden Dienstag sprachen wir mit dem streitbaren Literaturnobelpreisträger, der einst nicht nur Wahlkämpfer für Willy Brandt war, sondern auch Mitglied der Waffen-SS.
Ein Gespräch mit Günter Grass. Von Wolf Scheller aus dem Münchner Merkur, 12.10.2007:

 - 1961 ist die „Blechtrommel” auf Schwedisch erschienen, und Ihr Kollege Lars Gustafsson schrieb damals, man wisse nach der Lektüre über Deutschland mehr als je zuvor. Konnten Sie mit diesem Pfund wuchern? Hat sich das bis heute gehalten?

Meine späteren Bücher haben das bestätigt. Die haben im Ausland ein großes Echo gefunden. Dass man sich so konzentriert auf die „Blechtrommel”, das kann ich verstehen. Das ist allgemein üblich. Ob das bei Thomas Mann mit den „Buddenbrooks” ist oder bei Goethe mit dem „Werther” - ich erlaube mir diese Vergleiche. Das sind alles Kollegen in der Literatur, denen Vergleichbares widerfahren ist. Ich kann das nicht nachvollziehen. Für mich ist von den frühen Büchern für meine Weiterentwicklung zum Beispiel „Hundejahre” viel wichtiger als die „Blechtrommel”. „Hundejahre” ist von der Form her, von der literarischen Bewältigung einer epischen Stoffmasse für mich viel stilbildender gewesen.

- Lieben Sie Ihre Erzählfiguren?

Ja, und zwar alle, die positiven wie die negativen, wenn man diese groben Raster gebrauchen will.

- n „Beim Häuten der Zwiebel” haben Sie auch Misstrauen gegenüber Ihrer eigenen Erinnerung geäußert. Das führte doch auch zu einer gewissen Unschärfe. . .

. . . die ich ja auch mitgeschrieben habe. Die gehört auch ehrlicherweise dazu. Das schlug man mir um die Ohren. Ich lese oft Biografien, in denen mit zweifelsfreier Kühnheit irgendetwas behauptet wird und Dinge aneinander gereiht werden, als funktioniere das Gedächtnis so. Das stimmt aber nicht. Das wissen wir alle. Das Gedächtnis neigt dazu, Dinge zu vereinfachen, zu schönen, zu verdecken. Entscheidend ist doch, Dinge, die kontrovers und chaotisch verliefen, so zu ordnen, dass sie überhaupt erst einmal erzählbar werden. Das ist zunächst ein Transformationsprozess. Darauf muss man den Leser aufmerksam machen, wenn man ihm mit Autobiografischem kommt.

- Das heißt: Sie haben nie Tagebuch geführt?

Nein, ich habe kein Tagebuch geführt.

- Ihre Beziehung zu Polen ist ja von besonderer Art. Wie bewerten Sie denn die noch amtierende nationalkonservative Regierung in Warschau?

Ich halte sie für ein Unglück. Sie ist dabei, Polen zu isolieren, auch innerhalb der Europäischen Union. Ich hoffe, dass sie jetzt abgewählt wird. Bei allem Verständnis vor der Angst der Polen ihren beiden Großnachbarn gegenüber - Deutschland und Russland - ist es falsch, nur aus der geschichtlichen Erfahrung heraus eine solche Haltung einzunehmen. Polen fällt es schwer, aus dieser Opferrolle herauszukommen. Polen ist heute auf dem Weg, ein gegenwartbezogener Staat zu sein, nachdem die Sowjetherrschaft zusammengefallen ist. Es erlebt zum ersten Mal diese Art von Freiheit, und das im europäischen Verbund. Und wenn man dann anfängt, die Verletzungen der Vergangenheit derart zu aktivieren und zu instrumentalisieren, wie das die gegenwärtige Regierung tut, dann bringt das die Gefahr mit, dass sich Polen auf die Dauer isolieren wird.

- Wenn Sie heute nach Danzig reisen, berührt Sie die Erinnerung an Ihre Jugendzeit in dieser Stadt? Und haben Sie sich hier in Behlendorf bei Lübeck mit Ihrer Heimat neu verortet?

Nein, die Heimat habe ich verloren. Dieser Verlust der Stadt Danzig ist, was ja viele Millionen Menschen auch erlebt haben, ein unwiederbringlicher Verlust. Und ich habe das Privileg gehabt, vielleicht stellvertretend für viele andere Menschen, mit nahezu einer Obsession das Verlorene literarisch wieder erstehen zu lassen. Aber ich bin nicht bei dem historischen Danzig bis 1945 stehen geblieben. Im „Butt” spielt zum Beispiel die polnische Freiheitsbewegung, die später dann „Solidarnosc” hieß, eine Rolle.

- Können sich Polen und Deutsche in absehbarer Zukunft von dieser Last gemeinsamer Erfahrung innerlich freimachen und normal miteinander umgehen?

Ja, ich bin sicher. Wenn man davon ausgeht, dass mit meiner Generation die letzten wegsterben, die das alles erlebt haben.

- Haben Sie den Eindruck, dass Sie von den Medien schlechter behandelt werden als von den Lesern?

Ganz gewiss. Und was die deutschen Medien betrifft, auch schlechter als im Ausland.

- Lag es nicht vielleicht auch daran, dass man Sie 45 Jahre lang als eine Art moralische Instanz erlebt hat?

Das sind doch alles Titel, die mir von außen angehängt wurden. Darunter hat schon Heinrich Böll gelitten, dass man ihn „Gewissen der Nation” genannt hat. Was soll dieser dumme Begriff überhaupt sagen!

- Jetzt feiern Sie Ihren 80. Geburtstag . . .

Ja, das ist nicht zu vermeiden.

- Und Sie freuen sich auf dieses Ereignis?

Ja, so runde und halbrunde Geburtstage - da freue ich mich darauf. Da kommt meine große Familie. Meine Frau und ich haben ja acht Kinder zusammen und einen Haufen Enkelkinder. Und Freunde kommen dazu. Ich feiere tatsächlich gerne.

- Kann man bei Ihnen auf einen neuen Roman hoffen?

Bei mir kann man immer hoffen, solange ich bei Stimme und Schreibfähigkeit bin. Noch ist mir die Tinte nicht ausgegangen.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1007 LYRIKwelt © Münchner Merkur