Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass
Foto: Doris Poklekowski

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1.) - 3.)

Genial - und ein wenig schwierig
Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wird am morgigen Dienstag 80 Jahre alt. Versuch einer Würdigung des ebenso schwierigen wie genialen Dichters.
Von Andreas Thiemann in der Westfalenpost, 14.10.2007:

Vor zwei Jahren traf ich Günter Grass in Lübeck. Der damals 78-jährige hatte eine kleine Gruppe Schriftsteller um sich gescharrt. Bei bester Laune habe man sich gegenseitig eigene Texte vorgelesen, vermeldet Grass. Nun kam eine ebenfalls kleine Gruppe von Journalisten hinzu, und im gleichen Moment kippte die Stimmung.

Der Charmeur Grass, der er wirklich sein kann, wurde einmal mehr zum bellenden Schnauzer, wie man ihn in den vergangenen Jahrzehnten auch immer wieder erlebt hat, erleben musste. Grass blaffte uns Journalisten an, mochte keine Fragen, wollte eigentlich auch keine Antworten geben. "Wir brauchen das Feuilleton ohnehin nicht", ließ er uns knapp wissen. "Wir sind das Primäre, Ihr seid das Sekundäre. Und so wird das auch immer bleiben", wütete er hinterher.

Nein, Günter Grass und die Medien sind kein wirklich gutes Team. Er sei "ein gebranntes Kind", raunzte er in Lübeck und erweiterte: "Wir Schriftsteller sind doch alle gebrannte Kinder".

Ein Jahr später wird Günter Grass abermals gebrandmarkt. Schlimmer als in Lübeck, schlimmer als je zuvor überhaupt. Es ist der August 2006, als Grass in seiner Teilbiografie "Beim Häuten der Zwiebel" ganz beiläufig mitteilt, dass er als junger Mensch in der Waffen-SS gedient habe. Ein Aufschrei der Entrüstung geht durch das Land; der Moralist von eigenen Gnaden entpuppt sich nach Dekaden des demokratischen Mahners und Anprangerers als einstmaliger Parteigänger des Bösen schlechthin. Mitläufer oder Mittäter - der Nation ist es wurscht, sie rechnet mit Günter Grass ebenso gründlich wie genüsslich ab.

Rufe werden laut, Grass müsse seinen Literatur-Nobelpreis zurückgeben, den er unter dem Jubel des Landes 1999 in Stockholm erhalten hat. "Der Stolz der Nation" lautete damals mein Leitartikel. Grass wurde der letzte Nobel-Literat des endenden Jahrtausend; Kenner hatten schon Jahre zuvor mit seiner Benennung gerechnet.

"In Günter Grass", so schrieb ich am 1. Oktober 1999, "fokussiert sich das selbstkritische, das verantwortungsbewusste, das nachdenkliche und das vorsichtige Deutschland." Zehn Monate später lag diese Einschätzung nicht nur in verbalen Trümmern.

Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt; die Gratulanten sammeln sich zum Defilee vor dem Thron des 80-Jährigen Literatur-Patriarchen. Marcel Reich-Ranicki hat schon letzte Woche gesagt, dass Günter Grass ohnehin der bedeutendste deutsche Autor sei; Bundespräsident Horst Köhler wird beim offiziellen Festakt Ende des Monats staatstragende Kulturworte finden. "Blechtrommel", "Hundejahre", "Der Butt", "Die Rättin", "Treffen in Telgte", "Unkenrufe" - "Beim Häuten der Zwiebel": nur einige Buch-Etappen zum Weltruhm, zur deutschen Institution, die über all die Jahre hinweg Schrammen und Risse sammelte wie kein anderer dieser Zunft. Dabei oft bewunderswert sprachgewaltig, mitunter auch kryptisch und unverstanden ("Ein weites Feld").

In jedem Fall hat Günter Grass der deutschen Sprache und der deutschen Literatur nach 1945 einen neuen Weg gewiesen. Der Schreiber, der ein Leben lang viel lieber Bildhauer und Maler gewesen und geblieben wäre, formulierte sich als Gewissen der schuldbeladenen Generationen und wurde am Ende von der eigenen Vergangenheit so brutal und doch so selbstverschuldet eingeholt.

Günter Grass ist und bleibt ein überragender Schriftsteller, obwohl das leider nach wie vor nur Wenige in diesem Land wissen. Denn die überwiegende Mehrheit hat seine Bücher nie gelesen. Sie waren wohl zu schwer, zu ernst und zu kunstvoll.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie in der WESTFALENPOST]

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Günter Grass, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Günter Grass,
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2.)

Günter Grass wird gefeiert, macht es aber den Gratulanten schwer
Von Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten vom 14.10.2007:

Leicht gemacht hat er es niemandem – weder seinen Gegnern noch seinen Verehrern, aber auch sich selbst nicht: Der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass taugt nicht zum deutschen Nationalhelden und ist immer ein eigensinniger Mensch gewesen. Doch jetzt, so scheint es, ist auch eine Portion Altersstarrsinn dazugekommen.

Wie eine Bombe schlug letztes Jahr das späte Bekenntnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft ein. Eine kurze Stelle in der Autobiographie «Beim Häuten der Zwiebel« und ein FAZ-Interview lösten eine monatelange Diskussion über deutsche Verantwortung und Vergangenheitsbewältigung aus.

Inszenierter Skandal

Noch mehr als dieses Bekenntnis irritierte Grass die Öffentlichkeit mit seiner Reaktion auf den selbst inszenierten Skandal: Tief verletzt, beleidigt und rechthaberisch zog er gegen die angebliche Medienhetze zu Felde, vergriff sich mitunter im Ton und fühlte sich überhaupt in Deutschland nicht genügend gewürdigt. Der große alte Mann der deutschen Literatur spielte «Dummer August«, trat von einem Fettnäpfchen ins andere und bekleckerte sich dabei nicht gerade mit Ruhm. Darunter litt weniger sein literarischer Ruf als sein moralisches Ansehen.

Eine ziemlich tragische Angelegenheit, die den Blick auf ein gewaltiges Lebenswerk nicht verstellen sollte. Denn zweifellos ist Günter Grass, der morgen 80 Jahre alt wird, einer der prägenden deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Darüberhinaus ist er auch ein bildender Künstler und politischer Kopf, der sich bis heute einmischt in aktuelle Debatten. Sein Wort hat Gewicht.

Mit der "Blechtrommel" zu Weltruhm

Weltruhm verschaffte dem gebürtigen Danziger gleich sein Romandebüt: «Die Blechtrommel« war 1959 eine literarische Sensation, sowohl was Form als auch Inhalt betrifft. Die kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Nationalsozialismus ist ein zentrales Thema im Werk von Günter Grass geblieben. Nicht immer fanden seine späteren Romane – darunter «Der Butt« (1977) und «Die Rättin« (1986) – die Zustimmung der Kritiker. Aber fast immer lösten seine Bücher breite Diskussionen aus, wie zum Beispiel die Novelle «Im Krebsgang« (2002) über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten
.

Grass wird gefeiert

Günter Grass steht für eine Generation deutscher Schriftsteller, die nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur und dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Anschluss an die Weltliteratur erst wieder finden musste. Dass dies gelang, dazu hat der Mann mit dem Schnauzbart das Seine beigetragen. Und diese Tatsache würdigte auch die schwedische Akademie, als sie Günter Grass 1999 den Literatur-Nobelpreis verlieh.

Doch jetzt wird erst einmal gefeiert: Die Festivitäten in der Geburtsstadt Danzig waren erst der Auftakt. Am 18.Oktober wird in Hamburg eine Ausstellung von Grass-Bildern mit einer prominent besetzten Lesung eröffnet. Am 20.Oktober steigt in Göttingen, dem Sitz des Steidl-Verlags, eine Geburtstagsparty mit 2500 Gästen. Und am 27.Oktober folgt der offizielle Festakt mit Bundespräsident Köhler in Lübeck, wo Grass seit vielen Jahren wohnt. Und auch eine Familienfeier wird es geben: Wie immer bei runden Geburtstagen will der Jubilar einen Kopfstand machen. Viel Glück!

 Den vollständigen Bericht von Steffen Radlmeier  mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten!

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Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass
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3.)

Der Autoritätsverlustgewinn
Ein etwas anderer Nobelpreisträger: Günter Grass wird heute 80 Jahre alt - und sollte wieder anfangen zu fabulieren.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 15.10.2007:

Wenn sein Bekanntheitsgrad bei den Deutschen unter 102 Prozent abzusinken drohe, dann falle Günter Grass doch immer noch etwas Neues ein, spottete ein Insider im Sommer 2006. Da hatten gerade die Vorbereitungen für den heutigen Ehrentag des Literaturnobelpreisträgers begonnen, indem er im diffusesten Kapitel seiner Erinnerungen einräumte, Hitlers Waffen-SS angehört zu haben. Die Empörung über sein spätes Eingeständnis gab Grass die Gelegenheit, sich darüber zu empören, bis heute poltert er von "Häme" und "Niedertracht". Vielleicht, weil er ahnt, dass sich seine Rolle in dieser Republik verändert hat.

Die Aura der Unfehlbarkeit

Günter Grass ist der letzte bundesdeutsche Schriftsteller, der als politisch-moralische Instanz auftritt. Dass es Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, diese Rolle zu beanspruchen, ist schon erstaunlich genug - neben den vielen verfolgten Schriftstellern hatten sich einige Kollegen ja doch mit dem Nazi-Regime eingelassen. Spätestens in den sechziger Jahren schien es wieder, als gehöre die Aura der Unfehlbarkeit zur Dienstkleidung der Dichter und Denker, in deren Taschen die Wahrheit stecke.

Sich selbst hat Grass freilich nur den geringsten Teil dessen in die Tasche gesteckt hat, was er in den letzten Jahren eingenommen: Die Nobelpreis-Dotierung etwa ging wie so manche Tantieme in verschiedene Stiftungen, für Nachwuchs-Schriftsteller, für Roma und Sinti und für vieles mehr.

Die wahre Größe des Günter Grass liegt jedoch darin, dass er selbst sich vom Sockel heruntergeholt hat. Dabei wird es für ihn im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer schwieriger geworden sein, die ganze Wahrheit auszusprechen, zumal die Symbolkraft der SS-Buchstaben alles überstrahlt hätte, was Grass längst an jugendlicher Verblendung eingeräumt hatte. Und in der Tat hat sich dieser Autor fast sechs Jahrzehnte lang um die Demokratie im Lande verdient gemacht, streitbar und manchmal auch verletzend. Es ist der beeindruckende Beweis dafür, dass einer seine Lehren gezogen hat aus den Fehlern und Verfehlungen der Vergangenheit. Und wer weiß, ob das Engagement des Demokraten Günter Grass so vehement ausgefallen wäre, hätte es das Wissen um die eigene Fehlbarkeit nicht gegeben. Am Ende doch noch die ganze Wahrheit ausgesprochen zu haben, das hat seine moralische Autorität eigentlich ja erst begründet.

Politiker-Gewissen und Sendungsbewusstsein

Diese Rolle aber wäre ihm wohl gar nicht zugestanden worden, wenn das Waffen-SS-Geständnis am Anfang seiner Laufbahn gestanden hätte. Ob es den Nobelpreis gefährdet hätte, sei dahingestellt. Denn den hat Günter Grass für seine "munterschwarzen Fabeln" verliehen bekommen, für etwas also, von dem in den letzten Jahren immer weniger die Rede ist, wenn die Rede auf Grass kommt: für die literarische Qualität seiner Werke. Da kann man in vielem geteilter Meinung sein, aber bei einem nicht: Grass' "Danziger Trilogie" und seine "Blechtrommel" zumal sind Weltliteratur, Jahrhundertwerke. Dass danach wenig entstanden ist, was dem gleichkommt, mag durchaus sein. Aber vielleicht ist auch das in gewisser Hinsicht dem Engagement des Wahlkämpfers und Politiker-Gewissens Grass geschuldet. Ein Opfer dieser Rolle wurde mitunter der Literat Grass, abzulesen an Werken wie dem Weltuntergangsszenario "Die Rättin", in dem mehr Sendungsbewusstsein steckt als einem Roman gut tut. Gravierender noch im Falle von "Ein weites Feld", als Grass meinte, als erster literarischer Diener seines Landes sei er verpflichtet, den vielfach erwarteten Roman zur deutschen Einheit zu schreiben.

Vielleicht kann er diesen und anderen Ballast ja im neuen, im neunten Lebensjahrzehnt abwerfen. Und noch einmal so frei fabulieren, wie er es wohl doch zu selten getan hat. (NRZ)

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