|
|
| Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de |
1.) - 2.)
Ironie und Tragikomik
Günter
Grass über die
"Unkenrufen"
Von Stefanie Letkin aus dem Münchner
Merkur, 20.9.2005:
Dreizehn Jahre nach dem Erscheinen der
Günter-Grass-Erzählung "Unkenrufe" kommt nun die Verfilmung des
Werks in die Kinos. Der Film behandelt - teils satirisch - das Thema Vertreibung
nach dem Zweiten Weltkrieg und anhand der Gründung einer
"Deutsch-polnischen Friedhofsgesellschaft" die Beziehungen
beider
Länder.
Literaturnobelpreisträger Grass hofft, dass der Film zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Polen und Deutschen beitragen kann: "Damit wir von den Klischeevorstellungen, die wir wechselseitig voneinander haben, Abstand nehmen."
Wie gefällt Ihnen die Verfilmung Ihrer
Erzählung?
Grass: Für einen Autor ist es ja sehr schwierig, einen Film ganz und gar zu
akzeptieren, weil er immer das ganze Buch im Kopf hat, weil es immer mit
Verlusten im sprachlichen Bereich parallel läuft. Aber ich finde, dass dieser
Film die Idee des Buchs überträgt und auch den ironischen Tonfall sowie das
Tragikomische der ganzen Geschichte. Die Hauptdarsteller, Krystyna Janda und
Matthias Habich, sind wunderbar. Es gibt aber einige Dinge, die mir nicht so
gelungen vorkommen. Was im Buch nur andeutungsweise in die Vergangenheit
zurückgeht, Alexander Reschkes Vergangenheit als Hitlerjunge und Aleksandra
Piatkowskas Vergangenheit in der sozialistischen Jugendorganisation, das ist mir
zu plakativ dargestellt. Die Uniformen sehen alle aus, als wären sie gestern
gekauft worden.
Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit
Verfilmungen Ihrer Werke gemacht?
Grass: Ich glaube, dass die Verfilmung der "Rättin" nicht gelungen
ist, und auch "Katz und Maus" ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt
habe. "Die Blechtrommel"-Verfilmung von Volker Schlöndorff finde ich
nach wie vor eine gelungene Sache. Es gibt Anfragen, "Im Krebsgang" zu
verfilmen. Aber da muss ich sehr aufpassen. Wenn es darauf hinausläuft, daraus
eine zweite "Titanic" zu machen, dann muss ich "Nein" sagen.
Für die Weltpremiere der
"Unkenrufe" sind Sie wieder einmal in Ihre Geburtsstadt Danzig
zurückgekehrt. Haben Sie dort ein Heimatgefühl?
Grass: Nein. Sicher, ich weiß, dass ich dort herkomme. Der Verlust, das war
einige Jahre lang, ich will nicht sagen ein Problem . . .
Es schmerzt schon, wenn man Heimat verliert. Aber ich habe es vom Kopf her
akzeptieren müssen, dass wir das verloren haben, weil wir den Krieg begonnen
haben, und dann das Unrecht, das wir in die Welt gesetzt haben, rückläufig
wurde. Auf der anderen Seite hat mich dieser Verlust als Schriftsteller beredt
gemacht, eine Art Obsession, auch zum Schreiben mir ein Thema gegeben und den
Ehrgeiz, das, was verloren ist, mit den Mitteln der Literatur, mit den Mitteln
der Sprache wieder entstehen zu lassen. Das geht von der
"Blechtrommel" bis hin zu "Unkenrufe".
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt © Münchner Merkur
***
|
|
| Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de |
2.)
Interview mit Günter Grass:Herr Grass, Sie haben stets betont, zu gleichen
Teilen Bildender Künstler und Schriftsteller zu sein. Und in dieser Doppelung
setzten Sie sich in Ihrem jüngsten Buch «Dummer August" mit dem Echo
auseinander, das im Jahr 2006 Ihre Autobiographie «Beim Häuten der
Zwiebel" mit dem Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein,
gefunden hat. Warum haben Sie hierfür Gedicht und Zeichenstift gewählt und
nicht die klarere Form der Prosa?
Günter Grass: Die Zeichnungen und Gedichte spiegelten meinen wechselnden
Zustand. Natürlich, ich war verletzt, und ich sah auch keinen Grund, mich mit
einer Elephantenhaut zu rüsten. Und so geben diese Gedichte und Zeichnungen auf
verschiedene Weise wieder, was mir widerfuhr. Dem offensichtlichen Versuch, mich
mundtot zu machen, dem wollte ich nicht nachgeben. Dieses Mundtotmachen bezog
sich ja nicht auf meine Biographie, sondern man wollte den Bürger Grass, der
von seinem Recht Gebrauch macht, sich auch in politische und gesellschaftliche
Dinge einzumischen, den wollte man stille stellen. Und das ist nicht gelungen.
Dem in dieser Gesellschaft waltenden Unrecht muss widersprochen werden, und so
lange ich bei Atem und Puste bin, werde ich das auch tun.
Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was habe ich falsch gemacht?
Grass: Ich habe mich gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass ich diese kurze
Phase von drei oder vier Monaten, in denen ich als Siebzehnjähriger bei der
Waffen-SS eingezogen war, in mir verkapselt hatte. Ich habe nie ein Hehl daraus
gemacht, dass meine Generation, also auch ich, die meisten jedenfalls, wenn kein
Widerstand vom Elternhaus her kam, dieser Ideologie des Nationalsozialismus
ausgeliefert waren.
Wir waren begeistert beim Jungvolk, bei der Hitlerjugend, und ich habe wie ein
Idiot bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt. Davon spricht mein Buch, auch von
meinem Versagen als Jugendlicher, dass ich in bestimmten Situationen nicht
Fragen gestellt, es hingenommen habe. Die Phase in der Waffen-SS ist etwas, das
ohne mein Zutun geschehen ist. Aber durch mein späteres Wissen über die
Verbrechen der Waffen-SS ist das für mich eine Schande gewesen, dass ich dazu
gehört habe.
Haben Sie inzwischen Verständnis für den Vorwurf: Das ist alles ein bisschen
spät gekommen, wir hätten es von Günter Grass lieber früher gehört?
Grass: Ja, das sagen mir auch Freunde. Ich habe noch nie so viele Briefe
bekommen wie zu meinem Buch «Beim Häuten der Zwiebel". Von ganz alten
Menschen und von jungen. Viele bedankten sich, dass sie nach der Lektüre zum
ersten Mal in der Lage gewesen wären, mit ihren Kindern und Enkeln über ihre
Kriegserlebnisse zu sprechen. Und umgekehrt schrieben junge Leute: Zum ersten
Mal habe der Vater oder Großvater ihnen erzählt, was ihm im Krieg widerfahren
sei.
Ich glaube: So geht es vielen. Ich weiß es auch von meiner Mutter, die nicht in
der Lage war, mit mir direkt über das zu sprechen, was ihr widerfahren war, als
die zweite sowjetische Armee Danzig besetzte und sie mehrfach vergewaltigt
wurde, weil sie sich schützend vor meine Schwester gestellt hatte, die damals
13 Jahre alt war.
Ihre Beziehung zu Polen ist ja von besonderer Art. Wie bewerten Sie denn die
noch amtierende nationalkonservative Regierung in Warschau?
Grass: Ich halte sie für ein Unglück. Sie ist dabei, Polen zu isolieren, auch
innerhalb der Europäischen Union. Ich hoffe, dass sie jetzt abgewählt wird.
Bei allem Verständnis vor der Angst der Polen ihren beiden Großnachbarn gegenüber
– Deutschland und Russland – ist es falsch, nur aus der geschichtlichen
Erfahrung heraus eine solche Haltung einzunehmen.
Können sich Polen und Deutsche in Zukunft von dieser Last freimachen und normal
miteinander umgehen?
Grass: Ja, ich bin sicher. Wenn man davon ausgeht, dass mit meiner Generation
die letzten wegsterben, die das alles erlebt haben. Es ist doch eine
gesamtdeutsche Leistung, dass dieses Thema, das Polen betrifft, aber auch
Auschwitz und die Folgen, immer wieder gegen meist politische Widerstände Thema
geblieben ist. Die deutsche Nachkriegsliteratur hat dazu beigetragen.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie von den Medien schlechter behandelt werden als
von Ihren Lesern?
Grass: Ganz gewiss. Und was die deutschen Medien betrifft, auch schlechter als
im Ausland. Im Ausland habe ich sehr viel Zustimmung und Verständnis erfahren.
Das fing schon früher an und betraf nicht nur mich, sondern seinerzeit auch
Christa Wolf, die man als Staatsschriftstellerin bezeichnete und damit die ganze
DDR-Literatur, überhaupt die linke Literatur, niedermachen wollte.
Lag es nicht vielleicht auch daran, dass man Sie 45 Jahre lang als eine Art
moralische Instanz erlebt hat?
Grass: Das sind doch alles Titel, die mir von außen angehängt wurden. Darunter
hat schon Heinrich Böll
gelitten, dass man ihn «Gewissen der Nation" genannt hat. Was soll dieser dumme
Begriff überhaupt sagen!
Jetzt feiern Sie 80.Geburtstag...
Grass: Ja, das ist nicht zu vermeiden.
Freuen Sie sich auf dieses Ereignis?
Grass: Ja, so runde und halbrunde Geburtstag - da freue ich mich darauf. Da
kommt meine große Familie. Meine Frau und ich haben ja acht Kinder zusammen und
einen Haufen Enkelkinder. Und Freunde kommen dazu. Das feiere ich gerne.
Was wünschen Sie sich?
Grass: Ich wünsche mir noch ein paar Jahre Gesundheit, weil ich ein neugieriger
Mensch bin und gerne sehen möchte, was aus meinen Enkelkindern wird - und was so
insgesamt auf uns zukommt.
Kann man bei Ihnen auf einen neuen Roman hoffen?
Grass: Bei mir kann man immer hoffen, solange ich bei Stimme und schreibfähig
bin. Noch ist mir die Tinte nicht ausgegangen.
Das ganze Interview incl. Abb. finden Sie in den Nürnberger Nachrichten.
[...diesen und weitere
Artikel finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1007 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten