Dummer August von Günter Grass, 2007, Steidl

Günter Grass, 2001, Foto: Doris Poklekowski

Günter Grass
Foto: Doris Poklekowski

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1.) - 2.)

Die Chronik einer Medienschlacht
Eine seltsame Verteidigungsveranstaltung für Günter Grass im Leipziger Rathaus
Von radl aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.03.2007:

Die Debatte um die moralische Glaubwürdigkeit des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass sorgte im letzten Sommer weit über die deutschen Feuilletons hinaus für Schlagzeilen. Entzündet hatte sich der Streit an einer kurzen, leicht zu überlesenden Stelle der Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel»: Grass bekannte erstmals, dass er in den letzten Kriegsmonaten als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS gewesen war.

Die daran anschließende, oftmals hysterisch geführte Diskussion hat Grass offenbar tief verletzt. Mit seinem soeben erschienenen Gedichtband «Dummer August» will er einen Schlusspunkt setzen: Er sieht sich vor allem als Opfer einer Hetzkampagne, sicherlich nicht ganz zu Unrecht.

Trotzdem bleibt bei der Lektüre ein schaler Beigeschmack – ebenso wie bei der eigenartigen Wiedergutmachungsveranstaltung im Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse. Denn bevor Grass seine neuen Gedichte persönlich dem Messepublikum präsentierte, wurde im schwach besuchten Rathaussaal Martin Kölbels Dokumentation des Skandals, «Ein Buch, ein Bekenntnis», vorgestellt. Es ist ein aufschlussreicher Pressespiegel tausender von Artikeln, der auch viel über Medien-Mechanismen verrät. Bei der Präsentation saß Grass mit seiner Frau schweigend in der ersten Reihe. Was er wohl an diesem Abend von den gut gemeinten Verteidigungsreden seiner Bewunderer gehalten hat?

Eine europäische Perspektive bei der Bewertung des Skandals sollte aufgezeigt werden. Zu Wort kamen der polnische Philosoph Adam Krzeminski, der britische Germanist Neil Asherson und der dänische Übersetzer Per Øhrgaard. Neue Argumente aber waren kaum zu hören. Natürlich stimmt es, dass die literarische Bedeutung der Lebensbeschreibung von Grass in der Medienschlacht unterging. Und natürlich war die Debatte teilweise scheinheilig und verlogen.

Aber Günter Grass hat es nicht nötig, dass ihn ein paar Getreue öffentlich in Schutz nehmen und seine Wunden lecken. Er ist ein Meister der (literarischen) Selbstverteidigung. Und sei es, dass er clever den «Dummen August» spielt. An diesem Abend sagte er kein Wort und signierte geduldig alle Bücher aus dem Steidl-Verlag – die Autobiografie, den Gedichtband und die Dokumentation.

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Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten

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Dummer August von Günter Grass, 2007, Steidl

Günter Grass, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

Günter Grass,
Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

Literatur im Vorbeigehen
Leipzig liebt: Manga, Anime und Günter Grass‘ Affront
Von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 26.3.2007:

Ein Dichter beschimpft die Medien. Und dazu benutzt er sie. Schamlos. Doch die finden offenbar nichts dabei. So geht das Spiel. Günter Grass beherrscht es vortrefflich. Auf der Leipziger Buchmesse war er einer der vielen Schriftsteller, die die Gelegenheit nutzten zum öffentlichen Auftritt. Nicht am Stand seines Verlages, sondern in der Arena der „Leipziger Volkszeitung” sowie auf dem „Blauen Sofa” des ZDF. Um seinen soeben erschienenen Gedichtband „Dummer August” vorzustellen: Grass also zum Anfassen.

Um ihn herum drängt sich eine Menschenmenge. Meist älteren Jahrgangs. Sie sind gekommen, um das Idol ihrer aufbruchsmunteren, rebellischen Jugend live zu erleben. Wenn Grass hier seine haltlosen Vorwürfe wiederholt, die versammelte Medienmeute habe zur Hetzjagd auf ihn geblasen, fährt er genau jene Verleumdungskampagne, die er den Kritikern seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel” gegen sich gerichtet vorwirft.

Wer spricht, hat Recht, sagt sich der jahrzehntelange Verheimlicher seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS. Auch wenn er sich dabei der Terminologie aus jener Zeit bedient. Bei seinen Auftritten auf der Leipziger Messe widerspricht dem Nobelpreisträger jedenfalls niemand, nicht die Interviewer, nicht die Zuhörer, wenn er so Ungeheuerlichkeiten verkündet wie: Die Presse in Deutschland sei gleichgeschaltet und entartet.

Die Mehrheit der Besucher auf dieser so publikumsfreundlichen Buchmesse ist jung. Sie gehört einer Generation an, die sich für Grass, den Dichter der 68er, nicht sonderlich interessiert. Die jungen Leute sind anderweitig orientiert. Sie lauschen und lachen mit Ingo Schulze, hören, was Feridun Zaimoglu zu sagen hat oder Garri Kasparov, lauschen Rufus Beck, rennen Ulrich Wickert hinterher oder umlagern den Stand, an dem TV-Moderatorin Sonya Kraus schwätzt. Und auch um die Leseplattform neuer Kleinverlage herum lagern neugierige Jugendliche und hören beispielsweise den Lyrikversuchen der noch namenlosen, beinahe gleichaltrigen Dichter zu.

Literatur im Vorbeigehen. Praktisch an jeder Ecke tritt ein Autor bzw. eine Autorin auf. Wenn‘s gefällt, bleibt man stehen, hört zu. Wenn nicht, zieht man zum nächsten. Leipzig liest; denn Leipzig liebt: die Bücher, die Autoren, all die Veranstaltungen rund ums Buch. Hier werden schon Kleinkinder durch die Hallen geschoben, Babys kriegen Kopfhörer aufgesetzt. So wird für den Hörbuchnachwuchs gesorgt, für jene Sparte, die nur mit Zuwachsraten aufwartet.

Und was ist mit der Sektion Comic und Cartoons, was mit Manga und Anime, den japanischen Zeichentrickfilmen? Auf dem großen Terrain in Halle 2 tummeln sich die Kids. Eine total andere Messewelt tut sich da auf. Ob dies der Köder ist, mit dem diese Klientel eines Tages zur Literatur geführt wird? Jedenfalls ist es wohl so, dass jene jugendlichen Besucher den Namen Günter Grass noch nie gehört haben. Denn man kann einen ganzen Tag auf der Buchmesse verbringen, ohne überhaupt je ein Buch, geschweige denn einen Autor gesehen zu haben.

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