1.)
- 2.)
Die Chronik einer Medienschlacht
Eine seltsame Verteidigungsveranstaltung für Günter Grass im Leipziger Rathaus
Von radl aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 24.03.2007:
Die Debatte um die moralische Glaubwürdigkeit
des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass sorgte im letzten Sommer weit über
die deutschen Feuilletons hinaus für Schlagzeilen. Entzündet hatte sich der
Streit an einer kurzen, leicht zu überlesenden Stelle der Autobiografie «Beim
Häuten der Zwiebel»: Grass bekannte erstmals, dass er in den letzten
Kriegsmonaten als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS gewesen war.
Die daran anschließende, oftmals hysterisch geführte Diskussion hat Grass
offenbar tief verletzt. Mit seinem soeben erschienenen Gedichtband «Dummer
August» will er einen Schlusspunkt setzen: Er sieht sich vor allem als Opfer
einer Hetzkampagne, sicherlich nicht ganz zu Unrecht.
Trotzdem bleibt bei der Lektüre ein schaler Beigeschmack – ebenso wie bei der
eigenartigen Wiedergutmachungsveranstaltung im Rahmenprogramm der Leipziger
Buchmesse. Denn bevor Grass seine neuen Gedichte persönlich dem Messepublikum
präsentierte, wurde im schwach besuchten Rathaussaal Martin Kölbels
Dokumentation des Skandals, «Ein Buch, ein Bekenntnis», vorgestellt. Es ist
ein aufschlussreicher Pressespiegel tausender von Artikeln, der auch viel über
Medien-Mechanismen verrät. Bei der Präsentation saß Grass mit seiner Frau
schweigend in der ersten Reihe. Was er wohl an diesem Abend von den gut
gemeinten Verteidigungsreden seiner Bewunderer gehalten hat?
Eine europäische Perspektive bei der Bewertung des Skandals sollte aufgezeigt
werden. Zu Wort kamen der polnische Philosoph Adam Krzeminski, der britische
Germanist Neil Asherson und der dänische Übersetzer Per Øhrgaard. Neue
Argumente aber waren kaum zu hören. Natürlich stimmt es, dass die literarische
Bedeutung der Lebensbeschreibung von Grass in der Medienschlacht unterging. Und
natürlich war die Debatte teilweise scheinheilig und verlogen.
Aber Günter Grass hat es nicht nötig, dass ihn ein paar Getreue öffentlich in
Schutz nehmen und seine Wunden lecken. Er ist ein Meister der (literarischen)
Selbstverteidigung. Und sei es, dass er clever den «Dummen August» spielt. An
diesem Abend sagte er kein Wort und signierte geduldig alle Bücher aus dem
Steidl-Verlag – die Autobiografie, den Gedichtband und die Dokumentation.
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Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten
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2.)
Literatur im
Vorbeigehen
Leipzig liebt: Manga, Anime und Günter
Grass‘ Affront
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 26.3.2007:
Ein Dichter beschimpft die Medien. Und dazu benutzt er sie. Schamlos. Doch die finden offenbar nichts dabei. So geht das Spiel. Günter Grass beherrscht es vortrefflich. Auf der Leipziger Buchmesse war er einer der vielen Schriftsteller, die die Gelegenheit nutzten zum öffentlichen Auftritt. Nicht am Stand seines Verlages, sondern in der Arena der „Leipziger Volkszeitung” sowie auf dem „Blauen Sofa” des ZDF. Um seinen soeben erschienenen Gedichtband „Dummer August” vorzustellen: Grass also zum Anfassen.
Um ihn herum drängt sich eine Menschenmenge. Meist älteren Jahrgangs. Sie sind gekommen, um das Idol ihrer aufbruchsmunteren, rebellischen Jugend live zu erleben. Wenn Grass hier seine haltlosen Vorwürfe wiederholt, die versammelte Medienmeute habe zur Hetzjagd auf ihn geblasen, fährt er genau jene Verleumdungskampagne, die er den Kritikern seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel” gegen sich gerichtet vorwirft.
Wer spricht, hat Recht, sagt sich der
jahrzehntelange Verheimlicher seiner Mitgliedschaft bei der Waffen-SS. Auch wenn
er sich dabei der Terminologie aus jener Zeit bedient. Bei seinen Auftritten auf
der Leipziger Messe widerspricht dem Nobelpreisträger jedenfalls niemand, nicht
die Interviewer, nicht die Zuhörer, wenn er so Ungeheuerlichkeiten verkündet
wie: Die Presse in Deutschland sei gleichgeschaltet und entartet.
Die Mehrheit der Besucher auf dieser so publikumsfreundlichen Buchmesse ist
jung. Sie gehört einer Generation an, die sich für Grass, den Dichter der
68er, nicht sonderlich interessiert. Die jungen Leute sind anderweitig
orientiert. Sie lauschen und lachen mit Ingo
Schulze, hören, was Feridun
Zaimoglu zu sagen hat oder Garri Kasparov, lauschen Rufus Beck, rennen
Ulrich Wickert hinterher oder umlagern den Stand, an dem TV-Moderatorin Sonya
Kraus schwätzt. Und auch um die Leseplattform neuer Kleinverlage herum lagern
neugierige Jugendliche und hören beispielsweise den Lyrikversuchen der noch
namenlosen, beinahe gleichaltrigen Dichter zu.
Literatur im Vorbeigehen. Praktisch an jeder Ecke tritt ein Autor bzw. eine
Autorin auf. Wenn‘s gefällt, bleibt man stehen, hört zu. Wenn nicht, zieht
man zum nächsten. Leipzig liest; denn Leipzig liebt: die Bücher, die Autoren,
all die Veranstaltungen rund ums Buch. Hier werden schon Kleinkinder durch die
Hallen geschoben, Babys kriegen Kopfhörer aufgesetzt. So wird für den Hörbuchnachwuchs
gesorgt, für jene Sparte, die nur mit Zuwachsraten aufwartet.
Und was ist mit der Sektion Comic und Cartoons, was mit Manga und Anime, den
japanischen Zeichentrickfilmen? Auf dem großen Terrain in Halle 2 tummeln sich
die Kids. Eine total andere Messewelt tut sich da auf. Ob dies der Köder ist,
mit dem diese Klientel eines Tages zur Literatur geführt wird? Jedenfalls ist
es wohl so, dass jene jugendlichen Besucher den Namen Günter Grass noch nie gehört
haben. Denn man kann einen ganzen Tag auf der Buchmesse verbringen, ohne überhaupt
je ein Buch, geschweige denn einen Autor gesehen zu haben.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Münchner Merkur