Petersburger
Kartoffelsalat
Lena Gorelik über ihre Erinnerungen an
Russland
Ein Gespräch mit Lena
Gorelik von Teresa Grenzmann aus dem Münchner
Merkur, 7.11.2004:
Die Interviewte ist normalerweise die Interviewende: Vor einem Monat hat die junge Autorin Lena Gorelik (geboren 1981) ihren Abschluss an der Münchner Journalistenschule gemacht und anschließend mit dem Aufbau-"Elitestudiengang Osteuropa" begonnen.
Nebenbei hat sie ihr fröhlich-leichtes Debüt "Meine weißen Nächte" (SchirmerGraf Verlag, 288 Seiten, 18,80 Euro) geschrieben, das sie heute um 20.30 Uhr in der Buchhandlung Lehmkuhl vorstellt (Leopoldstraße 45, Info: 089/ 38 01 50 11, Eintritt frei). Ein Stück weit ist es ein autobiografischer Roman: Die rahmende Liebesgeschichte sei zwar erfunden, aber die Erinnerungen an die russische Kindheit seien ihre eigenen, sagt Gorelik.
Doch wie viel Lena Gorelik steckt in ihrer
Ich-Erzählerin Anja?
Gorelik: Ich bin nicht hundertprozentig Anja, aber ich glaub',
von jedem Schriftsteller ist - zumindest, wenn er in der Ich-Person schreibt -
was drin, da kommt man gar nicht dran vorbei. Mit Sicherheit ist Anja manchmal
ich, oder ich bin manchmal Anja. Vielleicht ist Anja so'n bisschen das
übertriebenere Ich, manchmal ist sie auch untertrieben.
Sie und Ihre Familie sind 1992 als "Kontingentflüchtling" nach
Deutschland gekommen. Was war der Auslöser, nach zwölf Jahren Ihre
Erinnerungen an St. Petersburg aufzuschreiben?
Gorelik: Ich wollte schon immer schreiben und habe mich dann
vor einem Jahr für den Manuskriptum-Kurs von Tanja Graf und Sten
Nadolny beworben - als Motivation zum Schreiben, denn unter Druck kann ich
am besten arbeiten. Da sind auch viele Geschichten entstanden, die ins Buch
eingeflossen sind. Und irgendwann kam die Idee, ich könnte ja weiter schreiben.
Als Kind wollte ich immer Romane schreiben. Ich hatte dann so Listen mit: Wie
heißt das Buch, wie viel Kapitel hat es, und wie heißt jedes Kapitel? Viel
weiter bin ich nie gekommen.
Wie ging es dann jetzt mit dem echten Roman voran?
Gorelik: Ich hatte ein paar Geschichten, die den Rahmen
vorgegeben haben. Aber ich wusste bis zum Schluss nicht, wie's endet, hab'
einfach drauflos geschrieben. Kurz vor Manuskript-Abgabe hatte ich dann ganz
viele Vokabelkärtchen mit meinen Kapiteln. Ich hab' die Möbel an die Wände
gerückt und saß dann zwei Tage, hab' Kärtchen hin- und her geschoben, mir
überlegt, wo man noch Verbindungsstücke schreiben müsste - und mir den
Schluss für den Schluss aufgehoben.
Was sind Ihre "Weißen Nächte"?
Gorelik: Ich hab' die weißen Nächte in St. Petersburg nie
gesehen, weil ich zu klein und da schon im Bett war. Für mich ist die Zeit in
St. Petersburg einfach die Zeit der weißen Nächte. Die Dinge, an die ich mich
erinnere aus St. Petersburg, und das sind mit Sicherheit nicht die
Sehenswürdigkeiten und auch nicht die weißen Nächte und was man sonst noch so
kennt. Sondern es ist der Kartoffelsalat, es ist die große Eisdiele, die hieß
"Frosch", und alles war grün, mit dem besten Eis der Stadt; sonntags
ist mein Vater mit mir dahin - solche Sachen. Kleinigkeiten wie ins Theater
gehen oder Hochhäuser. Wenn ich jetzt Plattenbauten sehe, dann geht mir das
Herz auf, das ist so heimatlich.
"Deutschland ist bunt, fröhlich und
entspannt."
Lena Gorelik
Gibt es nun in Deutschland auch solche "Weißen Nächte" oder ist
es nur "bunt", wie Sie im Roman schreiben?
Gorelik: Ich weiß nicht. Mittlerweile ist Deutschland
einfach Deutschland, es ist mein Land, und ich kann's einfach nicht mit Abstand
sehen. Aber würde ich jetzt einen Vergleich ziehen müssen, würde ich sagen:
Deutschland ist einfach immer noch sehr bunt - fröhlich und entspannt.
Petersburg oder Russland sind anstrengend.
Anja will alles Russische aus ihrem neuen deutschen Leben ausgrenzen. Sie
haben vor Ihrem eigenen Roman Ruben Gonzalez Gallegos "Weiß auf
Schwarz" aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Mit welchem Gefühl?
Gorelik: Das war sehr komisch, weil ich eigentlich nichts auf Russisch
lese, überhaupt keine russischen Freunde in München habe und Russisch nur mit
meiner Familie am Telefon spreche. Ich bin auch gleich zu Hugendubel und hab'
mir das größte Langenscheidt-Lexikon Russisch-Deutsch gekauft, das es gab. Es
war gut, sich mit der Sprache zu beschäftigen, aber es war nicht wie ein
Übersetzen aus meiner Muttersprache. Irgendwann entdeckte ich dann
überraschend, dass ich ein viel besseres Gefühl für diese Sprache habe, und
hab' auch angefangen, mehr auf Russisch zu lesen.
Sind Sie mal nach Russland zurückgekehrt?
Gorelik: Ich bin nur einmal vor zehn Jahren da gewesen; ich
nehme es mir jedes Jahr vor, dann fehlt die Zeit. Aber jetzt sieht es auch so
ganz anders aus als das, was ich in Erinnerung habe.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1104 LYRIKwelt © Münchner Merkur