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Foto: Ursus Samaga |
1.) - 2.)
Die schöne Einfachheit der Kunst.
Poet und Sammler: Eugen
Gomringer wird 80 und zeigt Lieblingswerke in Ingolstadt
Besprechung von Birgit Ruf aus den Nürnberger
Nachrichten vom 20.01.2005:
Normalerweise lädt ein Jubilar ein, bei Eugen
Gomringer, der heute seinen
80. Geburtstag feiert, ist das anders. Er wird eingeladen: Das Museum für
Konkrete Kunst in Ingolstadt hat dem „Vater der Konkreten Poesie“ die
komplette Ausstellungsfläche überlassen, damit er dort mit zwanzig Lieblingskünstlern
seine Sicht zum Stand der Konkreten aufzeigen kann.
Immerhin verdankt das Museum seine Existenz auch Gomringers Liebe zu dieser
Kunstrichtung: Dessen 1981 von der Stadt Ingolstadt erworbene Sammlung bildete
den Grundstock für das 1992 eröffnete Haus. An seinem Wohnort im oberfränkischen
Rehau, wo auch Gomringers „Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete
Poesie“ sitzt, wird der Jubilar heute groß gefeiert — mit einem Empfang der
Stadt und der Aufwartung des Generalkonsuls der Schweiz, wo Gomringer
aufgewachsen ist. Den großen Bahnhof nimmt der fitte Senior gelassen: „Ich
spiele den Pinguin, lege die Flügel an und bedanke mich höflich.“
Die ersten Werke hat er bereits als Student der Kunst- und Literaturgeschichte
Mitte der 40er Jahre in Zürich gekauft, war damals „erschlagen von der schönen
Einfachheit der Kunst“, die es anders als die abstrakte nicht mehr nötig
habe, auf etwas zu verweisen, sondern sich selbst genügt. „Es hat mein Leben
verändert“, sagt Gomringer über die Begegnung mit dieser Kunstrichtung. Er
war fasziniert von der logisch-geometrischen Herangehensweise, der
Emotionslosigkeit, dem Zielen auf Objektivität — mathematisch, systematisch,
nachvollziehbar. „Es ist kein Abbilden mehr, sondern ein Umdenken der Welt in
Kunst“, sagt Gomringer und hebt den Zusammenhang mit der Musik hervor. „Die
Fugen von Bach wurden x-fach für Werke der Konkreten Kunst übernommen.“
Über deren Definition und Innovationen hat er viele Aufsätze verfasst. Mehr
als jeder Text vermittelt jedoch eine Ausstellung. Für das Ingolstädter Museum
hat Gomringer zwanzig Teilnehmer ausgewählt, die ihn über die Jahre hinweg
durch ihre Experimentierfreude beeindruckt haben. Zum Beispiel Hans Jörg
Glattfelder, dessen neue Werke ein Phänomen der Wahrnehmungspsychologie
aufnehmen: „Wer lange eine gerade Linie betrachtet, sieht Wellen“, erklärt
Gomringer. Das setzt Glattfelder in seinen Arbeiten um, indem er Farbflächen
mit welligen Kanten gegen- und übereinander setzt Karl Gerstner ist mit
„Steckbildern“ vertreten, deren geometrische Schablonen sich der Benutzer
frei nach Geschmack im dicken Rahmen hintereinander klemmen kann.
Die sehenswerte Ausstellung zeigt Malerei, Grafik, Installationen, Skulpturen
und Videos. Auch aus der Region sind zwei Künstler dabei: Diet Sayler,
Professor an der Nürnberger Akademie, spielt in seinen „Wurfbildern“ mit
dem Zufall. Hasso von Henninges lotet systematisch die Eigenschaften der Farbe
Schwarz aus.
Die Liebe zur Konkreten Kunst und Poesie hat Gomringer sein Leben lang bewahrt
und gepflegt. In den 50er Jahren war er Sekretär von Max Bill an der Hochschule
für Gestaltung in Ulm, später Dozent für Theorie und Ästhetik an der
Kunstakademie Düsseldorf. 1986 hatte er eine Gastprofessur für Poetik in
Bamberg und wurde 1988 Intendant des Internationalen Forums für Gestaltung in
Ulm. „Die Konkrete Poesie ist meine Intimsphäre, ich schreibe nur wenig
Gedichte im Jahr. Mehr beschäftigt mich die Konkrete Kunst“, sagt Gomringer.
Von ihr wiederum ließ er sich zu hinreißenden Gedichten wie der „Paraphrase
zu Josef Albers“ inspirieren.
Müde scheint der Streiter für die Konkrete Kunst auch mit 80 nicht zu sein.
Von Ingolstadt geht es direkt nach Weiden: Im dortigen Kunstverein eröffnet
Gomringer bereits am Sonntag die nächste „Konkret“-Ausstellung.
Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt, Tränktorstr. 6—8: „Experiment
konkret — Eugen Gomringer zum 80.“. Eröffnung morgen, 19 Uhr. Bis 10.
April, Di.—So. 10—17 Uhr. Info-Tel.: 08 41/3 05 18 71.
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Leseprobe I Buchbestellung 0105 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten
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Foto: Ursus Samaga |
2.)
Hommage an den „Vater der konkreten Poesie“
Lyrik und bildende Kunst: Erlanger
Ausstellung und Podiumsgespräch zum 80. Geburtstag von Eugen
Gomringer
Besprechung von Clemens Heydenreich aus den Nürnberger
Nachrichten vom 25.08.2005:
Über „Die Poesie und das
Konkrete“ spricht Eugen Gomringer morgen (18 Uhr) im Rahmen des Erlanger
Poetenfestes in der Städtischen Galerie, die dem „Vater der konkreten
Poesie“ eine große Ausstellung widmet.
Gedichte in der Galerie? In Siebdruck auf Leinwand? Was gibt das her? Im Falle
Eugen Gomringers, zu dessen 80. Geburtstag die Städtische Galerie Erlangen die
Ausstellung „Die Poesie und das Konkrete“ zeigt, eine ganze Menge. Denn was
„Konkrete Poesie“, für die der Schweizer seit 1953 steht, von üblicher
Lyrik unterscheidet, hat viel mit Ausstellbarkeit zu tun.
Der Name „Konstellationen“, den Gomringer seinen Texten gab, sagt alles:
ihre Lettern leben ganz auf der Fläche, die sie durch ihre Stellung gliedern.
Klassisch zeigt das sein berühmtestes Gedicht: „schweigen“ besteht aus
ebenjenem Wort, 14 Mal wiederholt in fünf Zeilen - mittendrin aber fehlt es. In
dieser leeren Mitte „schweigen“ zwar die Zeichen, doch die Fläche, aus
deren Weiß sie plötzlich wie ausgestanzt scheinen, kommt wieder zu Wort. Ein
Vexierbild aus Sprache und Nicht-Sprache, die aufeinander verweisen.
Mit Grafik, Mathematik und dem Design der 50er Jahre hat das mindestens ebenso
viel zu tun wie mit Literatur. Seit 1970 widmete sich Gomringer denn auch kaum
noch eigener Poesie, sondern wurde als Dozent, Essayist und Veranstalter einer
der rührigsten Multiplikatoren „konkreter Kunst“ in bildnerischer Form. Zu
den Werken von 20 befreundeten Künstlern setzt die Ausstellung Gomringers Texte
in ganz eigene „Konstellationen“. Bestückt mit Skulpturen von Marcelo
Morandini, einer Nagelwand von Günter Uecker oder einer eleganten
Schrift-Kubus-Installation von Vera Röhm, wird die Galerie zum Schaufenster
diverser Generationen und „Ismen“ der Moderne - vom Suprematismus zur
Op-Art. Schnittstellen zur visuellen Poesie bilden Josef Linschinger oder
Heinz Gappmayr.
Für ihrer aller Werke wie für die Gomringers gilt, dass sie auf keine Realität
außerhalb ihrer selbst und ihres Materials verweisen, just so aber eine
zeitlose Präsenz entwickeln, die unsere Realität bereichert - getreu Max Bills
Postulat: „konkrete kunst ist der reine ausdruck von harmonischem maß und
gesetz.“
Eine Fotoserie Georg Pöhleins über Gomringer in seinem Ex-Wohnort Wurlitz
(Oberfranken) rundet die Schau ab. Diese zweite große Retrospektive in Bayern
nach der vom Meister selbst kuratierten und ganz auf die bildende Kunst
ausgerichteten in Ingolstadt (wir berichteten) ist nicht das einzige
Geburtstagspräsent der Erlanger Galerie. Mit dem Kunstmuseum Bayreuth hat sie
zudem eine Festschrift ediert: „Termin bei GO“ (94 Seiten, 24 Euro) mit
konkreter Poesie, Fotografien und poetologischen Essays ist mehr als ein
Katalog, nämlich kunstvolle Hommage und Dokumentation zugleich.
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