Von Feen und Fahrenden
Sergius Golowin,
Berner Mythenforscher, ist 76-jährig gestorben
Nachruf von
Willi Woltreng in der
Neue
Zürcher Zeitung vom 6.8.2006:
Alles andere als ein fahrender Gesell war er: ein Bücherwurm und sesshafter
Bibliothekar. Doch wer den Kosmos denkend bereist, ist auch ein Fahrender, fand
er. Dem Staatsschutz, der ihn beäugte, galt er als «prominentester Nonkonformist
von Bern».
«Das wahre Urvolk der Gebirge» - jedenfalls den Sagen nach - seien Feen,
Bärglütli, Härdlütli, Heiden und Sarazenen und wie man sie immer nenne. Und wenn
er eine Sage über sie erzählte oder sich erzählen liess, pflegte er schmunzelnd
anzufügen: «S cha si, s cha nid si, s cha ou ganz andersch si.» Es kann sein,
vielleicht ist es auch ganz anders.
In Prag kam Sergius Golowin 1930 zur Welt als Sohn einer Berner Patrizierin. Die
Mutter aus dem Geschlecht der von Steiger war Dichterin und las dem Bub manchmal
östliche Weisheiten vor. Die Linie des Vaters, eines russischen Bildhauers,
führte zurück nach Odessa; seine Grossmutter - so erzählte Golowin später - sei
eine Zigeunerin gewesen. - S cha si.
Nach der Ausbildung in Bern wurde Golowin 1957 Stadtbibliothekar von Burgdorf.
Er begnügte sich nicht, Bücher aus den Regalen zu holen - man erinnert sich, wie
er sie mit schrägem Oberkörper unter dem einen Arm zu schleppen pflegte. Er
versenkte sich selbst darin. «Bücher waren für ihn fliegende Teppiche», sagt
sein Freund Xeno Zürcher. Der Bibliothekar sammelte Fabeln und Sagen und
veröffentlichte sie in einer Buchreihe.
Ende der fünfziger Jahre entstand in Berns berühmten Kellern eine eigenwillige
Szene von Literaten, Querdenkern und Lebenskünstlern. Man traf sich bei den «Kaminfeuer-Lesungen»,
dann im Zirkel «Tägel-Leist», dann im Kellerlokal «Junkere 37», wo Golowin über
«Bänkelsänger im Bernbiet» sprach oder «die Geheimwissenschaft des fahrenden
Volkes».
Als 1961 die Nationalstrasse 1 zwischen Zürich und Bern gebaut werden sollte,
wurden im Grauholz zwei Findlinge versetzt, die an den Riesen «Botti»
erinnerten. Golowin trat an die Öffentlichkeit. «Grabschändung» rief er und
veranstaltete einen Fackelzug. Dinge wie die «Botti»-Steine seien für ein Volk
«lebensnotwendig». Damit läutete er seinen Kampf gegen den «Fortschrittswahn»
ein.
Golowin, ein grosser Mann mit hakiger Nase, langen Haaren und gern in
Lederjacke, zog die Fäden in der Szene. Er galt bald als prominenter
Nonkonformist und hatte ein dickes Päckli Fichen beim Staatsschutz. Er machte
sich unbeliebt: Seinen Posten als Stadtbibliothekar hatte er aufgeben müssen,
nun betätigte er sich als freier Schriftsteller. Die Titel seiner Bücher, die
nach und nach erschienen, spiegeln seine Mythensuche: «Magische Gegenwart»,
«Lustige Eidgenossen», «Zigeunermagie im Alpenland», «Die Welt des Tarot».
Als der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt
1969 den «Grossen Literaturpreis des Kantons Bern» in Empfang nehmen sollte, kam
es zum Kulturskandal. «Die Preise kommen, wenn man sie nicht mehr braucht»,
sagte der Dichterfürst in seiner Rede, und verteilte das Geld an drei Junge.
Darunter Sergius Golowin, «der die Geschichte des nicht offiziellen Bern
erforscht», wie Dürrenmatt sagte. «Sein Herz gehört den Vogelfreien unseres
Rechtsstaates.» - Immer mehr wandte sich dieser Junge den «Fahrenden» zu - den
Roma, den Jenischen, den Sinti. Es ging ihm nicht um die Abgrenzung dieser
Gruppen, er vermischte sie gern. Von ihm aus gehörten auch die Hippies und die
sogenannten Gammler dazu. Alle waren für ihn fahrend, die es begriffen hatten.
Es - dass nichts fest ist im Leben und alles kommt und vergeht. Und dass
Geschichten für die Seele wichtiger sind als Börsenkurse. Solches verkündete er
in der «Kritischen Untergrunduniversität» - die er mit andern gründete -,
liebevoll «Kuss» genannt.
Manche belächelten ihn. Denn Golowin blieb dabei, auch als die Hippiezeit
verblühte und die Nonkonformistenszene ergraute. Sein Anliegen blieb die Pflege
der geistigen Artenvielfalt im Land. In seinen Büchern, die er weiter
publizierte, bürstete er die ganze Schweizergeschichte quer. Er machte die
Fahrenden zu den wahren Ureidgenossen. Erzählte, dass die tapferen Schweizer
Hirtenkrieger nur dank magischen Künsten und Kräutern über ihre Feinde siegten.
Entdeckte noch im Volkslied vom «Vreneli ab em Guggisbärg» Hinweise auf den
Drogenkonsum der Vorfahren (auf die Substanzen «Muschgate» und «Nägeli»). - S
cha si.
Manche leibhaftigen Fahrenden hörten ihn gerne, sie nahmen ihn auf in den
Verwaltungsrat ihrer Organisation, die Radgenossenschaft.
Selbst die Sage vom Igel, der jeden Wettlauf mit dem Hasen gewann, sei eine
jenische Sage, erzählte er dem Autor. «Der Igel konnte seinen Sieg nur erreichen
dank der Igelsippe», so Golowin, «die an jedem Posten einsprang» - bombastisches
Lachen. Und wenn man so zwei Stunden verhockt hatte, verabschiedete sich Golowin
mit sanftem Lächeln und dem Gruss: «Tschou Liebä».
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0411 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © W.W./NZZ