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„Chronist der Gegenwart“ – Büchner-Preis für Rainald Goetz
Schriftsteller Rainald Goetz erhält in diesem Jahr die bedeutendste deutsche Literatur-Auszeichnung: der mit 50.000 Euro dotierte Büchner-Preis.

Von Jens Dirksen in der NRZ vom 09.07.2015:

Als Rainald Goetz sich 1983 beim Bachmann-Wettbewerb mit dem Blut aus seiner angeritzten Stirn in die Annalen der deutschen Literatur einschrieb, hatte das eine fatale Wirkung: Es machte Goetz bekannter als alle Bachmannpreisträger vor und nach ihm – und verdeckte vollständig, dass Goetz’ Roman „Irre“ eines der Meisterwerke unter den deutschen Romandebüts der Nachkriegszeit war. Eine kenntnis- und einsichtsreiche Innensicht der deutschen Psychiatrie, die der Medizin und Geschichte parallel studierende Überflieger Goetz in der Praxis gewonnen hatte. Dabei notierte er schon damals: „Das einzige, was ich ernst meine, ist Schreiben. Alles andere nebenher.“ Aber auch: „Was muss ich tun, dass ich nicht auch so ein blöder Literaturblödel werde, der dumpf Kunst um Kunst hinschreibt.“

Der Partykönig unter den Literaten

Goetz ging es damals wie heute um eine intensivere Opposition der Kunst zur gesellschaftlichen Wirklichkeit – zu weit hatte sich die deutsche Literatur in seinen Augen von der Realität entfernt und sich selbst zu ernst genommen.

Johann Holtrop von Rainald Goetz, 2012, SuhrkampIn den Folgejahren suchte Goetz sein Heil in mitunter verzweifelt anmutenden Experimenten, schrieb die Trilogie „Krieg“ über 200 Jahre Revolutionsgeschichte bis zur Studentenbewegung – um sie kurz darauf mit einem vierjährigen Aufführungsverbot zu versehen. Er entwickelte sich zum Berufsjugendlichen und Partykönig unter den Literaten und wandte sich der Raverszene zu, weil er in deren Ekstasen die letzten Reservate des Glücks in einer durch und durch fremdbestimmten Gesellschaft sah. 1998 schrieb er mit dem Internet-Tagebuch „Abfall für alle“ das erste literarische Blog hierzulande.

Kristallisationspunkt des entfesselten Kapitalismus

Aber vielleicht war es Goetz’ Rückkehr zur gesellschaftlichen Wirklichkeit in „Johann Holtrop“, dem ganz offensichtlich vom Lebensweg Thomas Middelhoffs inspirierten Roman über Aufstieg und Fall, Wohl und Wehe eines Managers, über einen Charakter als Kristallisationspunkt des entfesselten Kapitalismus, der nun die Akademie für Sprache und Dichtung bewogen hat, Rainald Goetz den diesjährigen Georg-Büchner-Preis zuzusprechen, der am 31. Oktober verliehen wird. Die bedeutendste deutsche Literatur-Auszeichnung, dotiert mit 50 000 Euro, würdigt den 61-Jährigen, weil er sich „mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht“ habe.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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Rainald Goetz: Blut, Wort und die losen Enden der Gegenwart
Der deutsche Autor erhält den Büchnerpreis 2015
Von Stefan Gmünder aus Der Standard, Wien vom 09.07.2015:

Im Jahr 1983 raunte man sich im Vorfeld des Bachmannpreises zu, bei einem der eingeladenen Autoren handle es sich um ein Genie. Und der damals 29-jährige Rainald Goetz, den man zu jener Zeit vor allem durch seine Texte und Literaturkritiken in der Süddeutschen, in Spex und Spiegel kannte, enttäuschte – zunächst rein äußerlich – die Erwartungen nicht. Er reiste in punkmäßigem Aufzug an, zur Lesung erschien er dann zwar im Konfirmantenanzug, aber zu spät, was einer Demütigung der Jury gleichkam. Letztere spielte auch in seinem Text Subito eine Rolle, in dem er gegen den von Nullen dominierten Literaturbetrieb und die "Klagenfurter Scheiße" schimpfte, wobei er sich nebenbei mit einer Rasierklinge die Stirn aufritzte und, jede Hilfe ablehnend, den Text vom blutigen Manuskript zu Ende las.

Der Rest ist Literaturgeschichte. Zwar verließ Goetz Kärnten ohne Preis. Doch vielen war klar geworden, dass es hier einem mit seinen Reflexionen über den Widerspruch von Wort und Wirklichkeit ernst war. Zunächst hatte allerdings wenig darauf hingedeutet, dass der am 24. Mai 1954 in München als Sohn eines Chirurgen und einer Fotografin geborene Rainald Maria Goetz eine literarische Karriere machen würde. Denn nach Studien der Geschichte und Medizin in München und Paris, in beiden Fächern ist er promoviert, kam Goetz nach einigen journalistischen Texten und seiner Arbeit als Psychiatriearzt erst spät zum Schreiben, wobei er gleich mit seinem ersten Roman Irre (1983) den Durchbruch schaffte.

Seither hat Goetz 20 Bücher veröffentlicht, darunter Stücke, Erzählungen, Tagebücher und zunächst im Internet publizierte Schriften, heute würde man Blog dazu sagen, wie Abfall für alle (1998), die sich in ihrem Nebeneinander von Einkaufszetteln, Reflexionen, Lektüreeindrücken und Loveparade-Erlebnissen traditionellen Zuschreibungen entziehen.

Es gibt in Deutschland wohl keinen Autor, der seiner Gegenwart mit solcher Verve, mit derartigem emotionalem Einsatz entgegentritt und ihre losen Enden zu verknüpfen versucht wie der Büchnerpreisträger 2015, über den, obwohl er sich als repräsentatives Ich in unserer Zeit versteht, wenig wirklich Privates zu erfahren ist. Er sei, heißt es, ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und lebe in Berlin. Von dort wird er am 31. Oktober nach Darmstadt fahren und den mit 50.000 Euro dotierten wichtigsten Literaturpreis des deutschen Sprachraums entgegennehmen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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