Johann Wolfgang von Goethe, Stahlstich, gestochen von K. Barth, 19. Jhdt., out of copyright, aus Privatsammlungfoto-poklekowski Doris Poklekowski

Johann Wolfgang Goethe
Repro: Doris Poklekowskii

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1.) - 3.)

Vergessener Goethe
Am 22. März 1832, vor 175 Jahren, starb der geliebteste aller Klassiker. Doch der Todestag wird kaum zur Kenntnis genommen. Hat der Dichterfürst ausgedient? Oder haben wir sein Jubiläum etwa verschlafen? Eine kleine Ketzerei
Von Gudrun Norbisrath aus der WAZ vom 15.3.2007:

Früher war alles besser. Da standen die Quartaner frisch gescheitelt in Reih´ und Glied und lauschten dem Schulchor, der den "Musensohn" zu Gehör brachte, dieweil sich der Direx zwischen zwei Buchsbäumchen in Positur warf und markige Worte über den Olympier und das klassische Bildungsideal am Beispiel Iphigeniens verlor. So sahen Goethe-Feiern vor 50 Jahren aus. Und heute?

Es ist merkwürdig - der 175. Todestag findet weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Während die Welt sich nicht genug tun kann, Hans Joachim Fuchsberger zu feiern und Martin Walser schon acht Tage vor seinem runden Geburtstag emsig besungen wird, hört man zu Goethe herzlich wenig. Seine Heimatstadt Frankfurt hat mit Mühe und Not eine Gesprächsrunde zustande gebracht; sie wurde, scheint´s, etwas überstürzt organisiert. Immerhin sollen demnächst Goethe-Denkmal und Goethe-Platz aufgehübscht werden.

Die Einzigen, die ausführlicher Notiz nehmen, sind die Verlage; bei ihnen darf man allerdings ein vitales ökonomisches Interesse unterstellen. Im Übrigen liest man kleine Abhandlungen über Goethe und den Islam, Goethe als Intendant, Goethe als Schauspieler. Und die Deutsche Presse-Agentur leistet ihren eigenen Beitrag zur Aufklärung: Unter dem 22. März findet sich der Hinweis "Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Schriftsteller (,Faust´)".

Um Himmels Willen - was ist aus unserem Dichterfürsten geworden?

Und Sie? Wann haben Sie denn zum letzten Mal Goethe gelesen? Na?

Meine Mutter hat mir glaubhaft versichert, dass sie in der Volksschule "Herrmann und Dorothea" gepaukt haben. Sie konnte "Über allen Gipfeln ist Ruh´" und natürlich "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind". In meiner eigenen Schulzeit kam Goethe nicht vor. Wir lasen Schiller, der schien wohl unverfänglicher; später Brecht, Benn und Borchert, und an der Uni Jean Paul und Ingeborg Bachmann. Was eben zusammenkommt, wenn man Studenten und Akademischen Räten die Wahl lässt.

Goethe begegnete ich erst im Examen; er hätte es mir fast vermasselt. Ich wusste alles über Thomas Mann und "Doktor Faustus" und über Goethe immerhin soviel, dass ich mein Wissen einordnen konnte. Der Prüfer aber war vom alten Schlag - einer, der Fakten! Fakten! Fakten! liebte und zu allem Unglück Goethe-Spezialist war. Am Ende rettete mich sein ungläubiges Staunen, er beschloss, mir einen Black Out zu attestieren. Dabei hatte ich wirklich keine Ahnung, wann "Erwin und Elmire" entstanden war. Dass ich zu Adelbert von Weislingen nicht Stellung zu beziehen wusste und außer den "Wahlverwandtschaften" fast nichts richtig gelesen hatte, schien mir damals kein Makel.

Und, ist es denn einer? Ja. Nein. Ja - aber.

Dass Quartaner vor 50 Jahren mehr mit der Iphigenie anfangen konnten als Dreizehnjährige heute: Ich bezweifle es. Die komplexen Fragen nach Humanität und Freiheit der Entscheidung vermitteln sich nicht leichter, wenn sie in gemessene Verse gekleidet sind, und schwer durchschaubare Familienverhältnisse tragen zur Einsicht wenig bei. Vor allem aber: Der Glaube an ein unabänderliches Schicksal hat sich (bei uns) zum Glück erledigt; wir wissen um die Bedeutung persönlicher Schuld oder sollten es wissen. Ebenso ist uns die Befreiung von religiöser Bevormundung kein ästhetisches Programm mehr, darüber sind wir hinaus; wir müssen mit einem entgrenzten Kommunikationssystem klarkommen, mit ökonomischen und ökologischen Abhängigkeiten. Die nicht alle neu sind; Goethe wusste sehr gut, wie zwiespältig sich seine Kunst zur Lebenswirklichkeit verhielt. "Hier will das Drama gar nicht fort", schrieb er an Charlotte von Stein aus Apolda, "es ist verflucht, der König von Tauris soll reden, als wenn kein Strumpfwürker in Apolde hungerte."

Also weg mit Goethe? Nein. Unsinn. Bloß nicht. Der Faust (beide Teile!) gehört zum Schönsten, was man lesen und auf der Bühne sehen kann. Und im lyrischen Werk kann man versinken. Wenn aber die Zeit und ihre neue Weltsicht dazu beitragen, dem Dichter den Lorbeerkranz zurecht zu rücken, dann bin ich dabei. Goethe höher zu schätzen als alle anderen - dazu gibt es keinen Grund. Er ist ein Großer und soll groß bleiben, und er sollte ganz gewiss nicht vergessen sein. Aber damit ist es auch genug.

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Johann Wolfgang von Goethe, Historisches Portrait, E. Hader pinxit 1895, aus Privatsammlung; Copyright: foto-poklekowski Doris Poklekowski

Johann Wolfgang Goethe
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2.)

Die Gewohnheiten des Geheimrats
Ein deutscher Klassiker: Vor 175 Jahren starb Johann Wolfgang von Goethe
Besprechung zu Gero von Wilpert: Die 101 wichtigsten Fragen. Goethe. (2007, Beck).
V
on Thilo Castner aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.03.2007:

Als der Weimarer Geheimrat starb, waren seine letzten Worte nicht, wie häufig behauptet worden ist, «Mehr Licht». Sein Sekretär Kräuter hörte vielmehr, dass Goethe um sein Nachtgeschirr bat, und der Naturwissenschaftler Soret vernahm: «Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen!» Beide standen im Nebenzimmer und lauschten.

Untersuchungen und Studien über das literarische und naturwissenschaftliche Werk des Weimarer Dichterfürsten sind schier unendlich. Was Gero von Wilpert, Verfasser eines monumentalen Goethe-Lexikons, jetzt vorgelegt hat, sind ausschließlich Fakten über Goethe als Privatmann mit guten und weniger guten Eigenschaften, zusammengefasst als Antworten zu 101 Fragen. Und dabei kommt allerhand Überraschendes und Witziges zu Tage.

Egoistisches Genie

Wilpert zeigt: Der Dichterfürst war zweifelsfrei ein Genie, jedoch kein Sachverständiger für Bildende Kunst, und auch sein Verhältnis zur Musik blieb «vorwiegend theoretisch». Seine Sammelleidenschaft - er hatte 18 000 Mineralien und Fossilien sowie 26 500 Kunstobjekte hinterlassen - war eklektisch und enthielt manches Belanglose. Goethe konnte Brillenträger nicht ausstehen, über jeden ausgegebenen Pfennig musste Buch geführt werden, Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion waren ihm ein Graus - er diktierte grundsätzlich ohne Punkt und Komma. Goethe wird zudem als recht knauserig und egoistisch geschildert. So erhielt Eckermann «kaum Lohn, gelegentlich Mittagstisch und Einladungen, Theater-Freikarten und später einen Doktortitel aus Jena».

Der Geheimrat selbst legte immensen Wert auf vornehme Kleidung und üppige Mahlzeiten. 20 Prozent des Einkommens wurden in teuren Wein angelegt, eine Flasche bereits mittags war die Regel. Die anfängliche Verachtung gegenüber dem Adel legte sich mit zunehmenden Alter. Als «Fürstenknecht» bezeichnet zu werden empfand er nicht als ehrenrührig. Er hasste Revolutionen, insbesondere die französische, bewunderte Napoleon und schmückte sich gern bei feierlichen Anlässen mit seinen zahlreichen Orden.

Frauen gegenüber blieb er lange gehemmt, Liebschaften waren zunächst rein platonisch. Erst während der Italienreise kam es im fortgeschrittenen Alter von 37 zu einer intimen Liebesbeziehung, und auch später hatte er neben Christiane Vulpius keinerlei erotische Kontakte.

Erstaunlich lang ist die Liste seiner Krankheiten. 1768/69 Blutsturz in Leipzig, 1801 Gehirnhautentzündung, 1805 schwere Nierenkoliken, 1823 Herzbeutelentzündung und Infarkt, 1832 Lungenentzündung, nach 1775 häufig Katarrh, Verdauungsbeschwerden, später Rheuma, Kopfschmerzen und Schwindelanfälle, Herz- und Kreislaufbeschwerden. Krankheiten, das wusste er wohl, sind nun mal «das größte irdische Übel».

Mensch mit Schwächen

Viele Goethe-Verehrer werden einige von Wilperts sorgfältig recherchierten Antworten auf die 101 Fragen als Sakrileg empfinden. Doch Goethe war nun mal ein Mensch mit Schwächen, die seine Biografen bisher nur allzu gern ignoriert oder verschwiegen haben. Wer wissen will, wie Goethe wirklich war, zu seinen Kindern und Enkeln, zu Freunden und Feinden, ob er rauchte, Bier trank, Humor besaß, schwimmen konnte oder Sport trieb, wird dieses Büchlein mit großem Gewinn lesen.

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Johann Wolfgang von Goethe, Stahlstich 1844, aus Privatsammlung; Copyright: foto-poklekowski Doris Poklekowski

Johann Wolfgang Goethe
Repro: Doris Poklekowskii

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3.)

Der Tod? Ein Kunstgriff der Natur!
Vor 175 Jahren ging eine Epoche zu Ende: Der unsterbliche Johann Wolfgang von Goethe hörte auf zu atmen.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 23.03.2007:

Dem Tod ist Goethe aus dem Weg gegangen. Nicht nur, weil er 82 wurde - ein Alter, das sich fast methusalemhaft ausnimmt in einer Epoche, in der die durchschnittliche Lebenserwartung bei 40 Jahren lag. Nein, Goethe suchte das Weite oder war unpässlich, sobald eine Beerdigung in seinem Umkreis anstand. Weder seine Schwester Cornelia noch den Freund Schiller, der 1805 bei Nacht beigesetzt wurde, oder seinen Gönner Carl August begleitete Goethe zur letzten Ruhestätte. Und als seine Frau Christiane Vulpius sich im Sommer 1816 auf dem Sterbebett quält, kränkelt der Geheimrat prompt ("Ich den ganzen Tag im Bett"). Zwei Tage drauf fehlt er auch bei der Beerdigung. Als Denker erklärte Goethe den Tod zu einer Unmöglichkeit, die unversehens zur Wirklichkeit wird. Nicht, dass er sich empört hätte über den Skandal des plötzlichen Nichtseins wie später Elias Canetti. Goethe nannte den Tod einen Kunstgriff der Natur, den sie anwende, um ein Maximum an Leben zu haben; so gehört das Ende seines Gedichts "Selige Sehnsucht" längst zum allgemeinen Trostreservoir: "Und so lang du das nicht hast Dieses: stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."

Er schlief von neun bis fünf

Mit dem eigenen Tod aber hat Goethe nicht gerechnet. In den letzten Jahren seines Lebens ging es ihm ohnehin besser als zuvor. Glaubte jedenfalls sein Hausarzt Dr. Carl Vogel; der war stolz darauf, dass er Goethe davon abbringen konnte, selbst an sich herumzudoktern und -kurieren. Im neunten Lebensjahrzehnt war der Dichter gut bei Kräften, sein Nachtschlaf von neun bis um fünf Uhr morgens war fast immer tief. Er war ein wenig schwerhörig, besonders bei nasskaltem Wetter, und das Kurzzeitgedächtnis hatte nachgelassen. Auch die frühere "Beweglichkeit der Gedanken" nahm ab, wie Carl Vogel feststellte, und es fiel Goethe immer schwerer, Entschlüsse zu fassen, er wurde "leicht grämlich", wenn er gezwungen war, schnelle Entscheidungen zu treffen.

Immerhin hatte er sich entschieden, keinen Champagner mehr zu trinken, obwohl er ihn so liebte wie kein anderes Getränk; er verzichtete auch auf den Punsch abends um sechs, den er im Theater immer getrunken hatte; so beließ er es bei einem Glas Madeira zum Frühstück und "einer gewöhnlichen Flasche leichten Würzburger Tischweins", um eventuell "noch ein ganz kleines Gläschen Tinto di Rota" zum Nachtisch draufzusetzen.

Dafür soll Goethe bis zuletzt einen kräftigen Appetit gehabt haben, besonders bei Kuchen und Süßigkeiten. Und er war rastlos, schrieb noch am "Faust II". In seinem letzten Brief, den er von seinem Schreiber auf den 17. März 1832 datieren lässt, erklärt er Wilhelm von Humboldt, dass er den zweiten Teil seines Großwerks angesichts der "verwirrten" Zeiten lieber nicht erscheinen lassen will.

Mehr Licht!
Oder "Mer liescht..."?

Zum Schreiben, bei dem sich sein Freund Schiller bekanntlich vom Duft eines fauligen Apfels im Schreibtisch inspirieren ließ, liebte Goethe übrigens "eingeschlossene Zimmerluft", wie sein Arzt vermerkt. Am 15. März aber stand den Dichter der Sinn nach frischer Luft. Bei der Spazierfahrt, die er unternahm, muss er sich erkältet haben, den Tag darauf hat er dann "wegen Unwohlseyn im Bette zugebracht", wie das Tagebuch vermerkt. Es ist der letzte Eintrag. Am Morgen des 21. erlitt Goethe, so nimmt man heute an, einen Herzinfarkt. Am Abend ist er nur noch selten bei Bewusstsein. Man setzt ihn in einen Armstuhl, er malt mit der Hand Zeichen in die Luft. Er lässt noch einmal die Fensterläden öffnen, ob er wirklich "Mehr Licht!" gesagt hat, ist ungewiss. Kundige Geister halten es auch für möglich, dass er, der wegen seiner hessischen Herkunft im "Faust" gereimt hatte "Ach neige, Du Schmerzensreiche", eigentlich sagen wollte "Mer liescht hier so schlescht."

Am 22. März scherzte er morgens, als der Arzt ihn schon aufgegeben hatte, mit seiner Schwiegertochter Ottilie. Sie ist es auch, die ihm am Mittag die Augen zudrückt. "Von Todesängsten war er befreit", berichtete ein Zeuge später, "sein Sterben war nur ein Ausbleiben des Athems."

Und er wird leben, solange er gelesen wird. (NRZ)

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