Robert Gernhardt, Foto: Doris Poklekowski

Robert Gernhardt, Foto: Doris Poklekowski
www.foto-poklekowski.de

1.) - 2.)

Bruder Leichtversfuß
Ein einzigartiger Poet und Hochkomiker: Robert Gernhardt erlag in Frankfurt mit 68 Jahren seinem Krebsleiden.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 30.06.2006:

Als Robert Gernhardt vor vier Jahren an der Essener Universität eine Vorlesung über "Das Haus der Poesie" hielt, da kiekste es unaufhörlich im Hörsaal. Manchmal erst Minuten nach der Pointe. Oder Minuten nach der Pointe immer noch. Robert Gernhardt konnte, was so selten gekonnt ist in Deutschland - reine Komik. Er hat diesem Land ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, das zuvor nur Grimm oder Grinsen kannte. Universitäten von Tübingen über Frankfurt bis Düsseldorf haben ihn in den letzten Jahren eingeladen. Aber lehren konnte der beste Gagschreiber von Otto Waalkes hier wie dort und auch in Essen nicht, wie´s denn geht: das Leichte, das so schwer zu machen ist. Der Sinn für den großen Unsinn. Bei aller Ironie und satirischen Schärfe, bei allem Spott - was ihn antrieb und einzigartig werden ließ unter den wahren Dichtern unserer Zeit, lag jenseits von Wahrheit und Dichtung: Es war ein tiefes Einverstandensein mit der Welt und der Tatsache, dass sie von Menschen bewohnt ist, die vernünftig sein könnten. Zuneigung? Nein, da war mehr. Nennen wir´s - Liebe.

Die lachende Volksbefreiungsbrigade

Gernhardt, der Richtersohn, der 1937 im estnischen Reval, heute Tallin geboren wurde, nach dem Krieg in Göttingen aufwuchs und ab 1956 Malerei und die Deutsche Sprache studierte, hatte sich vollgesogen mit Bildung, als er 1964 Redakteur bei der Satire-Postille "Pardon" wurde. Er und die "Neue Frankfurter Schule" um ihn herum, F.W. Bernstein, F.K. Waechter und andere, sie waren die lachende Volksbefreiungsbrigade der '68er-Revolte - selbst deren Bierernst zersetzte sich im Säurebad des stets blödelbereiten, bissigen Humors; diese Kritiker der Elche waren nicht nur selber welche, sondern auch das einzig wirklich Antiautoritäre, das die Studentenbewegung hervorgebracht hat. Noch im Satire-Flaggschiff "Titanic", das Gernhardt 1979 mitbegründete, lachte er als "Humorkritiker" mit dem Pseudonym "Hans Mentz" gnadenlos kaputt, was andere kaputtmachte.

Ein Erbe von Wilhelm Busch

Er war als Dichterzeichner mit schnoddriger Eleganz der legitime Erbe von Wilhelm Busch, seine Ahnentafel reicht von Lichtenberg bis Morgenstern. Gernhardt dichtete nicht selten, als hätte man Brecht und Heinz Erhardt zusammen zum Versschmieden in die Werkstatt geschickt. Er hielt die Wacht am Reim und war der letzte unumstrittene Heine-Preisträger, zumal er dessen Esprit fortgeschrieben hat, diesen Kurzschluss zwischen Geist und Witz, der nicht nur das Zwerchfell elektrisiert. Gernhardt hat uns den täglichen Blödsinn "aus unseren Kreisen" vorgehalten und wundervolle Kinderbücher geschrieben. Und ein saukomisches Theaterstück wie die " Toskana-Therapie", das die gleichnamige deutsche Mittelschicht-Fraktion und ihre Marotten aufspießt, wie er sie rund um seinen italienischen Zweitwohnsitz erlebt hat.

Zuletzt wollte er nicht mal einen Unterschied zwischen Scherzensmann und Schmerzensmann machen. Vor zehn Jahren begann er, gegen seinen Herzinfarkt und die Angst danach anzudichten; und dass er vor drei Jahren jene Diagnose erhielt, die nun ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, bescherte der deutschen Literatur das allererste Darmkrebs-Gedicht. Selbst dem Tod begegnet Gernhardt mit mildem Spott: "Wollte immer schnell abtreten. / Bin wohl bestimmt zum Weilen / Wie sollte denn den, der so langsam vergeht, jemals das Ende ereilen."

Gestern morgen ist es dann doch passiert. Und den Kalauer, der uns darüber hinwegtröstet, schreibt keiner. Nicht mal Gernhardt.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

Robert Gernhardt, Foto: Doris Poklekowski

Robert Gernhardt, Foto: Doris Poklekowski
www.foto-poklekowski.de

2.)

Mit dem Luftballon über den Abgrund
Zum Tod des Lyrikers Robert Gernhardt
Von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 01.07.2006:

Um eine Widmung gebeten, schrieb der Dichter nicht in seinen Lyrikband "Im Glück und anderswo", sondern zeichnete: Ein Mensch steht an der Kante einer senkrecht abfallenden Klippe. Und er hängt sich an einen Luftballon, um den Abgrund zu überwinden. Das Leben - Gefährdung und Hoffnung.

Robert Gernhardt, der am Freitag im Alter von 68 Jahren in Frankfurt am Main an Krebs starb, balancierte lange Jahre an dieser Kante. Mutig und wie immer witzig, weise und nie überkandidelt, unverblümt und tapfer verwandelte er sein Erleben in Kunst. Auch als die niedergekämpfte Krankheit wiederaufflammte.

"Ich wollte mich unterhalten und die Leute."
Robert Gernhardt


Eine bewegende Bilanz dieses Ringens zogen die Verse in dem Buch "Die K-Gedichte" (2004), in dem er sich mit seiner Krankheit "als Schangse" auseinandergesetzt hatte (wie in "Lichte Gedichte" mit dem Herzinfarkt). Er ersparte dem Leser nicht Chemotherapie noch Siechtum noch die Gleichgültigkeit der Gesunden. Bewegend insbesondere deswegen, weil wir Gernhardt als Humoristen von allererster Güte verehren. Egal ob er Zeichen- oder Schreibstift führte.

Robert Gernhardt wurde im damaligen Reval (heute Tallinn) am 13. Dezember 1937 geboren; '39 ging die Familie nach Posen. Bei Kriegsende floh die Mutter mit ihren drei Buben in den Westen. In Göttingen fand die Familie ein neues Zuhause. Der junge Robert studierte in Stuttgart und Berlin an der Akademie Malerei und an der Universität Germanistik. Zunächst in Frankfurt als Redakteur tätig, schlug er sich ab 1966 freiberuflich durch: als Karikaturist, Maler und Schriftsteller. Mit F .K. Waechter und F. W. Bernstein schuf er für "Pardon" die Kolumne "Welt im Spiegel", bevor er 1979 zum Mitbegründer der Satire-Zeitschrift "Titanic" wurde. Die so genannte "Neue Frankfurter Schule" bildete sich heraus (mit Eckhard Henscheid, Hans Traxler, Bernd Eilert u.a.). Heine, Busch, Tucholsky und Co. hatten so spritzige wie saufreche Nachfolger gefunden.

Aber Gernhardt wollte mehr, als nur im Satire-Betrieb mitmischen. Deswegen versuchte er, die heitere Lyrik vom Ruch der Kleinkunst, gar der Dumpf-Humorigkeit zu befreien. Das war nicht leicht und wurde ihm manches Mal hochnäsig verübelt. Gernhardt dazu in einem Gespräch mit unserer Zeitung: "Die reine Lehre der Intellektuellen ist nicht wichtig, ich halte mich an Fontane. Er forderte von einem Kunstwerk, dass es mich entweder erhebt oder erschüttert oder erheitert oder gedanklich beschäftigt." Gernhardt war gut - und erfolgreich. Er bekannte sich zu seiner Lust auf Wirkung: "Ich wollte mich unterhalten und die Leute.

Da benutzt man die klassische Schule. Wer wirken will, wird nicht auf Reim und Metrik verzichten und nicht auf die Pointe." Dass er damit Recht hatte, beweisen seine Fans, die Verse, aber auch Romane, Gags (für Otto Waalkes) oder das Stück "Die Toscana-Therapie" lieben. Und er freute sich: "Der Humor hat seine Dichter durchaus ernährt. Das ist ein gutes Zeichen für die Deutschen."

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0706 LYRIKwelt © Münchner Merkur