Ein frommer Dauerbrenner
Am 12. März würde der evangelische Liederdichter Paul Gerhardt 400 Jahre alt. Eine katholische Würdigung.
Von Stefan Klöckner aus der NRZ vom 9.3.2007:

Seine Kirchenliedtexte sind auch heute noch in den Gesangbüchern aller christlichen Konfessionen zu finden: Paul Gerhardt, Dichter und Prediger, wurde vor 400 Jahren, genauer am 12. März 1607 in Gräfenhainichen geboren. Zweierlei prägte sein Leben schon früh: die Natur, die sich in seinen Sprachbildern immer wiederfindet - und die Nähe zur Lutherstadt Wittenberg, wo Gerhardt nach strenger Schulausbildung von 1628 bis 1634 evangelische Theologie studierte. Die Verbindung zur lutherischen Orthodoxie sollte ihn ein Leben lang prägen und schließlich auch zu massiven Konflikten mit der Amtskirche führen.

Massive Selbstzweifel

Mit großer Sprachkraft und Sensibilität setzte Gerhardt dagegen seine theologischen Akzente. Seine Lieder sind durchweg Trostbotschaften: Mag des Menschen Lage auch noch so hoffnungslos sein - alle Trauer wird in Gottes unverlierbares Heil hinein gewendet. Dass sich die Gerhardtschen Dichtungen dabei eines billigen weil vorschnellen Trostes enthalten, mag auch am Lebensweg des Theologen-Dichters gelegen haben: Nach massiven Selbstzweifeln wirkte er zunächst als Privaterzieher in Berlin und war erst spät dazu bereit, zuerst in Mittenwalde (Spreewald) und dann (ab 1657) an der Nicolaikirche in Berlin seelsorglich und predigend tätig zu werden.

Die Berliner Jahre waren fruchtbar - vor allem durch die Begegnung mit dem Nicolaikantor Johann Crüger. Dieser erwies sich als den Texten kongenialer Komponist und vertonte in wenigen Jahren zahlreiche Texte Gerhardts. Er wurde geradezu zum "Geburtshelfer" der Liedtexte, die er in seinem Büchlein "Praxis pietatis melica" herausgab: Waren 1647 hier noch 18 Lieder mit Gerhardt-Texten vertreten, so wies die fünfte Auflage derselben Sammlung 1653 bereits 82 und die zehnte 1661 dann 89 Lieder auf. Das spricht für die wachsende Beliebtheit des schwerblütig-schüchternen Theologen, der sich als Seelenführer in Berlin so großer Wertschätzung erfreute.

Das musste im Jahre 1666 auch der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm von Preußen erfahren. Der Landesherr neigte zum Calvinismus süddeutscher Prägung und wollte seine in "lutherische" und "reformierte" Konfession gespaltenen Lande zu einem einheitlichen Bekenntnis zusammenfügen. Der zutiefst von der lutherischen Orthodoxie geprägte Gerhardt weigerte sich aus Gewissensgründen, die entsprechenden Verpflichtungen zu unterzeichnen, und verlor 1666 sein Amt an der Berliner Nicolaikirche. Nach massiven Protesten vieler Gemeindemitglieder wollte der Kurfürst Gerhardt stillschweigend wieder in sein Amt einsetzen; dieser blieb jedoch seinen Grundsätzen verpflichtet und brüskierte lieber den kompromissbereiten Herrscher, als auch nur einen Deut von seiner Gewissensentscheidung abzuweichen.

Einige Jahre war er nun arbeitslos, bis er 1669 in Lübben wieder eine kleine Stelle als Seelsorger zugewiesen bekam. Hier starb Paul Gerhardt am 27. Mai 1676 - müde, enttäuscht und entkräftet von den innerkirchlichen Auseinandersetzungen und vielen persönlichen Schicksalsschlägen.

Er wusste, wovon er singen ließ

Im Gegensatz zu vielen Texten heutiger Kirchenlied-Dichter, die oftmals sprachlich flach und inhaltlich dünn sind und daher das Schicksal der Eintagsfliegen teilen, haben sich Gerhardt-Texte auf Dauer durchgesetzt - warum? Zwei Gründe mögen dafür ausschlaggebend sein: Zum einen halten sich in ihnen das individuelle "Ich" und das kollektive "Wir" die gesunde Waage. Christlicher Glaube fordert immer die einzelne Person heraus - und ist doch nur in der Gemeinschaft der Kirche möglich. Zum anderen sind die Sprachbilder - mögen sie auf manchen vielleicht auch antiquiert wirken - im Feuer eines persönlichen Schicksals ausgehärtet: Sie halten in den dunklen Tagen des Lebens Stand, denn man merkt ihnen an: Ihr Schöpfer wusste, wovon er sprach, als er sie dichtete!

Keiner hat das ergreifender ausgedrückt als der zum Tode verurteilte Dietrich Bonhoeffer, der 1943 und 1944 schrieb: "In den ersten zwölf Tagen, in denen ich hier als Schwerverbrecher abgesondert und behandelt wurde - meine Nachbarzellen sind bis heute fast nur mit gefesselten Todeskandidaten belegt -, hat sich Paul Gerhardt in ungeahnter Weise bewährt, dazu die Psalmen ..." Und: "Zwar beschäftigen mich die theologischen Gedanken unablässig, aber es kommen dann doch auch Stunden, in denen man sich mit den unreflektierten Lebens- und Glaubensvorstellungen begnügen lässt. Da freut man sich ganz einfach an den Losungen des Tages, und man kehrt zu den schönen Paul-Gerhardt-Liedern zurück und ist froh über diesen Besitz." (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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