Das Zuchthaus machte ihn zum Dichter
Zum 100. Geburtstag des umstrittenenen französischen Schriftstellers Jean Genet
Von Jens Voskamp aus den Nürnberger Nachrichten vom 14.12.2010:

Er provozierte, weil er das als seine Grundhaltung ansah: Jean Genet erhob das Milieu der Kleinkriminellen, Knastbrüder und Stricher zu literarischen Ehren. Am 19. Dezember wäre der radikale Franzose hundert Jahre alt geworden.

„Diebstahl, Verrat, Homosexualität, drei Tugenden, die ich als theologisch einsetze“ hatte Jean Genet in seinem wohl berühmtesten Roman „Querelle de Brest“ bekannt. 1953 war das. Da hatte der Pariser, der in ärmlichste Verhältnisse hineingeboren wurde, bereits ein Leben hinter sich, das andere in 80 Jahren nicht ausfüllen.

Die Mutter, eine Prostituierte, übergab ihn den Behörden, die den jungen Jean durch allerlei Erziehungsheime schleppten. Mit 20 türmte er nach Spanien: Die Armenviertel von Madrid zogen ihn an. Die Bettler, Zuhälter und Stricher, die er später in seinen Romanen und Theaterstücken so minutiös schilderte, lernte er hier ebenso intensiv kennen wie die gewerbsmäßige Bandenkriminalität. Die Armee lehnte den Vorbestraften ab, die Fremdenlegion schmiss Genet raus, als herauskam, dass er zwei Offizieren die Koffer geklaut hatte.

1942, im Gefängnis von Fresnes, beginnt er zu schreiben: Seine erste Veröffentlichung ist das Gedicht „Der zum Tode Verurteilte“. Der bekennende Kriminelle wandelt sich zum Literaten. Seine Sprache ist derb, direkt, ja pornographisch, und zeigt doch in jeder Zeile ein hohes Maß an Sensibilität. Seine Metaphorik berauscht sich in komplexen Verschraubungen, die religiöse Motive erkennen lassen.

Seine Ästhetik der Amoralität begeistert die linksintellektuellen Kreise. So setzen sich unter anderen
Cocteau, Picasso, Giacometti, Dora Maar und auch Sartre dafür ein, dass der französische Staatspräsident Genet 1948 endgültig aus dem Strafregister streicht und die drohende lebenslange Arbeitshaft abgewendet wird.

Es folgten ungemein produktive Jahre, in denen in dichter Folge „Das Totenfest“, das Drama „Die Zofen“ oder „Tagebuch eines Diebes“ entstanden. Danach stürzte Genet in eine tiefe Depression, die noch dadurch verstärkt wurde, dass ihn ein römischer Stricher wirtschaftlich ausnutzte.

In einer zweiten Schaffensphase kamen „Der Balkon“ (1957 von Peter Zadek uraufgeführt), „Die Neger“, „Die Wände“ hervor.
 

Jetzt riss sich das bürgerliche Theater um den schwulen Dichter, dem Sartre seine fast 600-seitige Abhandlung namens „Der Heilige Genet, Komödiant und Märtyrer“ widmete.

br-alpha zeigt am 19. Dezember um 15.30 Uhr das Portrait „Am Anfang war der Dieb“ und um 23.35 Uhr „Poison“. arte sendet am 19. Dezember „Jean Genet, ein aufsässiger Schriftsteller“ (5 Uhr).


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