Die Welt wird Poesie
Wilhelm Genazino über Literatur, Kinder und Politik
Interview mit Wilhelm
Genazino von Simone Dattenberger aus dem Münchner
Merkur, 23.2.2005:
"Wir alle leben in der Apokalypse einer nicht möglichen Wahrheit", heißt es in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Die Liebesblödigkeit" (Hanser Verlag). Dienstagabend las der Frankfurter Autor (Jahrgang 1943) im Münchner Literaturhaus aus seinem Werk, das kurz nach Erscheinen schon auf den vorderen Rängen der Bestsellerlisten steht. Von solch einem Erfolg war Genazino in den 70er-Jahren, als seine "Abschaffel"-Romane heruaskamen, weit entfernt. Breite begeisterte Resonanz entwickelte sich erst 2001 mit "Ein Regenschirm für diesen Tag".
Sie verschaffen uns mit Ihren Büchern Leseglück.
Bei wem finden Sie Ihr Leseglück?
Genazino: Ich lese wieder Älteres: von Joseph Conrad "Falk". Und
nach 40 Jahren wieder Proust. Ich bin dadurch wirklich beglückt; auch darüber
- was sich ja sonst nicht lohnt -, dass man 40 Jahre älter ist. Bei den Neueren
finde ich Andrej Bitows "Geschmack" sehr gut: schlicht und großartig.
In Ihren Werken ist der "Hauptheld" der Alltag. Und obendrein ein
aufregender. Wie bekommt man so ein Kunststück hin?
Genazino: Sie müssen mir glauben, dass ich's nicht erklären kann. Wie
soll ich es sagen? Benjamin spricht von der "Versenkung ins Detail".
Ich tue das ohne Rücksicht, ob etwas dabei herausspringt; auch in meditativer
Absicht. Versenkung in Gegenstände, in ältere Gegenstände, bis sie ihre Hinfälligkeit
zeigen, um Zartheit bitten. Natürlich ist das eine Einbildung: Die Dinge sind
tot, aber man beleiht sie mit dem eigenen Blick. In der "Liebesblödigkeit"
erzählt eine alte Hose eine ganze Lebensgeschichte. Ich will's nicht übertreiben,
sonst wird es mystisch. Aber wenn man auf Dinge schaut, die mit einem verwachsen
sind, dann fangen sie an zu sprechen - dann ist man drin. Ich habe das
vielleicht nicht ganz reell dargestellt, aber das macht nichts. Denn: Wer
spricht eigentlich in uns? Die Erinnerung? Ein Gegenstand?
Wie entstehen Ihre Romane: Gibt es ein Grundanliegen, um das sich die
Episoden legen wie Blütenblätter einer Knospe?
Genazino: Die neuen Texte entwickeln sich oft aus dem, was übrig bleibt
von einem Buch. Oder ein Textstück zeigt, dass es noch nicht durchgekocht ist;
hier schlummert noch etwas. Bei der "Liebesblödigkeit" zum Beispiel
gibt es am Ende ein paar Kinderszenen der Hauptfigur. Die Schamhaftigkeit dieses
Jungen spielt eine große Rolle. Da fängt etwas an zu sprechen. Eigentlich ist
es das Unbewusste. Es bewegt etwas. Es sagt, dass etwas ist, aber nicht, was es
ist. Ich bin kein Autor, der herumläuft und überlegt: Was schreibe ich bloß?
Ich wäre unglücklich, wenn ich ein Stoffhuber wäre. Ich habe meine Methode,
die keine Methode ist. Ich habe eine Nachhaltigkeit, die Nachhaltigkeit des
Lebens. Sie führt zu neuen Büchern.
Kinder sind auf ganz leise Weise enorm wichtig im Buch. Mit der kleinen
Schwester des Sisyphos, die mit einer Schere Grashalm für Grashalm eines Rasens
schneidet, erklären Sie überzeugend, warum Sisyphos ein glücklicher Mann ist.
Genazino: Mit Kindern ist ein Stück Melancholie über das endgültig
Vergangene verbunden: eine Zeit, als man noch nicht die Wirklichkeit
durchbuchstabiert hatte. Anders als Erwachsene weiß das Mädchen noch nichts
von der Verhältnismäßigkeit und, dass man das Handeln danach ausrichtet. Die
ununterbrochene Befragung des Lebens - das machen Kinder noch nicht, das ist
ihre Unschuld. So gelingt die Verwandlung der Welt in Poesie. Glück hat man,
wenn man solch eine kindliche Weltsicht sehen kann.
"Die Liebesblödigkeit" enthält die klassische Konstellation
"ein Mann zwischen zwei Frauen". Man ist an die Tür-auf-Tür-zu-Komödien
erinnert. Ihr Held kommt damit durch, entscheidet sich nicht für eine. Ist also
das Blöde das eigentlich Gescheite?
Genazino: Gescheit: Das ist mir zu forciert. Aber er kommt zu dem Punkt, an
dem er einverstanden ist mit seiner Lage. Das ist klüger, als wenn er Ordnung
schaffen wollte. So eine Beziehung ist aber ein wirkliches Problem. Der
kritische Ansatz ist, dass es bei uns nur auf drei Ebenen behandelt wird, und
zwar unqualifiziert: auf der Ebene der Bild-Zeitung; auf der der Talkshow mit
ihrer unglaublichen Verflachung; und - wenn alles zu spät ist - auf der des
Gerichtssaals. Unsere Gesellschaft hat keine Möglichkeit, das Problem vernünftig
zu diskutieren. Wahrscheinlich liegt das in der Natur des Menschen. Deswegen
gibt es so viele Berater, weil die Gesellschaft keine Lösungen findet.
Sie üben im Roman eine subtil-satirische Kritik am deutschen
Katastrophismus. Ist das nicht ein bisschen gemein, schließlich geht's manchen
wirklich schlecht.
Genazino: Es ist ein Balanceakt. Nach meinem Dafürhalten ist die komische
Betrachtungsweise die einzige, die übrig geblieben ist. Die ernste ist zu
verschlissen. Überforderte Mütter, Bildungsdebatte, Familienfeindlichkeit, über
all das wird seit 40 Jahren geklagt. Das kann man nicht mehr hören. Das ist wie
Asche und Moder. Ebenso beim Rechtsradikalismus. Die Politiker schreien:
politisch muss man sich auseinander setzten - aber sie tun es nie. Irgendwann
ist der Punkt erreicht, an dem man sagt: Ich kann's nur noch ironisch
darstellen.
Bringen Lesereisen - außer PR - etwas für die eigene Schreibstrategie, fürs
Nachdenken über die Beziehung Autor-Publikum?
Genazino: Dass Lesungen zum nochmaligen Reflex der Arbeit führen, wäre
gelogen. Man hat zu sich selbst ein Solistenverhältnis. Ich habe vollkommenes
Vertrauen zu meinem Verfahren. Es steht nicht zur Disposition. Schön ist an den
Lesereisen eine gewisse Lebendigkeit. Man erlebt, wie ein Text rezipiert wird,
dass er oft ganz anders aufgefasst wird, als man gedacht hat. Das gefällt mir,
das ist anregend.
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