Wilhelm Genazino bei einer Lesung in Karlsruhe, Foto:Matthias Kehle, www.matthias-kehle.de (hf0811)1.) - 3).

Genazinos Langeweile.
Büchner-Preis in Darmstadt
von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 25.10.2004:

Eigentlich will er ja einfach nur in Ruhe gelassen werden. Von den Chefredakteuren, Programmleitern, Fernsehdirektoren und Eventdenkern, die endlich aufhören sollen, sich "für uns etwas auszudenken." Von den Planern von Freizeitparks, Loveparades, Expo's "und all dem anderen Nonsens". Langweilen dürfen will er sich, wann und wo es ihm gerade passt, denn "man muss seine Langeweile in seinem eigenen Ich spazieren führen, damit sie mit den Ideen über sich selbst vertraut wird."

Das geht aber nicht immer. Beispielsweise dann nicht, wenn man den bedeutendsten deutschen Literaturpreis verliehen bekommt, wenn man plötzlich in einer Reihe steht mit Namen wie Benn, Johnson, Frisch, Celan, Koeppen und Böll. Aber das Leiden unter bedeutenden Auszeichnungen gehört offenbar in diesem Jahr dazu. Wobei Wilhelm Genazino sein Schicksal dann letztendlich doch mit Fassung trug.

Nachdem zunächst Anita Albus den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay und der Historiker Karl Schlögel den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen bekommen hatten, nahm der 1943 in Mannheim geborene und mittlerweile (wieder) in Frankfurt lebende Schriftsteller aus den Händen von Klaus Reichert, dem Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung, im Großen Haus des Darmstädter Staatstheaters den mit 40 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis entgegen - der traditionelle Abschluss und Höhepunkt der Herbsttagung der Akademie.

Reichert hatte in seiner Begrüßung ordnungsgemäß gegen die "Beliebigkeit des Schreibens" und den Verlust der Differenziertheit der deutschen Sprache (also die Rechtschreibreform) argumentiert, Kulturstaatsministerin Christina Weiss einen poetologischen Satz aus Genazinos bislang letztem Roman Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman zitiert: "Ich begann, jeden weiteren Satz, bevor ich ihn niederschrieb, danach zu befragen, ob er schön war oder nur aufrichtig, oder vielleicht nur schön, aber nicht aufrichtig; oder intelligent, dafür aber traurig; oder vielleicht schön und traurig, aber leider nicht wahr; oder nur wahr, aber nicht schön; oder nur eindrucksvoll, aber weder schön noch wahr; oder nur interessant, aber nicht eindrucksvoll und nicht wahr und nicht einmal schön."

Mit einem solchen Satz könnte man eine Veranstaltung beinahe schon wieder beenden - steht darin doch darin so Vieles von dem, was den Schriftsteller Genazino, mehr als ein so genannter Flaneur und literarischer Begleiter der Arbeitswelt der aufstrebenden Bundesrepublik, auszeichnet: Wahrhaftigkeit und Intelligenz, Melancholie und Formulierungskunst, vor allem aber feinsinniger Humor. Helmut Böttiger, Literaturwissenschaftler und freier Kritiker, würdigte in seiner Laudatio Genazino als einen Autor, dem es gelungen sei, die Identität der frühen Bundesrepublik einzufangen, die Atmosphäre, in der die Figuren sich ausbilden: "Sie spielen mit ihren Freundinnen Federball und sinnieren über deren hellrosafarbenen, fast weißen Lippenstifte. Sie kaufen sich unter erheblichen Mühen ihre ersten Anzüge aus Diolen oder Trevira. Es geht um Blusen, ums Bügeln und um Hoffmanns Stärkepuder."

Der Geist solider Sekretärinnen

Böttiger skizzierte Genazinos künstlerische Entwicklung "von einem Autor zeitbewegter Angestelltenromane zu einem Autor von Künstlerromanen", die freilich stets und bis heute "vom Wunder zwischen Einsamkeit und Lachen" erzählten. Die Einsamkeit, die Vereinzelung - und die Langeweile: Wilhelm Genazinos Dankesrede war eine geschickte Verknüpfung zwischen literarischen Beobachtungen und essayistischen Passagen, die sich mit Büchners Lustspiel Leonce und Lena auseinander setzten, in dem "Langeweile erkennungsdienstlich behandelt", dargestellt, untersucht und zerlegt werde, "oft so lange, bis sie einer neuen Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand hervorgeht."

Mühelos transportierte Genazino solche Einsichten in die Gegenwart, auf die Frankfurter Zeil, wo er eine Familie, die eine Tüte Pommes stückzahlgenau untereinander aufteilt, in einem "Drama der totgeschlagenen Zeit" beobachtet; in die Strukturen unserer von Fremdunterhaltung geprägten Mediengesellschaft: "Leonce und Lena hätten nicht verstanden, warum wir uns für die gute Laune von Thomas Gottschalk immer mehr interessieren als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns auf dem Sofa sitzt."

Nachdem er sich den Blitzlichtern aussetzen musste, den vielen Händen, die es zu schütteln galt, und den Interviews, kann Genazino zurück in die Einsamkeit seiner Spazierwege, seiner Alltags-Erkundungsgänge, kleine Forschungsreisen in das Menschliche. Oder eben auch zurück auf sein Sofa, gemeinsam mit der Melancholie, zu seinen beiden Schreibmaschinen Monika (von Olympia) und Gabriele (von Adler), deren Namen den "Geist solider Sekretärinnen" (Böttiger) atmen, jenen Geist, von dem Genazinos Bücher genährt werden.

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2.)

Reinhold Nisch

Wilhelm Genazinos Standpauke

Da stand er nun da,
der etwas korpulente,
in die Menge geradeaus
und zur Empore hoch,
fast geduckt, schüchtern
dreinblickende Poet,
datiert vom 23.10.2004
im Staatstheater zu Darmstadt,
mit dem Rundumschlag
gegen die Langeweile
in der Gesellschaft.
Recht hat er,
wenn viele Zeitgenossen
mehr Gedanken
darüber verschwenden,
wie das Wohlbefinden
heutiger TV-Gestalten sei:
Selbertun und Selbermachen
seien angesagt.
Fortschritt durch Eigendynamikdes Individuums
wäre machbar/angebracht.
Danke!
Danke … Wilhelm!
Weiter so!
Beobachtungen in Frankfurt am Main
und anderswo
in der Bonner/Berliner Republik.
Eigengedanken sind ungetrübt.
Die Idee von Sozialrevolutionen,
beginnend bei Urvater Büchner
und vorläufig endend
beim einst jungen Genazino,
nicht ausgeträumt!

(Anmerkung: Wilhelm Genazino ist der Büchner-Preisträger 2004. Die Urkunde dazu wurde ihm im Staatstheater Darmstadt am 23.10.2004 durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung überreicht.
(P.S.: War selbst in Darmstadt anwesend.)

Rezension I Buchbestellung I home IV04 © LYRIKwelt

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Wilhelm Genazino bei einer Lesung in Karlsruhe, Foto:Matthias Kehle, www.matthias-kehle.de (hf0811)3.)

Das alte Lenz-Gefühl: Zur Verleihung des Büchner-Preises an den Autor Wilhelm Genazino
Flaneure kümmern sich nicht um Fitness
Von FITZGERALD KUSZ in den Nürnberger Nachrichten vom 23.10.2004:

Georg Büchners epochale, bis heute nachwirkende Lenz-Novelle beginnt mit dem lapidaren Satz: „Am 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“. Die Roman-Helden des diesjährigen Büchnerpreisträgers Wilhelm Genazino, dem die Auszeichnung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung morgen verliehen wird, haben sehr viel mit diesem Lenz gemeinsam. Sie sind samt und sonders Getriebene. Aber die Natur ist ihnen gleichgültig. Sie durchstreifen die Stadt als Flaneure. Nicht auf körperliche Fitness haben sie es abgesehen — ein hektisches „nordic walking“, noch dazu mit Stöcken, überlassen sie dem „Erlebnisproletariat“, das sich mit „Erlebnissen von der Stange“ zufrieden gibt.

Der Flaneur ist ein Stadtwanderer, der kein erklärtes Ziel hat. Er lässt sich treiben, bis die äußere Welt zu seinen „inneren Texten“ passt. Es ist das alte Lenz-Gefühl, das aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken ist: Lenz war es „manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Die Welt auf den Kopf zu stellen ist der Wunsch der Romantik, die die Welt verbessert, indem sie sie poetisch durchdringt.

Ein leichtes Stolpern

Im Gegensatz zu Büchners Lenz haben die Genazinoschen Helden keine tragische Fallhöhe. Es sind Ritter von der traurigen Gestalt, die sich aufmachen, die banalen Abenteuer des Alltags zu bestehen. Ihre Abstürze sind nur ein leichtes Stolpern, gemildert durch den mit der Wirklichkeit versöhnenden Humor. „Humor“- so die wunderbare Definition Jean Pauls - „ist überwundenes Leiden an der Welt.“ Das bedeutet aber auch, dass der Humor das süße Gift der Melancholie braucht. „Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen, macht mich ganz melancholisch“ („Leonce und Lena“).

Alle Helden Genazinos haben den Blues. Sie setzen der angesagten Beschleunigung trotzig die demonstrative Entschleunigung ihres ständigen Innehaltens entgegen. Sie denken über Dinge nach, die niemandem mehr auffallen. Der Müßiggang ist der Anfang der Poesie. Die Hauptfigur in Genazinos Meisterwerk „Ein Regenschirm für diesen Tag“ ist ein Paradebeispiel für das poetische Entschleunigungsprogramm des Autors: Sie verdient ihren kümmerlichen Lebensunterhalt damit, dass sie edles englisches Schuhwerk testet. Für einen Flaneur eine geradezu ideale Beschäftgung!

Keine der Figuren des Autors, angefangen vom Angestellten-Roman „Abschaffel“ bis zu „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ ist eine Kämpfernatur. Sie nehmen den Kampf mit der Ellbogengesellschaft nicht auf, sie verweigern sich. Sie wollen nicht die „blinden Passagiere ihres eigenen Lebens sein“. Genazinos scheinbar richtungslos herumirrende Flaneurs-Prosa sollte man ganz langsam lesen. Und immer wieder. Er verfügt über den fremden Blick, der uns die „terra incognita“ des Alltags zeigt, er ist ein hochsensibler Meister der Wahrnehmung, der kleinste Nuancen und Verästelungen des Bewusstseins registriert.

Im Mittelpunkt der eben erschienenen Essay-Sammlung „Der gedehnte Blick“ steht die Auseinandersetzung mit dem genauen Hinschauen, der Grundvoraussetzung seiner Wahrnehmungsprosa: „Wir wissen, daß wir die Dinge mit Bedeutungen anschauen, an denen die Dinge schuldlos sind. Wir können nicht schauen ohne den Drang nach Bedeutung (. . .) Der gedehnte Blick nimmt alles, was er sieht, sorgfältig auseinander und setzt es wieder neu zusammen. Denn alles, was wir über die Zeit anschauen, beginnt eines Tages in uns zu sprechen (. . .) Wir haben, mit anderen Worten, nichts anderes hervorgebracht als eine raffinierte Perfektionierung unseres kindlichen Sehens.“

Diese „Schule des Sehens“, die Genazino von Buch zu Buch vervollkommnet, beginnt mit Büchner. Seinem Lenz legt er sein ästhetisches Credo in den Mund: „Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen.“

Die Vorstadt

Genazino ist ein Beobachter der „Merkwürdigkeit des Lebens“ im Abseits. Am liebsten mag er die Vorstädte, die mit der Straßenbahn zu erreichen sind. Im Essay mit dem seltsamen Titel „Fremdheit ist wie das vergebliche Reiben an einem Fleck“ heißt es: „Die Vorstadt ist als belebter Raum in gewisser Weise fortschrittsresistent und insofern über lange Zeiträume mit sich selbst identisch. Mit der Vorstadt hat niemand etwas vor; sie wird immer nur hingenommen, sie ist nicht zu beseitigen.“

Genazino setzt nie zu metaphysischen Höhenflügen an. Ein feiner Humor verleiht seiner Prosa Bodenhaftung. Sie schwebt wie ein Luftkissenfahrzeug knapp über dem Boden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 1104 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten