Julia Franck, 2007, Foto: Hans Weingartz, http://www.Hans-Weingartz.de

Quelle: Hans Weingartz
www.Hans-Weingartz.de

Die Mittagsfrau von Julia Franck, 2007, S. FischerDie Welt braucht viele Mittagsfrauen
Die Erfolgsschriftstellerin Julia Franck arbeitet im niederrheinischen Straelen mit an den Übersetzungen ihres Buches.
V
on Jens Dirksen aus der NRZ vom 2.07.2008:

Sie denken immer nur an das eine bei der „Mittagsfrau": Frauen allerdings an eine Frau, die mittags kommt und kocht und bügelt und wäscht, Männer dagegen an ein Mittagspäuschen mit erotischem Dessert. Da lächelt Julia Franck wieder dieses arglose Lachen... Der Verlag, plaudert sie aus dem Mini-Laptop, hatte ihr ganz andere Titel vorgeschlagen: „Scham und Schande" zum Beispiel oder „Menschliches Maß", „Menschen am Mittwoch" und, jungejunge: „Der Hohlraum im Bauch des Fisches".

Goethe und Schiller schauen zu

Ob sich Julia Francks Roman, den die NRZ ja zurzeit in Fortsetzungen druckt, auch mit solchen Titeln über 400 000 Mal verkauft hätte? Den „Deutschen Buchpreis 2007" gewonnen hätte? Und ob er dann auch in 18 Sprachen der Welt übersetzt werden würde? Mit einem „Hohlraum im Bauch des Fisches"? Jedenfalls sitzt Julia Franck jetzt drei Tage lang in Straelen 18 Übersetzern gegenüber und arbeitet daran mit, dass es eine katalanische „Mittagsfrau" gibt, eine finnische, eine kroatische, eine dänische, eine ungarische...

In der Bibliothek des Europäischen Übersetzer-Kollegiums, in dem die Brückenbauer des weltweiten Literaturbetriebs schon seit Jahrzehnten und zu Hunderten gearbeitet haben, schauen Goethe und Schiller von Stahlstichen auf die Arbeitsrunde herab, auf den Tischen Blätter, Bücher, hier und da ein Wasserglas, fünf Laptops, das kleinste gehört Julia Franck. Sie sitzt Rücken an Rücken mit Schnecken, Korallen, Reptilien und Schildkröten - so steht es auf den Regalreitern der Wörterbuch-Bibliothek hinter ihr, die zu den besten der Welt gehört. Aber selbst hier wird man für das Problem des Tages nicht die Lösung finden: Wie um Himmels willen übersetzt man einen Titel wie die „Mittagsfrau"? Noch einmal erzählt die Autorin, dass die weiß gekleidete „Mittagsfrau" neben dem „Wassermann" und „Krabat" die bekannteste sorbische Sagenfigur ist; sie erscheint all jenen, die mittags arbeiten, und verhängt einen Fluch über sie - von dem sie sich nur befreien können, indem sie eine Stunde lang von der Flachsverarbeitung erzählen. Das Ineinander von Arbeiten, Erzählen und Befreien machte den Reiz aus.

Und die Schwierigkeit des Übersetzens. Der englische Verleger hat sich schon entschieden, mit einem gordischen Kraftakt, nachdem der Vorschlag „The Lunchlady" bei seiner Übersetzerin Anthea Bell nur heftiges Glucksen ausgelöst hatte: „The Blind Side of the Heart" wird der englische Titel heißen, „Die blinde Seite des Herzens". Da fällt Julia Franck ein, dass mal über „Blind am Herzen" nachgedacht worden ist, und auch die albanische Übersetzerin hat, ohne von alledem zu wissen, mal „Blindes Herz" abgeschmeckt - aber beide Varianten wurden schnell von der Kitschpolizei weggesperrt.

„Warum denn nicht wörtlich?", fragt Matteo Galli, der Italiener in der Runde, räumt dann aber ein, dass sein Verlag sich für „La Strega die Mezzogiorno" entschieden habe, „Die Hexe des Mittags" (und des Südens), weil Italiener sich wohl genau wie die Franzosen prompt für die erotische Seite der „Mittagsfrau" entschieden hätten. „Wir in Brasilien", sagt hingegen Marcelo Backes, „haben schon eine Mittagsfrau, das ist eine Karnevalsfigur aus dem Norden, auch mit erotischer Aufladung. Aber warum denn auch nicht? Ein leichtes Rätsel bleibt, wie im Deutschen..."

Manche der Übersetzer sind daheim auch Verleger oder Universitätsprofessor oder übersetzen die Untertitel für die TV-Nachrichten. Manche warten auf die Druckfahnen und können nur noch Allerwichtigstes ändern, andere haben den Roman gerade einmal durchgearbeitet. Sie alle aber haben Fragen, Fragen, Fragen. Und fördern die inzwischen branchenübliche Flüchtigkeit eines Lektorats zutage, das auch im Fall der „Mittagsfrau" meinte, am Manuskript sei ja, außer dem Titel, „nicht mehr viel zu tun". Pustekuchen! Auch jetzt nach der 11. Auflage des Buches, fördern die Übersetzer noch Fehler und Stellen zutage, die nicht ganz stimmig sind. Julia Franck, die selbst mal amerikanische Erzählungen ins Deutsche übersetzt hat, weiß das zu schätzen: „Ich bewundere Übersetzer." Die wiederum wissen, was sie Julia Franck schuldig sind: „Ich wollte Ihnen meinen allertiefsten Dank für Ihren Roman aussprechen", schmachtete der Bulgare Ljubomir Iliev schelmisch, „weil ich vorher Musils ,Mann ohne Eigenschaften' übersetzt habe. Nachdem ich in diesem Meer von Gedanken beinahe ertrunken wäre, brauchte ich ein Buch mit menschlichem Antlitz!" (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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