|
|
|
Quelle: Hans Weingartz |
Die Welt braucht
viele Mittagsfrauen
Die Erfolgsschriftstellerin
Julia Franck arbeitet im niederrheinischen
Straelen mit an den Übersetzungen ihres Buches.
Von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
2.07.2008:
Sie denken immer nur an das eine bei der
„Mittagsfrau": Frauen allerdings an eine Frau, die mittags kommt und kocht und
bügelt und wäscht, Männer dagegen an ein Mittagspäuschen mit erotischem Dessert.
Da lächelt Julia Franck wieder dieses arglose Lachen... Der Verlag, plaudert sie
aus dem Mini-Laptop, hatte ihr ganz andere Titel vorgeschlagen: „Scham und
Schande" zum Beispiel oder „Menschliches Maß", „Menschen am Mittwoch" und,
jungejunge: „Der Hohlraum im Bauch des Fisches".
Goethe und
Schiller schauen zu
Ob sich Julia Francks Roman, den die NRZ ja zurzeit in Fortsetzungen druckt,
auch mit solchen Titeln über 400 000 Mal verkauft hätte? Den „Deutschen
Buchpreis 2007" gewonnen hätte? Und ob er dann auch in 18 Sprachen der Welt
übersetzt werden würde? Mit einem „Hohlraum im Bauch des Fisches"? Jedenfalls
sitzt Julia Franck jetzt drei Tage lang in Straelen 18 Übersetzern gegenüber und
arbeitet daran mit, dass es eine katalanische „Mittagsfrau" gibt, eine
finnische, eine kroatische, eine dänische, eine ungarische...
In der Bibliothek des Europäischen Übersetzer-Kollegiums, in dem die
Brückenbauer des weltweiten Literaturbetriebs schon seit Jahrzehnten und zu
Hunderten gearbeitet haben, schauen Goethe
und Schiller von Stahlstichen auf die
Arbeitsrunde herab, auf den Tischen Blätter, Bücher, hier und da ein Wasserglas,
fünf Laptops, das kleinste gehört Julia Franck. Sie sitzt Rücken an Rücken mit
Schnecken, Korallen, Reptilien und Schildkröten - so steht es auf den
Regalreitern der Wörterbuch-Bibliothek hinter ihr, die zu den besten der Welt
gehört. Aber selbst hier wird man für das Problem des Tages nicht die Lösung
finden: Wie um Himmels willen übersetzt man einen Titel wie die „Mittagsfrau"?
Noch einmal erzählt die Autorin, dass die weiß gekleidete „Mittagsfrau" neben
dem „Wassermann" und „Krabat" die bekannteste sorbische Sagenfigur ist; sie
erscheint all jenen, die mittags arbeiten, und verhängt einen Fluch über sie -
von dem sie sich nur befreien können, indem sie eine Stunde lang von der
Flachsverarbeitung erzählen. Das Ineinander von Arbeiten, Erzählen und Befreien
machte den Reiz aus.
Und die Schwierigkeit des Übersetzens. Der englische Verleger hat sich schon
entschieden, mit einem gordischen Kraftakt, nachdem der Vorschlag „The
Lunchlady" bei seiner Übersetzerin Anthea Bell nur heftiges Glucksen ausgelöst
hatte: „The Blind Side of the Heart" wird der englische Titel heißen, „Die
blinde Seite des Herzens". Da fällt Julia Franck ein, dass mal über „Blind am
Herzen" nachgedacht worden ist, und auch die albanische Übersetzerin hat, ohne
von alledem zu wissen, mal „Blindes Herz" abgeschmeckt - aber beide Varianten
wurden schnell von der Kitschpolizei weggesperrt.
„Warum denn nicht wörtlich?", fragt Matteo Galli, der Italiener in der Runde,
räumt dann aber ein, dass sein Verlag sich für „La Strega die Mezzogiorno"
entschieden habe, „Die Hexe des Mittags" (und des Südens), weil Italiener sich
wohl genau wie die Franzosen prompt für die erotische Seite der „Mittagsfrau"
entschieden hätten. „Wir in Brasilien", sagt hingegen Marcelo Backes, „haben
schon eine Mittagsfrau, das ist eine Karnevalsfigur aus dem Norden, auch mit
erotischer Aufladung. Aber warum denn auch nicht? Ein leichtes Rätsel bleibt,
wie im Deutschen..."
Manche der Übersetzer sind daheim auch Verleger oder Universitätsprofessor oder
übersetzen die Untertitel für die TV-Nachrichten. Manche warten auf die
Druckfahnen und können nur noch Allerwichtigstes ändern, andere haben den Roman
gerade einmal durchgearbeitet. Sie alle aber haben Fragen, Fragen, Fragen. Und
fördern die inzwischen branchenübliche Flüchtigkeit eines Lektorats zutage, das
auch im Fall der „Mittagsfrau" meinte, am Manuskript sei ja, außer dem Titel,
„nicht mehr viel zu tun". Pustekuchen! Auch jetzt nach der 11. Auflage des
Buches, fördern die Übersetzer noch Fehler und Stellen zutage, die nicht ganz
stimmig sind. Julia Franck, die selbst mal amerikanische Erzählungen ins
Deutsche übersetzt hat, weiß das zu schätzen: „Ich bewundere Übersetzer." Die
wiederum wissen, was sie Julia Franck schuldig sind: „Ich wollte Ihnen meinen
allertiefsten Dank für Ihren Roman aussprechen", schmachtete der Bulgare
Ljubomir Iliev schelmisch, „weil ich vorher
Musils ,Mann ohne Eigenschaften' übersetzt habe. Nachdem ich in diesem Meer
von Gedanken beinahe ertrunken wäre, brauchte ich ein Buch mit menschlichem
Antlitz!" (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0708 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung