Dario Fo, 1997, Foto: www.nobel.seDas Lachen ist die wahre Rebellion
Mit Witz gegen die bestehenden Verhältnisse: Dario Fo, der fröhliche, der garstige Clown der Weltliteratur, ist tot.

Von Lars L. von der Gönna in der WAZ vom 14.10.2016:

Nennen wir es eine letzte Pointe? Am Tag der Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers stirbt der Literaturnobelpreisträger. Eine kleine Farce wäre Dario Fo mindestens dazu eingefallen. Je höher einer stand, desto lieber ließ er den komödiantischen Pfeilregen ja auf ihn los.

Es war ihm Pflicht und Ehre, sich Päpste vorzuknöpfen („Bürgerschreck in weißer Kutte“) oder Typen wie diesen Berlusconi. Dem widmete Fo, Sohn einer Bäuerin und eines Lokomotivführers, unter anderem das Stück „Der anomale Doppelkopf“. Darin erhält Berlusconi aufgrund eines persönlichen Schicksalsschlages ein halbes Spenderhirn. Es stammt von Putin. Das nennt man wohl Brüder im Geiste.

Meine ersten sieben Jahre und ein paar dazu von Dario Fo, 2004, KiWiWas Dario Fo anfasst, wird: zum Lachen. Fo ist bekennender Clown. „Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen“, erklärte er noch 1997, da er in Stockholm den Nobelpreis entgegennahm (der Vatikan zeigte sich verständnislos) mit einem breiten Lächeln. Jovial und wohlgenährt, onkelhaft mit dem bisschen Kranz weißen Wattehaars: So gutgelaunt und -mütig wirkte dieser Fo ja zeitlebens, dass man gar nicht glauben mochte, dieser sinnliche Kasper, den ein gottgefälliges Dorf am Lago Maggiore hervorgebracht hatte, könnte den Dolch im Gewande tragen. Aber gerade das war es, was die Mächtigen fürchteten. Fo, der keine Tabus kannte, brachte die Welt zum Lachen – und damit ihre Lenker zum Zittern. Dutzendweise haben sie ihn vor die Gerichte gezerrt. Ja, auf offener Bühne hat man ihn festnehmen lassen.

Bis zum Ende war er trotz allem Abgrund, an dem er sein Heimatland und die Welt sah, nie ausgebrannt, nie ratlos frustriert. Wie auch: Stammte er doch in direkter Linie von den einzigen im Herrschaftssystem ab, die der Welt den Schrecken nahmen, da sie sie verlachten. Fo war ein Hofnarr. Fo war Gaukler und Zirkustyp, in seiner Liebe zum Unfertigen ein genialer Dilettant – oder ein dilettierendes Genie? Fo war begabter Zeichner (einen Picasso kopierte er mühelos), war Bühnenbildner und sein bester Schauspieler dazu. Denn er wusste am besten, dass seine Stücke nur der Anfang des Spiels waren. Fo liebte das „Aussteigen“, unterbrach sich in Rollen, um einen Zuspätkommenden zu begrüßen oder aus dem Ärmel eine brisante Tagesnachricht einzuflechten.

In Deutschland vielgespielt

Mehr als zwei Dutzend seiner Stücke schafften es auf deutsche Bühnen, ja, sie regierten sie eine ganze Epoche lang. Fo war hierzulande einer der meistgespielten Dramatiker. Mit „Offene Zweierbeziehung“ etwa, schonungslos den Finger in die Wunde einer abgenutzten Ehe des Mittelstands legend. Oder in „Bezahlt wird nicht“: Vom Ladendiebstahl bis zum Kantinenaufstand ließ Fo aus derb-saftigem Volkstheater und sozialkritischer Analyse eine Rebellion wuchern, die der Regierung richtig Angst einjagte. Er rufe zum Widerstand gegen den Staat auf, krähten seine Ankläger. Wie so oft wurde er, dem auch die ängstlichen Amerikaner mehrfach die Einreise verweigerten, freigesprochen.

An der Seite seiner Frau und Mitstreiterin Franca Rame (1929-2013) hat Dario Fo die Literatur des 20. Jahrhunderts nicht höchsten ästhetischen Sphären entgegengetrieben. Aber er hat auf köstlich unverschämte, mitunter naiv-brachiale Weise dafür gesorgt, dass wir im Theater und wegen des Theaters und für das Theater wach geblieben sind

Am 13. Oktober ist er 90-jährig gestorben. Von seinen vielen Botschaften zitieren wir als Verneigung die universellste: „Menschen, die nicht lachen können, sind gefährlich.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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