Rüdiger Fischer, Foto: Michel Durigneux (hf0112)

Rüdiger Fischer
Foto: Michel Durigneux

Angenehme Pfade am Hang
und worauf es noch ankommt

Jochen Arlt im Gespräch mit dem Lyrik-Übersetzer und Verleger Rüdiger Fischer, Januar 2012:

Von bislang rund 300 Autor/inn/en übertrug er zeitgenössische Gedichte vor allem aus dem Französischen. Hinzu kommen seit Mitte der 1980-er Jahre kaum zählbare Poeme aus dem Italienischen, Griechischen, Englischen. Selbstredend, dass der 69-jährige überdies deutsche Dichtkunst in steter Folge für französischsprachige Zeitschriften übersetzt.
Richtig. Die Rede kann nur von Rüdiger Fischer sein. "Maßgebend und beispiellos seine unermüdlichen wie idealistischen Anstrengungen fürs europäische Lyrik-Genre", urteilt der maßgebende zeitgenössische deutsche Lyrik-Chronist Axel Kutsch: "Seine Arbeit  dokumentiert die reale Umsetzung des anhaltenden Traums der Gemeinsamkeit Europas."
Dem nicht genug. 1991 rief Fischer, gebürtig in Trier und heute daheim im tiefsten Bayernland, den "
Verlag im Wald" ins Leben. Die Einmannwerkstatt kann gegenwärtig ein über 130 Buchtitel umfassendes Gesamtprogramm - durchweg Poeme in zwei- und mehrsprachigen Fassungen -  offerieren. Bis auf sieben Veröffentlichungen wurden alle übrigen VIW-Bücher vom Verleger gleichfalls übersetzt. Ausreichend Gründe, Fakten für einen Gedankenaustausch von Jochen Arlt, Autor und Journalist, mit Rüdiger Fischer, Übersetzer und Verleger.

Arlt: Lieber Rüdiger Fischer, Sie mühen sich redlich um Ihr berufliches Fortkommen als Verleger zeitgenössischer Lyrik in mehrsprachigen Buchausgaben. Wie werden Ihnen jene Mühen honoriert vom Buchhandel oder aus dem Gedichte-Leser-Rund?

Fischer: Zuerst: es handelt sich überhaupt nicht um Mühen. Und von „beruflichem Fortkommen“ kann beim Verlegen von fremdsprachiger Lyrik auch nicht die Rede sein. Ich gönne mir ein großes Vergnügen und suche Leute, die das mit mir teilen wollen, und einige finde ich.

Dass kaum noch ein Buchhändler ein Lyrik-Regal hat, das den Namen verdient, ist wohl so bekannt, dass ich es nicht zu erwähnen brauche. Und dass nichts bis nicht viel geschieht (von Seiten der Schule, der Medien, der Kulturinstitutionen), um die Zahl der Lyrik-Leser stabil zu halten oder zu erhöhen, ist auch bekannt.

Seit jeher, dies wissen Sie wie ich, sind Lyriktitel höchst selten in den von Prosa dominierten Bestseller-Listen zu finden.

Deshalb mag ich ja auch keine Prosatitel verlegen. Ich will ja nicht machen, was schon Dutzende anderer besser können, sondern entdecken und bei all diesem Entdecken auch meine Linie finden, das, was mir gefällt, was mir Wichtiges zu sagen hat.

Was motiviert Sie immer wieder zu neuen lyrischen Gratwanderungen?

Ich spaziere nicht auf Graten herum, sondern gehe angenehme Pfade am Hang entlang, ziemlich nahe bei den Häusern im Tal. Das heißt: die Lyrik, die mir gefällt, ist nicht notwendigerweise avantgardistisch, intellektuell, modern, schwierig, hermetisch; das kann sie hin und wieder auch sein, aber vor allem soll sie intensiv, direkt, drängend, ergreifend und für Amateur-Leser wie mich brauchbar sein, die Lesen nicht als Vollzeit-Beruf betreiben oder ein Literaturstudium hinter sich haben (hab ich auch, aber ich hab nicht den Eindruck, daß mir das sehr behilflich war und ist).

Autor wie Verleger möchten mit ihren poetischen Texten den Lesern etwas vermitteln. Gibt es hier prinzipielle "Verlag Im Wald"-Ausrichtungen?

Versuchsweise: Schönheit soll etwas bewirken; zum Beispiel die Kraft geben, weiterzumachen mit dem, womit man etwas zur Veränderung der (eigenen Um-)Welt beizutragen glaubt. Es kommt darauf an, sich individuell angesprochen, ermuntert, erheitert zu fühlen. Wie bei guter Musik, wie vor einem schönen Bild.

Wie ist's übrigens grundsätzlich um die Zukunft des Buches bestellt?

Die Frage ist für mich ein paar Nummern zu groß. Ich persönlich hab keine Lust, Lyrik auf einem elektronischen Lesegerät zu konsumieren, und ich vermute, es gibt noch mehr solche Leute.

Sie befürchten folglich kein allmähliches Abbröckeln der durchaus klassisch zu nennenden Lesekultur durch iPad und verwandtes Elektronische?

Wer Lyrik mag, gehört zu einer so verschwindend geringen Minderheit, dass da gar nicht genug zum Abbröckeln ist. Die wird mindestens konstant bleiben. Und spätestens dann wachsen, wenn die derzeitige materielle und geistige Verfettung nicht mehr möglich ist; dass das bald der Fall sein wird, ist nicht unwahrscheinlich.

Es ist eine Lust, vom Stilistischen wie Inhaltlichen her, die von Ihnen aus dem Französischen übertragene und edierte Anthologie "La fête de la vie"/"Das Fest des Lebens" zu verinnerlichen. Das gilt ebenso beispielsweise für den seit 2011 in Ihrem Hause präsenten Gedichteauswahlband Stefaan van den Bremts. Die Übersetzung aus dem Niederländischen von "Stem uit het Laagland - Stimme aus dem tiefen Land" besorgte Maria Csollány. In diesem Einzeltitel als auch im erstgenannten Florilegium zeigen sich nahezu telepathisch europäische Gedankenbrücken. Worin nur wurzelt die anhaltende Distanz etwa beim deutschen Lyrikrezipienten zur Lektüre von Französischem oder Holländischem? Was übrigens Sie als Verleger ganz deutlich spüren dürften ...

Schon die Leser deutscher Lyrik sind wenige. Und verständlicherweise (jeder hat nur ein Leben) lesen noch viel weniger fremdsprachige Lyrik. Das beschränkt sich nicht auf französisch- oder niederländischsprachige Lyrik. Nicht nur „meine“ englisch-, italienisch-, etc.-sprachigen Titel zeigen das.

Gezielt Interessierte an unserem Dialog dürften nicht nur die aktuelle "Éditions En Forêt"-Gesamtübersicht begrüßen. Vielmehr, so stelle ich mir vor, wären einige Empfehlungen dazu hilfreich. Möglich, dass der Verleger zwei, drei ihm wichtige Bücher stellvertretend als Vorschläge, Tipps herausstellt? Gerne mit Leseproben ...

Wichtig? Zuerst „Eine Oper für Terezin“ von Liliane Atlan, ausnahmsweise keine Lyrik und nur auf deutsch. Ein Buch, dessen einer roter Faden die Schwierigkeiten der Musiker in Theresienstadt sind, „Die verkaufte Braut“ aufzuführen. Dann: Gérard Bayo, meiner Meinung nach der wichtigste französische Lyriker heute. Ich habe sieben Bücher von ihm veröffentlicht, mehr als von jedem anderen Autor. Ein Gedicht, durch das Aufschlagen des letzten Buches ausgewählt (Lichtwände, 2010):

WAS ES NIE GEGEBEN HAT

Bei der Gabelung an den Gemüsegärten, Glockenturm
der Pappeln,
senffarbene Knospen. Jedenfalls
nichts Erfundenes.

Um mit eigenen Augen zu sehen,
genügte das:

was für uns Schönheit ist.

Rascheln der Ähren
im friedlichen Wind, von weit her gekommen,

von so weit her.

Abgesehen von der quälenden Angst
um die Ernte.

Eben da war das,
unerwartet wie das Leben über seinen
und deinen Tod hinaus:

das nichts weniger als unbestechliche,
erkennbare Leben.

(Landstraße nach L’Isle-sur-Serein)

Ein drittes? Hier der Anfang des Gedichts „Die Frau von Cro-Magnon“ von Bluma Finkelstein:

Kleid, Schuhe, Mantel,
hübscher Hut, hohe Absätze,
Büstenhalter, rotes Höschen,
schwarze Strümpfe, Fransen, Spitzen,
die ganze Ausrüstung.
Ich bin eine Frau, ich mache mich schön,
ich kichere wie ein kleines Mädchen,
vor dem alten Spiegel, um die zehn Jahre
deiner Pensionierung zu feiern.

Bei Waffenruhe schläfst und träumst du
abends am Feuer. Ich weiß, du bist taub,
ich tobe mich aus, ich gurre wie eine Taube
auf dem Dach. Das Essen ist fertig, der Tisch ist aufgeräumt,
die Kinder sind fort, du schnarchst, deine Pantoffeln schnarchen,
dein Körper ist ein einziges langes, tiefes Schnarchen,
mein Geliebter. (...)

Das steht in dem Buch „Frauen von Cro-Magnon“ (2011), das fünf Lyrikerinnen vorstellt: Nazand Begikhani (Kurdistan/Irak), Mona Daher (Palästina), Bluma Finkelstein (Israel), Siham Issami (Marokko), Nidaa Khoury (Palästina).

Rüdiger Fischer (links) im Gespräch mit Pierre Garnier (rechts), 2008, Foto: Jochen Arlt (hf0112)

Rüdiger Fischer (links) im Gespräch mit Pierre Garnier (rechts), 2008
Foto: Jochen Arlt

Es versteht sich, dass in Ihrem Verlagsprogramm der exemplarisch länderübergreifende Pierre Garnier präsent ist wie der große amerikanische Lyriker Cid Corman. Zudem unversehens erwähnt der marokkanische Poet Abdellatif Laâbi oder Liliane Wouters, bedeutende belgische Autorin, für "Journal du scribe -Tagebuch des Schreibers" in Hamburg gar mit dem Montaigne-Preis gewürdigt. Ein Alphabet der Wahrheit aus Einfachheit und Raffinesse, Natürlichkeit und Strenge die Strophen der 17 deutschen Dichterinnen und Dichter in "Odeur de feu - Geruch von Feuer". Ach, genug der Empfehlungen. Beschert Ihnen das Multi-Kleinstunternehmen Verlag Im Wald anhaltende schöpferische Glücksmomente?

Schöpferische nicht, aber, wie zu Beginn gesagt, entdeckerische. Es ist toll, einen Lyriker wie Jean Rousselot vorzustellen (der mich, als er schon über 80 war, darauf aufmerksam machte, daß er „noch nie in die Sprache der Nibelungen übersetzt worden“ sei), den Autor von 150 Büchern, Shakespeare-Übersetzer undsoweiter.

Ist's Ihnen ein Trost hinsichtlich schleppender Auflagesteigerungen, dass Konstantínos Kavafis zu Lebzeiten kein einziges Buch veröffentlichte, vielmehr seine Verse auf Zetteln rundum verteilte? Heute gehört Kavafis zu den wichtigsten Lyrikern Griechenlands mit vielgekauften Werk- oder Einzelausgaben ...

Trost brauche ich nicht, da ich ja nur an mein Vergnügen denke. Und: ob ein Kavafis unter meinen Entdeckungen ist, wird sich in hundert Jahren herausstellen. Aber schon jetzt ist es schön, dass ich mir sagen kann: die Gedichte von Robert Bly sind auf deutsch zum ersten Mal Im Wald erschienen!

Ach ja: Rüdiger Fischer, der Verleger, Übersetzer, Essayist, der Multiplikator wie Organisator. In welcher Reihenfolge sehen Sie sich selbst?

Ich hab sechs Jahre vergeblich nach einem Verlag für meine Übersetzungen gesucht, das Übersetzen ist also vorher da und wichtiger. Die übrigen Titel haben nicht viel mit mir zu tun.

Sie haben im Laufe Ihrer literarischen Tätigkeiten in satt Tausenden von Gedichten die Sicht des Lebens, der Dinge oder der Phantasie weitergereicht. Entstanden dabei Antworten auf Fragen nach dem, was gegebenenfalls bleiben, was uns überleben könnte?

Die Antworten, die - für mich! - entstanden, müssen immer wieder neu gesucht werden, und sie müssen jetzt oder zumindest schnell wirken; was danach mit ihnen geschieht, müssen die sagen, die sie danach kennenlernen. Zum Beispiel (bei Gérard Bayo zu finden): „Dépêche-toi d’aimer - Beeil dich zu lieben“.

Als Finale nachfolgend spontane Zitate und Stichwörter mit der Bitte darauf spontan mit maximal drei kurzen Sätzen zu kontern:

Eifel: Ich bin in Trier geboren. Erste Wanderungen an die Kyll etcetera.

Bayerischer Wald: Der Eifel nicht unähnlich. Nicht nur deshalb, nach dreißig Jahren, hier zu Hause. Ideale Lyriklesegegend.

Provence: Serge Bec: „Suite für eine Ewigkeit“, provenzalisch-frz-dt. Den Autor in Apt besucht: besser als die Küste!

Heimat: Die geschlagenen Wurzeln sind innen. Für mich, auch: Turin, Githion, Larzac.

"Künstler ist nur einer, der aus einer Lösung ein Rätsel machen kann", so Karl Kraus: Staunen, auf nichts zu lange ausruhen. Kunst des Lebens!

Laurent Grisel / "Eine Hymne an den Frieden (sechzehnmal)": Vier Stimmen: Mann, Frau, Henker, Gerechtigkeit. Wir sind jeder diese vier Stimmen. Und wir sind alle noch Anfänger.

Thomas Kling / "brennstabm": Käme, wenn Franzose, nicht für mich in Frage, weil ich nur lebende Autoren übersetze, um auch das Vergnügen zu haben, sie selber kennenzulernen.

Lao-tse / "Tao-te-king": Das Tao beim Übersetzen ist, das richtige Wort nicht finden zu wollen, sondern kommen zu lassen.

Ron Winkler / "Frenetische Stille": Einer der für eine französische Zeitschrift übersetzten deutschen Autoren. Für jede in einer deutschen Zeitschrift erschienene Übersetzung eines französischen Gedichts sind 50 deutsche Texte in französischen Zeitschriften erschienen...

"Der Computer ist die logische Weiterentwicklung des Menschen – Intelligenz ohne Moral", stellte John Osborne fest: Was ist daran logisch? Was Weiterentwicklung?

Frédéric Chopin: Vorsicht bei zuviel Wohlklang!

Bob Dylan: Notfalls absichtlich die Stimme aufrauhen. 

Franz-Josef Degenhardt: Auf jeden Fall auch aktives Mitglied einer Gesellschaft.

Karlheinz Stockhausen: Auch wenn die Luft rundum dünn ist.

"Die meisten reden origineller, als sie schreiben", wusste Jean Paul: Er ist wohl selber das beste Gegenbeispiel.

Gérard Bayo: "Pas encore / Noch nicht":

NOCH NICHT, ABER FAST

Im Kreisbogen
über unsern Köpfen, der Kuckuck
am blauen Himmel.

Hinter dem Kamm
das verlassene,

bis zum Himmel verstreute Dorf. Das von allen
Gesichtern die Tränen wischt.

(Mariflel, Rumänien)

Anise Koltz / "Blitzaufnahmen":

Durch den Tag fahren
auf einem Boot von Wörtern
versuchen, die Stücke
der Gegenwart zu fischen
die mich neu erfinden

Paolo Ruffilli: "La gioia e il lutto - Freude und Trauer": Untertitel: Leiden und Tod durch Aids. (Ich kann ja nicht immer mir mit einem Gedicht reagieren, obwohl das das Beste ist, was ich tun kann.)

Michel Houellebecq / "Renaissance - Wiedergeburt": Ich mag den Mann nicht.

"Journalismus ist unlesbar, und Literatur wird nicht gelesen", konstatierte Oscar Wilde: Den schon eher. Den Ausspruch weniger, aber, wie so viele, soll er ja vor allem herausfordern.

lit.COLOGNE: Könnte mehr tun. Lädt keine Verleger ein, ihre Bücher vorzustellen. Aber immerhin: es gibt sowas.

taz: Könnte mehr tun. Rezensionen meiner Bücher gab es in der SZ und ZEIT, noch nicht in der taz.

Inédit Nouveau: Paul Van Melle oder was ein Mann alles bewerkstelligen kann (eine jahrzehntelang monatlich erscheinende Lyrikzeitschrift)!

Stiftung Lyrik Kabinett: Was eine Frau alles bewerkstelligen kann! Ich bin froh, dorthin zu einem Récital mit französischer Lyrik eingeladen worden zu sein.

"Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund auftut", fasste Nietzsche zusammen: Und der Verleger, wenn die Werke „seiner“ Autoren dies tun.

Leseprobe I Buchbestellung 0112 LYRIKwelt © Jochen Arlt