Orpheus der Städte
Vorläufiger Nachruf auf den verschwundenen Dichter
Jürg Federspiel
Von Thomas Knauf in freitag 37 vom
16.02.2007:
Die Berufsbezeichnung Dichter würde ihm nicht
gefallen. Obwohl er in den hohen wie niederen literarischen Disziplinen
brillierte, Preise und Medaillen sammelte, sich aber nicht gern feiern ließ,
obschon er sehr trinkfest war, aber ein abstinentes Verhältnis zum
Kulturbetrieb besaß und von verblüffender Arroganz sein konnte. Anders als
sein erklärtes Vorbild Scott Fitzgerald wusste er, dass er einer der besten
Erzähler seiner Sprache war, auch wenn die deutschen Leser ihn bis heute kaum
kennen.
Von Haus aus war der 1931 in Kemtthal nahe Zürich geborene, später in Paris,
Berlin, New York und Basel heimische Dichter Reporter, Filmjournalist,
Kolumnist. 1961 debütierte er als Buchautor mit dem apodiktischen Erzählband Orangen
und Tode und griff damit frontal die ihm sterbenslangweilige deutsche
Nachkriegsprosa an. "Selbstmitleid, Nabelschau, jeder ist sein eigener Herr
Hiob oder Herr Atlas, der die Weltkugel persönlich trägt" (J.F.) Die
Bücherratte kreiste und gebar einen Zauberberg, von dem ein Orpheus der Städte
herabstieg, um die Tragödie des modernen Menschen mit grimmigem Humor und
heiterer Verzweiflung zu besingen.
Seit seiner Geburt dem Tod näher als dem Leben, war Federspiel trotz kräftiger
Statur und einer rücksichtslosen Vitalität geplagt mit chronischem Kranksein
(Lungenleiden, Diabetes, zuletzt Parkinson) und schrieb nachts gegen die
Zumutungen des täglichen Unwohlseins an. So einer läuft Gefahr, den Blick für
die Wirklichkeit zu verlieren und zum Chronisten seines anämischen Alptraums zu
werden. Die krankhafte Neugier an allem, was noch nicht oder nie richtig
erzählt wurde, dazu eine sardonische Lust, die zensierten Nachrichten hinter
den Bildern der Massenmedien anzuzeigen, trieb ihn hinaus in die Welt, um sie
mit unparteiischen Augen zu schauen und für minderwertig zu befinden.
Mit der Redlichkeit und Klarheit einer von Meyrink und
Orwell absorbierten
Sprache, gepaart mit Schweizer Präzision und calvinistischem Fleiß, entwarf
J.F. seine zornige, bisweilen zynische Prosa von der Zweckentfremdung des
Bürgers, der auf "zermenschten Bahnhöfen" dem unaufhaltsamen
Fortschritt zu entkommen sucht, und blieb einer der autonomsten Autoren seines
Landes. Wie sein Eidgenosse Urs Jaeggi, der 1963 mit Die Wohltaten des
Mondes debütierte und von der deutschen Kritik im Für &Wider von Max
Frisch und Friedrich Dürrenmatt mit Pawlowschem Reflex zum Antipoden
Federspiels gestempelt wurde. Ein feuilletonistischer Unfug, denn beide Newcomer
verband mehr, als sie trennte.
Als Vielflieger der Swiss Air sahen sie sich öfters in Tempelhof und J.F.K. als
in heimischen Literaturkreisen. Federspiel nahm 1969 Quartier in New York und
schaffte mit seinem grandiosen Tagebuch-Roman Museum des Hasses
endgültig den Durchbruch. Manhattan, Die beste Stadt für Blinde, so
der Titel seiner 1980 erschienenen Reiseberichte, war sein ideales
Spiegelkabinett der absurd-grotesken Daseinsform menschlicher Leidenschaften.
Mit der fotografischen Gnadenlosigkeit eines Weegee und dem Gespür eines Edgar
Allen Poe für den Schrecken hinter der Maske der Modernität ging der ewige
Außenseiter wie ein Golem durch Gotham City und spürte unterm Asphalt der
Bowery oder im Pressearchiv der Public Library die lebendig begrabenen
Geschichten der schönen Neuen Welt auf.
Sein erfolgreichstes Buch Die Ballade von der Typhoid Mary (1982)
erzählt die zum amerikanischen Mythos verklärte Gruselstory der jungen,
schönen Einwanderin Mary Mallon, die 1868 mit Typhus von Bord des Dampfers
"Leibnitz" ging und als ahnungsloser Todesengel im Küchendienst der
feinen New Yorker Gesellschaft ein Massaker anrichtete, als wahren Fall voller
dunkler Poesie und erschütternder Dramatik. Vergleichbar nur mit Blaise
Cendrars Tatsachenbericht Gold über Johann August Suter, einen der
reichsten Männer Amerikas, der auf unfassbare Weise bettelarm wurde. Cendrars
und Federspiel, zwei helvetische Dichter der Verzauberung und Entzauberung,
"die sich die Hölle literarisch noch leisten können", geliebt und
gehasst beide, weil sie mit unbesiegbarer Schreibwut und der eleganten Kraft
eines Walfischs die Ordnung zerstörten, in der wir uns einrichten.
Zuletzt war Federspiel davon schwerkrank, brauchte täglich Medikation und
konnte kaum noch schreiben. Am 12. Januar dieses Jahres erschien er nicht beim
Arzt und gilt seitdem als vermisst. Die Baseler Polizei mutmaßt, der auf der
minderen Seite des Rheins im Lokal Klingenthal bei Huren und Taxifahrern
beheimatete Dichter habe sich im Fluss ertränkt. Mit Paratuga kehrt zurück
stand der Autor 1973 als Bestseller in der New York Book Review auf.
Vielleicht taucht er als Überlebender seines Untergangs dort wieder auf. Im
deutschsprachigen Literaturraum wurde die Absenz des Jürg Federspiel seit
langem nicht zur Kenntnis genommen.
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