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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Federman ohne Worte
Am 6. Oktober ist der amerikanische Avantgarde-Autor
Raymond Federman im Alter von 81 Jahren im kalifornischen San Diego gestorben.
Macondo-Herausgeber
Frank Schorneck nimmt Abschied.
Aus dem titel-magazin,
19.10.2009:
Lieber Ray,
es war Dein Verleger Stefan Weidle, der mir als erster von Deinem Tod
berichtete. Ich war darauf gefasst, ich hatte eine solche Nachricht erwartet –
und dennoch traf mich der Schock tief.
Im letzten Sommer, kurz nach Deinem 80. Geburtstag, warst Du unser Gast in
Bochum, stelltest Deinen Prosaband Mein Körper in neun Teilen vor. Obwohl
die Abhandlungen über Deine Körperteile nicht das Älterwerden und Gebrechen
verschweigen, war nicht absehbar, dass dies unser letztes Treffen werden sollte.
Erst einige Tage später teiltest Du mir in einer Mail mit, dass da etwas in
Deinen Nieren sei, dass es möglicherweise ein Tumor sein könne und dass eine
Biopsie gemacht werde. „We'll see - could be a false alarm“ schriebst Du und
wechseltest das Thema. Eine Deiner Nieren wurde entfernt, ich glaubte Dich
gesund, wollte Dich gesund glauben. Wir haben uns lange nicht geschrieben, man
hat sein eigenes Leben, seine eigenen Projekte. Vielleicht war es auch unbewusst
das Gefühl, dass keine Nachricht auf keinen Fall eine schlechte Nachricht sein
kann.
In diesem Sommer habe ich dann erfahren, dass es Dir alles andere als gut ging.
In Deinem
Weblog war ein seltsamer Text zu finden: ein fiktiver
Dialog zwischen
Dir und Deiner Tochter beim Versuch, einen Nachruf zu schreiben. Das war typisch
für Dich: Du wolltest der erste sein, der einen Nekrolog auf Raymond Federman
verfasst und Du tatest es mit dem Dir eigenen Augenzwinkern, verspielt,
selbstironisch und dennoch zu Herzen gehend. „He isn’t dead yet silly“
ist einer der letzten Sätze dieses Dialogs, hinter dessen Leichtigkeit man
dennoch die Ängste ahnen kann, die im Hintergrund lauerten.
Du schriebst mir, dass Du es ablehntest, Dich einer Chemotherapie zu
unterziehen. Die Metastasen hatten sich bereits in der Lunge festgesetzt und
Dein Arzt machte Dir keine Hoffnung mehr. Du wolltest bei klarem Verstand
bleiben, nicht unter Medikamenteneinfluss sterben. Dass Dir die Energie zum
Schreiben fehlte, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Welt Dich bald
verlieren würde. Federman ohne Worte, das war für mich undenkbar. Jener Federman,
der sich so viele Versionen seines Lebens erschrieben hat, dessen Leben derart
untrennbar mit Literatur verknüpft ist, der mit und in der Literatur überlebt
hat und immer weiter überleben soll. Doch ich merkte in den Versuchen, die
Konversation aufrecht zu halten, dass auch mir die Worte fehlten. Ich schob es
auf meinen letztlich doch begrenzten englischen Sprachschatz, doch wenn ich
ehrlich zu Dir und zu mir selbst bin, bietet selbst mein deutscher Sprachschatz
mir nicht die Sicherheit, in dem schwierigen Gelände zwischen Anteilnahme, Trost
und Ermutigung.
Ich war also darauf gefasst, ich hatte die Nachricht erwartet – und dennoch
traf mich der Schock.
Wer kennt nicht das Gefühl, das einen packt, wenn ein Idol stirbt, ein Musiker,
Schauspieler, Schriftsteller, den man bewunderte? Doch was mich in diesem Moment
erfasste, war mehr, es war wie der Verlust eines engen Freundes, eines
Verwandten. Dabei sind wir uns nur zweimal persönlich begegnet, schrieben wir
uns nur sporadisch E-Mails. Dennoch: Durch die Lektüre Deiner Bücher glaubte ich
mich ungemein vertraut mit Dir und Deinem Leben. Ich habe mit Dir gelitten, als
Deine Familie damals, am 16. Juli 1942, im Morgengrauen verhaftet wurde, als
Deine Mutter Dich, als einzigen, in den Schrank schubste, als Du, mit Deinen
knapp 14 Jahren halbnackt zwischen alten Mänteln kauertest, voller Angst.
Wieder und wieder habe ich diese Szene gelesen; wieder und wieder hast Du diese
Erinnerung heraufbeschworen, mit Prosa und Lyrik umkreist, jenen Moment Deiner
zweiten Geburt. Ich weiß, wie Dir damals die Flucht gelang. Ich weiß, wie sehr
Dich Deine reichen Verwandten verletzt haben. Ich weiß, wie du nach Amerika
gekommen bist. Ich weiß, was Du als Fallschirmspringer erlebt hast. Ich weiß,
wie Du Dich fühltest, als Charly Parker auf Deinem Saxophon spielte. Ich weiß
von Deiner Bewunderung für Beckett. Ich weiß, wie Du Dein Leben lang zwischen der
französischen und englischen Sprache wandertest. Ich weiß auch von Deinen
Frauen.
1986 hat mich zum ersten Mal eines Deiner Bücher gefunden. Alles oder Nichts
erschien damals in der wunderbaren „Anderen Bibliothek“. Nur auf den ersten
Blick ein Roman über Nudeln, lässt dieses Buch die Buchstaben tanzen. Eine
Herausforderung für Setzer und Über-Setzer gleichermaßen muss dieses Werk
gewesen sein, das mich, den Arno Schmidt-Bewunderer, sofort in seinen Bann zog.
Auf den ersten Blick so wild wie dieses „Nudelbuch“ sollte später nur noch
Take it or leave it sein, dessen deutsche Übersetzung von Peter Torberg erst
1998 erscheinen sollte und das ich mir 1993 in den USA kaufte. Ich erinnere mich
noch gut, wie ich, als wir vom Flughafen Buffalo aus mit dem Leihwagen Richtung
Niagara-Fälle fuhren, zu meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau sagte, dass
hier, in Buffalo, Raymond Federman an der University of New York lehre. Ich
stellte mir vor, wie es wäre, Dich zu besuchen. Ich konnte damals nicht ahnen,
dass Deine Tür sich für uns geöffnet hätte. „Why didn’t you stop by?“, fragtest
Du später verwundert.
Irgendwann stieß ich im Internet auf Deine Homepage (als bloggen und Myspace
noch Fremdworte waren) und fand dort eine aol-Adresse. Aus einer Laune heraus,
ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen, schrieb ich Dir eine kurze E-Mail.
Deine Antwort kam schnell – erst recht, wenn man die Zeitverschiebung bedachte –
und der Grundstock für eine Korrespondenz war gelegt. Du hast uns Texte für
Macondo zur Verfügung gestellt, bezeichnetest Dich als „young author of a
certain age“. Du vertrautest mir in manchen Fällen die Übersetzung der Texte an
und wir diskutierten über verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die
Kindergeschichte The lost flower kam in meiner Übersetzung auch beim
Internationalen Literaturfestival Berlin zum Vortrag. Ich freue mich bereits
darauf, meiner Tochter Emma – Du kennst sie nur von Fotos – in ein paar Jahren
diese Geschichte vorzulesen, die kindgerecht für Toleranz und Lust auf Neues
wirbt.
Ich hatte die Nachricht erwartet, ich war auf sie gefasst – und dennoch hätte
ich nicht unvorbereiteter sein können.
Deine Tochter Simone übernahm die Aufgabe, per Mail und auch über Deinen Blog
die Nachricht von Deinem Tod zu verbreiten. Am 6. Oktober um 6.15 Uhr ging Dein
Leben zu Ende. Simone schildert, wie sie Dir in Deinen letzten Stunden ein
letztes Mal Die Stimme im Schrank vorgelesen hat, atemlos, diesen einen
Satz, der im Englischen über 74 Seiten geht, und wie Ihr beide am Ende weintet.
Du wurdest eingeäschert, wie Du es Dir gewünscht hattest – und es ist ein
letztes Zeugnis für Deinen Humor, dass Du in diesem Wunsch Bezug nimmst auf das
Schicksal Deiner Eltern und Schwestern, die vor vielen Jahren in viel größeren
Öfen ihr Ende fanden. Du hast für diese, Deine Familie, in Deinem Werk so häufig
die Platzhalter X-X-X-X gewählt, dass es beinahe naheliegend wäre, dieser
Chiffre für Dich nun ein weiteres Kreuz hinzuzufügen. Doch dem ist nicht so:
Durch Dein Werk wurden Deine Verwandten der Anonymität des industriellen Todes
entrissen, durch Dein Schreiben wurden diese lebendig. Was auch immer nach dem
Tod mit uns wirklich passiert: Um Deinetwillen möchte ich mir wünschen, dass es
auf irgendeine Weise zu einem Wiedersehen kommen wird, dass Du nach so vielen
Jahren Deine Mutter, Deinen Vater und Deine Schwestern wieder in die Arme
schließen kannst.
Ich hatte die Nachricht erwartet, ich war auf sie gefasst – und ich wusste,
dass sie zu früh kommen würde.
Wir hatten uns noch geschrieben, es ging um einen Beitrag zu unserem neuen
Macondo-Thema. Du schlugst zwei Gedichte vor. Eines davon, „Final Escape“
hatten wir bereits in unserer „Flucht“-Ausgabe veröffentlicht. Das Gedicht führt
zurück in jenen Kleiderschrank und schlägt den Bogen ins Jenseits, thematisiert
den Tod. In diesem besonderen Fall wollten wir eine Ausnahme machen und den Text
ein zweites Mal drucken. Im Dezember hättest Du Dein Belegexemplar in San Diego
in den Händen halten sollen. Du bist nun früher aufgebrochen, Du kennst nun die
Antworten auf die Fragen, die Du in Deinem Gedicht stellst. Du wirst nun wissen,
ob die Albträume der Vergangenheit Dich nun in Ruhe lassen, Du wirst wissen, wie
süß der Zucker schmeckt und Du wirst wissen, ob der Mond, der für Dich auch im
Englischen immer weiblich war, Dir weiterhin scheint. „will there be words /left
to describe what / is taking place“ fragst Du gegen Ende des Gedichtes und
ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass die Worte immer um Dich herum und Du
immer in den Worten sein wirst.
Farewell, au revoir, auf Wiedersehen!
Frank
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