Raymond Federman, 2003, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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Federman ohne Worte
Am 6. Oktober ist der amerikanische Avantgarde-Autor Raymond Federman im Alter von 81 Jahren im kalifornischen San Diego gestorben.
Macondo-Herausgeber Frank Schorneck nimmt Abschied.
Aus dem titel-magazin, 19.10.2009:

Lieber Ray,
es war Dein Verleger Stefan Weidle, der mir als erster von Deinem Tod berichtete. Ich war darauf gefasst, ich hatte eine solche Nachricht erwartet – und dennoch traf mich der Schock tief.

Im letzten Sommer, kurz nach Deinem 80. Geburtstag, warst Du unser Gast in Bochum, stelltest Deinen Prosaband Mein Körper in neun Teilen vor. Obwohl die Abhandlungen über Deine Körperteile nicht das Älterwerden und Gebrechen verschweigen, war nicht absehbar, dass dies unser letztes Treffen werden sollte. Erst einige Tage später teiltest Du mir in einer Mail mit, dass da etwas in Deinen Nieren sei, dass es möglicherweise ein Tumor sein könne und dass eine Biopsie gemacht werde. „We'll see - could be a false alarm“ schriebst Du und wechseltest das Thema. Eine Deiner Nieren wurde entfernt, ich glaubte Dich gesund, wollte Dich gesund glauben. Wir haben uns lange nicht geschrieben, man hat sein eigenes Leben, seine eigenen Projekte. Vielleicht war es auch unbewusst das Gefühl, dass keine Nachricht auf keinen Fall eine schlechte Nachricht sein kann.

In diesem Sommer habe ich dann erfahren, dass es Dir alles andere als gut ging. In Deinem Weblog war ein seltsamer Text zu finden: ein fiktiver
Dialog zwischen Dir und Deiner Tochter beim Versuch, einen Nachruf zu schreiben. Das war typisch für Dich: Du wolltest der erste sein, der einen Nekrolog auf Raymond Federman verfasst und Du tatest es mit dem Dir eigenen Augenzwinkern, verspielt, selbstironisch und dennoch zu Herzen gehend. „He isn’t dead yet silly“ ist einer der letzten Sätze dieses Dialogs, hinter dessen Leichtigkeit man dennoch die Ängste ahnen kann, die im Hintergrund lauerten.

Du schriebst mir, dass Du es ablehntest, Dich einer Chemotherapie zu unterziehen. Die Metastasen hatten sich bereits in der Lunge festgesetzt und Dein Arzt machte Dir keine Hoffnung mehr. Du wolltest bei klarem Verstand bleiben, nicht unter Medikamenteneinfluss sterben. Dass Dir die Energie zum Schreiben fehlte, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Welt Dich bald verlieren würde. Federman ohne Worte, das war für mich undenkbar. Jener Federman, der sich so viele Versionen seines Lebens erschrieben hat, dessen Leben derart untrennbar mit Literatur verknüpft ist, der mit und in der Literatur überlebt hat und immer weiter überleben soll. Doch ich merkte in den Versuchen, die Konversation aufrecht zu halten, dass auch mir die Worte fehlten. Ich schob es auf meinen letztlich doch begrenzten englischen Sprachschatz, doch wenn ich ehrlich zu Dir und zu mir selbst bin, bietet selbst mein deutscher Sprachschatz mir nicht die Sicherheit, in dem schwierigen Gelände zwischen Anteilnahme, Trost und Ermutigung.

Ich war also darauf gefasst, ich hatte die Nachricht erwartet – und dennoch traf mich der Schock.

Wer kennt nicht das Gefühl, das einen packt, wenn ein Idol stirbt, ein Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, den man bewunderte? Doch was mich in diesem Moment erfasste, war mehr, es war wie der Verlust eines engen Freundes, eines Verwandten. Dabei sind wir uns nur zweimal persönlich begegnet, schrieben wir uns nur sporadisch E-Mails. Dennoch: Durch die Lektüre Deiner Bücher glaubte ich mich ungemein vertraut mit Dir und Deinem Leben. Ich habe mit Dir gelitten, als Deine Familie damals, am 16. Juli 1942, im Morgengrauen verhaftet wurde, als Deine Mutter Dich, als einzigen, in den Schrank schubste, als Du, mit Deinen knapp 14 Jahren halbnackt zwischen alten Mänteln kauertest, voller Angst.

Wieder und wieder habe ich diese Szene gelesen; wieder und wieder hast Du diese Erinnerung heraufbeschworen, mit Prosa und Lyrik umkreist, jenen Moment Deiner zweiten Geburt. Ich weiß, wie Dir damals die Flucht gelang. Ich weiß, wie sehr Dich Deine reichen Verwandten verletzt haben. Ich weiß, wie du nach Amerika gekommen bist. Ich weiß, was Du als Fallschirmspringer erlebt hast. Ich weiß, wie Du Dich fühltest, als Charly Parker auf Deinem Saxophon spielte. Ich weiß von Deiner Bewunderung für Beckett. Ich weiß, wie Du Dein Leben lang zwischen der französischen und englischen Sprache wandertest. Ich weiß auch von Deinen Frauen.

1986 hat mich zum ersten Mal eines Deiner Bücher gefunden. Alles oder Nichts erschien damals in der wunderbaren „Anderen Bibliothek“. Nur auf den ersten Blick ein Roman über Nudeln, lässt dieses Buch die Buchstaben tanzen. Eine Herausforderung für Setzer und Über-Setzer gleichermaßen muss dieses Werk gewesen sein, das mich, den Arno Schmidt-Bewunderer, sofort in seinen Bann zog. Auf den ersten Blick so wild wie dieses „Nudelbuch“ sollte später nur noch Take it or leave it sein, dessen deutsche Übersetzung von Peter Torberg erst 1998 erscheinen sollte und das ich mir 1993 in den USA kaufte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich, als wir vom Flughafen Buffalo aus mit dem Leihwagen Richtung Niagara-Fälle fuhren, zu meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau sagte, dass hier, in Buffalo, Raymond Federman an der University of New York lehre. Ich stellte mir vor, wie es wäre, Dich zu besuchen. Ich konnte damals nicht ahnen, dass Deine Tür sich für uns geöffnet hätte. „Why didn’t you stop by?“, fragtest Du später verwundert.

Irgendwann stieß ich im Internet auf Deine Homepage (als bloggen und Myspace noch Fremdworte waren) und fand dort eine aol-Adresse. Aus einer Laune heraus, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen, schrieb ich Dir eine kurze E-Mail. Deine Antwort kam schnell – erst recht, wenn man die Zeitverschiebung bedachte – und der Grundstock für eine Korrespondenz war gelegt. Du hast uns Texte für Macondo zur Verfügung gestellt, bezeichnetest Dich als „young author of a certain age“. Du vertrautest mir in manchen Fällen die Übersetzung der Texte an und wir diskutierten über verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die Kindergeschichte The lost flower kam in meiner Übersetzung auch beim Internationalen Literaturfestival Berlin zum Vortrag. Ich freue mich bereits darauf, meiner Tochter Emma – Du kennst sie nur von Fotos – in ein paar Jahren diese Geschichte vorzulesen, die kindgerecht für Toleranz und Lust auf Neues wirbt.

Ich hatte die Nachricht erwartet, ich war auf sie gefasst – und dennoch hätte ich nicht unvorbereiteter sein können.

Deine Tochter Simone übernahm die Aufgabe, per Mail und auch über Deinen Blog die Nachricht von Deinem Tod zu verbreiten. Am 6. Oktober um 6.15 Uhr ging Dein Leben zu Ende. Simone schildert, wie sie Dir in Deinen letzten Stunden ein letztes Mal Die Stimme im Schrank vorgelesen hat, atemlos, diesen einen Satz, der im Englischen über 74 Seiten geht, und wie Ihr beide am Ende weintet. Du wurdest eingeäschert, wie Du es Dir gewünscht hattest – und es ist ein letztes Zeugnis für Deinen Humor, dass Du in diesem Wunsch Bezug nimmst auf das Schicksal Deiner Eltern und Schwestern, die vor vielen Jahren in viel größeren Öfen ihr Ende fanden. Du hast für diese, Deine Familie, in Deinem Werk so häufig die Platzhalter X-X-X-X gewählt, dass es beinahe naheliegend wäre, dieser Chiffre für Dich nun ein weiteres Kreuz hinzuzufügen. Doch dem ist nicht so: Durch Dein Werk wurden Deine Verwandten der Anonymität des industriellen Todes entrissen, durch Dein Schreiben wurden diese lebendig. Was auch immer nach dem Tod mit uns wirklich passiert: Um Deinetwillen möchte ich mir wünschen, dass es auf irgendeine Weise zu einem Wiedersehen kommen wird, dass Du nach so vielen Jahren Deine Mutter, Deinen Vater und Deine Schwestern wieder in die Arme schließen kannst.

Ich hatte die Nachricht erwartet, ich war auf sie gefasst – und ich wusste, dass sie zu früh kommen würde.

Wir hatten uns noch geschrieben, es ging um einen Beitrag zu unserem neuen Macondo-Thema. Du schlugst zwei Gedichte vor. Eines davon, „Final Escape“ hatten wir bereits in unserer „Flucht“-Ausgabe veröffentlicht. Das Gedicht führt zurück in jenen Kleiderschrank und schlägt den Bogen ins Jenseits, thematisiert den Tod. In diesem besonderen Fall wollten wir eine Ausnahme machen und den Text ein zweites Mal drucken. Im Dezember hättest Du Dein Belegexemplar in San Diego in den Händen halten sollen. Du bist nun früher aufgebrochen, Du kennst nun die Antworten auf die Fragen, die Du in Deinem Gedicht stellst. Du wirst nun wissen, ob die Albträume der Vergangenheit Dich nun in Ruhe lassen, Du wirst wissen, wie süß der Zucker schmeckt und Du wirst wissen, ob der Mond, der für Dich auch im Englischen immer weiblich war, Dir weiterhin scheint. „will there be words /left to describe what / is taking place“ fragst Du gegen Ende des Gedichtes und ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass die Worte immer um Dich herum und Du immer in den Worten sein wirst.

Farewell, au revoir, auf Wiedersehen!

Frank

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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