Ein Schelm im Bergwerk des Humors
Der Komiker des "Wirtschaftswunders": Vor 100 Jahren wurde
Heinz Erhardt geboren
Von Bernd Berke in Westfälische
Rundschau, 20.02.2009:
Eine deutsche Ahnenreihe der Hochkomik sähe in den Grundzügen
wohl ungefähr so aus: Wilhelm Busch,
Christian Morgenstern,
Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt,
Loriot, Robert Gernhardt, Otto Waalkes,
Hape Kerkeling, Helge Schneider.
Mögen da auch ein paar Bindeglieder fehlen (bitte wunschgemäß freihändig
einsetzen), so gehören doch die Genannten hinzu. Heinz Erhardt steht dabei als
singulärer Humor-Produzent für die 50er und frühen 60er Jahre, er war schlicht
der Komiker des „Wirtschaftwunders".
Erhardt kam am 20. Februar 1909 in der heutigen lettischen Hauptstadt Riga zur
Welt. Sein Vater war Kapellmeister, der Großvater (bei dem er aufwuchs) ein
achtbarer Klavierspieler. Heinz Erhardts Jugendtraum, Konzertpianist zu werden,
erfüllte sich allerdings nicht. Erst 1994 kamen aus dem Nachlass einige seiner
Kompositionen in klassischer Manier auf CD heraus.
1932 stand er erstmals in einem Lustspiel auf der Bühne des Deutschen
Schauspiels in Riga. Entscheidender Schritt: 1938 wurde er ans Berliner Kabarett
der Komiker geholt. Den Weltkrieg überstand er als schon recht prominenter
Spaßmacher in der Truppenbetreuung, was ihn vor dem Dienst an der Waffe
bewahrte.
Neubeginn in der Trümmerzeit: 1946 knüpfte Erhardt Kontakte zum NWDR in Hamburg,
wo er Unterhaltungsprogramme wie „So was Dummes" moderierte. Auch stand er in
Komödien auf diversen Hamburger Bühnen. Seine Alleinunterhalter-Qualitäten
sprachen sich schnell herum, so dass er bald erste Tourneen unternahm.
Durchaus auf der Basis traditionell überlieferter Verskunst und sprachlich
manchmal höchst raffiniert, trieb Erhardt seine vorwiegend wortspielerisch
grundierten Scherze. Das 1963 erschienene Buch mit dem Titel „Noch'n Gedicht"
wurde zum Verkaufsschlager. Es enthielt auch Erhardts wohlbekannte Zeilen über
„Die Made": „Hinter eines Baumes Rinde / saß die Made mit dem Kinde. / Sie ist
Witwe, denn der Gatte, / den sie hatte, fiel vom Blatte . . ." Und so weiter.
Sein Erscheinungsbild war das eines allzeit netten, manchmal leicht verwirrten
Onkels mit treuherzigem Mondgesicht. Er gab sich bewusst tolpatschig und
gehemmt. So einen Menschen mochte man einfach gern, weil er so gar keine
Bedrohung darstellte.
Vor allem im Kino (erste Hauptrolle 1957 als Marmeladenfabrikant in „Der müde
Theodor") hat er etlichen Klamauk mitgemacht und dabei zuweilen sein Talent
unter Wert verschleudert. Möglicher Grund: Wie es heißt, war er ein Paniker, was
seine finanzielle Situation anging. Auch sein Lampenfieber war legendär. Er soll
es auch mit dem einen oder anderen Schnaps bekämpft haben.
1971 erlitt der bis dahin so rastlose Erhardt einen Schlaganfall und musste
fortan deutlich kürzer treten. Er starb in der Nacht zum 5. Juni 1979. Etwa um
1983 kam es zu einer überraschenden Renaissance. Gerade Jüngere fanden plötzlich
Gefallen an alten Erhardt-Filmen, die nun in den Programmkinos liefen. Und heute
führt er ein beinahe schon gespenstisches Nachleben in Internet-Portalen wie „You-Tube",
wo man viele Szenen mit ihm aufrufen kann. Was dort so flüchtig wirken mag, ist
in Wahrheit unvergänglich.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]
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