Hans Magnus Enzensberger, 2007, Foto: Ekko von Schwichow

Hans Magnus Enzensberger, Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

Enzensberger und Krynicki lasen in Nürnberg
Besuch der Dichterfreunde
Von radl in den Nürnberger Nachrichten vom 23.02.2009:

Das 30-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Krakau wird 2009 in beiden Städten gefeiert. Zum Auftakt gab es in Nürnberg eine Lesung mit Ryszard Krynicki und Hans Magnus Enzensberger sowie die Einweihung eines Gedichtsteins von Sabine Richter auf dem Unschlittplatz.

Kaspar Hauser, dem mysteriösen «Kind Europas«, hat der polnische Lyriker Ryszard Krynick ein Gedicht gewidmet. Als Schriftband ist es nun in deutscher und polnischer Sprache im Kopfsteinpflaster auf dem Platz eingelassen, wo das Findlingskind im Mai 1828 auftauchte.

Natürlich trug Krynicki, der seit Werner Herzogs Film «Jeder für sich und Gott gegen alle« von Kaspar Hauser fasziniert ist, sein Gedicht auch bei der Lesung im vollbesetzten Katharinensaal vor. Auf Einladung des Krakauer Hauses war der 65-jährige Schriftsteller und Kulturvermittler bereits mehrmals in Nürnberg zu Gast. Diesmal kam er in Begleitung von Hans Magnus Enzensberger, von dem er schon einige Gedichte ins Polnische übertragen hat.

Kindheit in Nürnberg

Enzensberger hat bekanntlich seine Kindheit in Nürnberg verbracht, irgendwann auch einmal den Kulturpreis der Stadt erhalten und wird im November 80 Jahre alt. Was man ihm überhaupt nicht ansieht. Jungenhafter Charme, stete Neugier und freundliche Ironie zeichnen den Dichter und Denker immer noch aus.

Auch er hat sich ausführlich mit dem Phänomen Kaspar Hauser beschäftigt und darüber in der «Anderen Bibliothek« einen Band herausgegeben. Zur eigenen literarischen Auseinandersetzung hat ihn Hauser aber nicht gereizt. «Darüber haben doch schon andere zur Genüge geschrieben«, merkt Enzensberger an.

Auf Spaziergängen erkundet er gerne seine alte Heimatstadt, die ihm mit der Zeit etwas fremd geworden ist. Erst vor kurzem war er mit einem Filmteam zu Dreharbeiten wieder in dem Haus am Keßlerplatz, wo seine Familie bis 1942 wohnte. Nürnberg ist für Enzensberger mit der Nazi-Zeit verbunden, wie ein neues Gedicht beweist: «Aus den Erinnerungen einer alten Dame« stammt aus dem Lyrikband «Rebus«, der im April erscheinen wird.

«Meister der Kürze«

Mit geistreich funkelnden Texten wie diesem stahl der redegewandte Deutsche an diesem Abend seinem wortkargen polnischen Dichterfreund ungewollt die Show, auch wenn er zwischendurch das fehlende Gleichgewicht anmahnte. Krynicki verliert nicht viele Worte und ist laut Enzensberger ein «Meister der Kürze«, seine Gedichte sind prägnant wie Aphorismen. Sein schmales Werk gilt in der modernen polnischen Lyrik als beispielhaft.

Bei der zweisprachigen Dichterlesung befragte Gastgeberin Grazyna Wanat, Leiterin des Krakauer Hauses, die Autoren auch nach ihrem Verhältnis zum jeweiligen Nachbarland.

Krynicki, 1943 in einem österreichischen Lager geboren, wo seine Eltern als Zwangsarbeiter für Hitlers Rüstungsindustrie interniert waren, hat erst mit 33 Jahren Deutsch gelernt, weil er Rilkes Gedichte im Original lesen wollte. Enzensberger schwärmte vom goldenen Zeitalter der Lyrik in Polen nach 1945. Und er lobte die Arbeit des Übersetzens, denn dabei könne man viele Tricks lernen.

Das Publikum verfolgte den deutsch-polnischen Gedankenaustausch gespannt, bevor es sich am Ende in langen Schlangen anstellte, um sich Bücher signieren zu lassen.

Die komplette Rezension von radl mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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