„18 wunderbare Jahre“ haben der Schriftsteller Michael Ende (r.) und der Komponist Wilfried Hiller zusammengearbeitet und dabei eine enge Freundschaft geknüpft. Foto: fkn/Münchner Merkur (hf0810)Jim Knopf und Lukas der Lokomotovführer von Michael Ende, 1960, ThienemannPhantastischer Abend zu Ehren von Michael Ende
Garmisch-Partenkirchen - Michael Ende nimmt immer mehr Platz in seinem Geburtsort ein. Anlässlich seines 80. Geburtstages steht am Donnerstag, 12. November, ein „phantastischer Abend“ auf dem Programm.
Von tab aus dem Münchner Merkur, 9.11.2009:

Am 12. November 1929 erblickte Ende in Garmisch-Partenkirchen das Licht der Welt. Dass er sich dem Ort, in dem er die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht hatte, immer sehr verbunden fühlte, weiß sein guter Freund Wilfried Hiller. Unter dem Titel „Ein Komponist hat mir gerade noch gefehlt!“ erinnert er sich an den 1995 verstorbenen Autor, mit dem er „18 wunderbare Jahre“ eng zusammengearbeitet hat.

Spätestens seit ihrem erfolgreichen Wirken an der großen bayerischen Volksoper „Der Goggolori“ – „unserer ersten abendfüllenden Sache“ – stand fest, dass die beiden Künstler einen Draht zueinander hatten. Auch dabei habe er Endes Liebe zu Garmisch-Partenkirchen erlebt, erzählt Hiller. „Das Stück spielt ja in Finning am Ammersee, aber Michael hat den Dialekt seiner Heimat verwendet. Das wissen wahrscheinlich die wenigsten, ich fand das aber ganz reizvoll.“

Schon bald nach ihrem Kennenlernen, das 1978 in Rom stattfand, erklärte Ende dem Komponisten: „Wir werden bis zu meinem Tod zusammenarbeiten.“ Dass dieser viel zu früh – der Schriftsteller wurde nur 65 Jahre alt – kommen sollte, war beiden damals noch nicht bewusst. „Harmonisch, als hätten wir uns immer gekannt“, beschreibt der Münchner die kreativen Jahre – „eine schöne, unkomplizierte Zeit“.

Während der Arbeit an der Oper „Der Flaschenteufel“ habe Ende dann von seinem Arzt erfahren, dass er keine Operntexte, sondern lieber sein Testament schreiben soll. „Das war knallhart.“ Vieles, was der Autor und der Musiker noch vorhatten, blieb unvollendet. „Besonders schade finde ich, dass wir das Projekt ,Des Esels Schatten‘ von Richard Strauss nicht mehr herausbringen konnten“, meint Hiller. Dieses Vorhaben, das zwei Garmisch-Partenkirchner einen würde, könnte nun vielleicht Georg Büttel realisieren, schlägt er vor.

Zunächst widmet sich der Erste Vorsitzende der Phantastischen Gesellschaft, die sich Endes Andenken und Schaffen verschrieben hat, aber dem Programm am Donnerstag. Neben Worten stehen schauspielerische Kabinettstücke, zauberhafte Kunststücke und Musik auf dem Plan: Hiller präsentiert eine Suite aus der Bühnenmusik zu „Die unendliche Geschichte“ und das Stück „Das Einhorn von Bomarzo“. Das Einhorn sei das bevorzugte Fabelwesen seines Freundes gewesen, verrät der Komponist, der dieses Werk Ende gewidmet hat. Der „Park der Ungeheuer“ im italienischen Bomarzo sei zudem Endes Lieblingsgarten und ein Quell mancher Geschichten gewesen. „Er war ein toller Schriftsteller, der das Leben seiner Leser für die Fantasie und die Traumwelt öffnen wollte“, betont Hiller. Dass sein Schaffen – „er war seiner Zeit absolut voraus“ – nun wieder mehr in den Fokus rückt, „ist großartig“. (tab)

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Jim Knopf und Lukas der Lokomotovführer von Michael Ende, 1960, Thienemann2.)

Freunde fürs Leben
Am Donnerstag wäre Schriftsteller Michael Ende 80 Jahre alt geworden. Erinnerungen an den Mann, der oft an sich selbst zweifelte, uns aber Jim Knopf hinterlassen hat.
Von Ute Diefenbach in der Frankfurter Rundschau, 12.11.2009:

Am Anfang waren Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und zwölf Verlage, die das Manuskript an den unbekannten Münchner Autor zurückschickten. Ein schwarzer Junge als Held? Eine kleine Insel mit zwei Bergen, ein König, drei Untertanen, eine beseelte Lokomotive - und eine völlig überflüssige Eisenbahnstrecke? Das war nicht gerade der Stoff, der deutschen Kinderbuch-Lektoren Ende der fünfziger Jahre vorschwebte.

Erst nach zwölf Absagen kam die Zusage des Thienemann-Verlages, 1960 erschien die erste Auflage von "Jim Knopf", ein Jahr später erhielt Michael Ende den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Das Außergewöhnliche an dem kleinen, schwarzen Helden ist nicht seine Hautfarbe, sondern die Tatsache, dass sie keine große Rolle spielt. Jim darf schwarz sein, ohne exotisch sein zu müssen - mal abgesehen davon, dass ihm der äußerst schätzenswerte Zeichner F. J. Tripp eine etwas dicke Lippe verpasst hat und die Bezeichnung "kleiner Negerjunge" nicht mehr zeitgemäß ist. Gegen die Eigentümlichkeiten außerhalb des Lummerland-Biotops jedoch verblasst der kleine Held buchstäblich: Seine Abenteuer führen uns über gläserne Brücken ins Land Mandala, durchs Tal der Dämmerung ans Ende der Welt, wo wir dem Scheinriesen Herrn Tur Tur begegnen, der immer kleiner wird, als wir uns nähern, und den armseligen Drachen, die wütend ihre Reinrassigkeit verteidigen.

In diesem fantastischen Universum gibt es kleine, feine Ende-Antworten auf die großen Geheimnisse des Lebens. Moral, Tod, Liebe, Glaube, Freundschaft - alles kommt vor - mal abgesehen von der Sexualität, für die Ende nach eigenem Bekunden nicht die passenden Worte fand. Der Autor sah sich ohnehin ständig scheitern: "Ich möchte auf eine heutige Art eine so komplette Welt erfinden, wie es für seine Zeit Shakespeare getan hat", sagte er in einem seiner seltenen Interviews.

Er sagte es mit seiner erstaunlich monotonen Stimme, die so gar nicht nach Lesestunde klingt. Ende war kein lustiger Märchenonkel, trotz Rauschebart und wuschelgrauem Haar, sondern ein scheuer, trauriger Mann, langsam, häufig wie gelähmt vom "Gefühl totaler Unfähigkeit". Eine Viertelstunde, oft länger, brütete er über einem einzigen Satz, versuchte "ihn abzuschmecken". Diesem Luxus der Langsamkeit, seinem Schrecken vor der Eile hat er die Geschichte "Momo" gewidmet, in der sich Beppo Straßenkehrer die Zeit nimmt, eine Frage erst einen Tag später zu beantworten und die Schildkröte Kassiopeia umso schneller vorwärts kommt, je langsamer sie läuft. Die Geschichte von Momo, dem Kind, das den Kampf gegen die Zeitdiebe aufnimmt, galt manchem Kritiker in den siebziger Jahren als zu märchenhaft und unpolitisch.

"Eigentlich will ich malen"

Tatsächlich war Ende wenig daran gelegen, die politischen Ideale der Siebziger zu bedienen. Schon gar nicht die der Linken, denen er nahegestanden hatte. Nach eingehender Betrachtung bezweifelte er, dass es den "Klugscheißern aus der Studentenbewegung" gelingen könnte, "irgendeine Art von Solidarität herzustellen", eine "intakte geistige Welt", wie sie ihm vorschwebte.

Seine Kampfeslust beschränkte er auf künstlerische Fragen. "Eigentlich will ich malen, wenn ich schreibe", sagte Ende, der seine Kindheit im Atelier seines Vaters Edgar zwischen Farben und Leinwänden verbracht hatte, der erleben musste, wie der surrealistische Künstler unter dem Ausstellungsverbot im Nationalsozialismus litt, und wie der Vater sich weigerte, eine unverdächtige Auftragsarbeit zu malen, obwohl die Familie dringend Geld brauchte. "Ihm verdanke ich, dass ich die Welt bis heute als etwas Geheimnisvolles erlebe", sagte Michael Ende, der selbst so gerne Vater geworden wäre und jahrelang nicht ohne Kloß im Hals in einen Kinderwagen schauen konnte.

Er und seine erste Frau bekamen keine Kinder. Ende suchte wieder Trost beim Schreiben und verzweifelte wieder: Sein prächtiger, fantastischer Roman "Die unendliche Geschichte" kostete ihn viel Kraft. Alles nur esoterischer Kitsch? Ende konnte das nach zwei Jahren Schreibtischarbeit nicht mehr einschätzen: Zunächst war es nur eine charmante Idee: Ein Junge sollte beim Lesen eines Buches in die Geschichte hineingeraten. Höchstens hundert Seiten, mehr gebe der Stoff nicht her, meinte der ewige Zweifler Ende. Nach einem Jahr musste er seinem Verleger beichten: "Ich bekomme den Jungen aus der Geschichte nicht mehr heraus. Er hat noch einige Aufgaben zu erfüllen." Bastian Balthasar Bux bleibt schließlich 428 Seiten lang in Phantásien, durchwandert die Wüste der Farben, trifft felsgraue Steinbeißer, isst Früchte vom Kopf der Blätterdame Aiuóla, rastet beim Zweisiedler-Ehepaar, verliebt sich in die Kindliche Kaiserin.

113 Wochen hielt "Die unendliche Geschichte" den Spitzenplatz auf der Spiegel-Verkaufsliste. Bestseller waren nicht gerade die Bücher, die Ende schätzte. Selbstverständlich passte ihm auch die Verfilmung nicht, Wolfgang Petersens aufwändiger Kassenknüller von 1984, in dem etwa der schillernde Glücksdrache Fuchur als dauergrinsender Breitmaulfrosch im Plüschmantel erscheint oder der ursprünglich dickliche Bastian von einem Boygroup-tauglichen Jungschauspieler gemimt wird. Ende klagte noch während der Dreharbeiten die Urheberrechte ein - ohne Erfolg.

Der Film war bald vergessen, die Begeisterung für Endes Bücher aber ist ungebrochen. Jim Knopf, Momo und Bastian hinterlassen täglich neue Spuren bei Millionen von Kindern und Erwachsenen. Schade nur, dass keine neuen Welten, keine neuen Bewohner mehr hinzukommen. Ihr Schöpfer starb 1995 im Alter von 65. Ende.

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