Erwin Einigner, 2006, ©Foto: Marko Lipus

Erwin Einzinger
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Erwin Einzinger im Interview: "Sind das überhaupt Gedichte?"
Der Oberösterreicher schreibt abenteuerliche Texte, die ihn manchmal selbst verblüffen
Das Gespräch führte Sebastian Fasthuber in Der Standard, Wien vom 9.6.2008:
(Am Donnerstag liest/las er in der Alten Schmiede, Sebastian Fasthuber hat ihn vorher besucht.)

Micheldorf – Nachbarn weisen freundlich den Weg zum etwas versteckt gelegenen Haus der Einzingers. Gut möglich, dass der Gesuchte ihre Kinder unterrichtet hat. Erwin Einzinger war lange Zeit Lehrer und Autor, vor ein paar Jahren quittierte er den Schuldienst. Seitdem arbeite es sich ganz anders: "Früher habe ich immer Schularbeiten zu korrigieren gehabt. Jetzt komme ich sogar dazu, Jean Paul zu lesen."

Der 55-Jährige ist ein stiller Gigant der österreichischen Literatur, dessen Werk sich ebenfalls ein wenig versteckt hält vor einer breiteren Leserschaft. 2003 veröffentlichte er mit dem voluminösen Roman unter Anführungszeichen "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" sein Opus magnum: eine einzige Abschweifung über Populärkulturelles im allerweitesten Sinne, ein Lexikon, in dem man nie das findet, wonach man gerade sucht, dafür immer wieder aufs Schönste überrascht wird von scheinbar nutzlosem Wissen.

Hunde am Fenster von Erwin Einzinger, 2008, Jung und JungHunde am Fenster heißt sein neuer Gedichtband. Lyrik auch für solche, die normalerweise keine Gedichte lesen: Beobachtungen aus der unmittelbaren Umgebung im Kremstal, Ausflüge in die Untiefen einer Platten- und Büchersammlung, die Einzinger als unerschöpfliche Inspirationsquellen dienen, und in die Melancholie.

Standard: Das Gedicht "Kurze Rast" beginnen Sie mit den guten Ratschlägen: "Kriegst du vom Regen eine aufs Dach: Walk On! / Auch heißer Kaffee zur Dämmerstunde kann Wunder wirken." Wo kommen solche Sätze her?

Einzinger: "Walk On" bezieht sich auf den Song von Neil Young. Ansonsten entsteht das einfach so. Es ist schwer, den Prozess zu schildern. Ich stehe oft selber staunend davor: Das habe ich heute angeblich geschrieben. Wenn ich am Ende eines Tages drei Gedichte geschafft habe, empfinde ich das als ein Glück sondergleichen. Ich weiß gar nicht, wie ich zu dem komme.

Standard: Die Texte ziehen den Leser zunächst ins Geschehen rein, in der Mitte wird ihm jedoch oft der Boden unter den Füßen weggezogen, und es endet an einem vollkommen anderen Ort.

Einzinger: Ja, die Brüche sind mir wichtig. Ich will nicht eine in sich runde Sache liefern, sondern die verschiedenen Ebenen eines Texts zeigen. Die Leute fragen mich manchmal: Sind das überhaupt Gedichte, was du da schreibst? Ja, wie ihr es nennen wollt, ist mir egal. Von der Verdichtung her sind es für mich Gedichte. Die Frau Mayröcker macht das auf ihre Art auch ständig, dass sie assoziatives Material und Brüche in die Poetik entscheidend einbezieht. Das habe ich immer sehr verstanden.

Standard: Die Titel scheinen mitunter in keinem erkennbaren Zusammenhang zu den Gedichten zu stehen. Eines heißt "Kaum noch Neuigkeiten aus dem psychedelischen Nähzimmer".

Einzinger: "Psychedelic Sewing Room", das ist ein Song der New Yorker Band Bongwater, die es inzwischen nicht mehr gibt. Die Titel sollen den Inhalt ein bisschen unterlaufen und im besten Fall etwas Schwebendes haben. Diese reinen Benennungen, also: Das ist jetzt ein Gedicht über soundso – das finde ich schlimm. John Ashbery hat ein Gedicht namens Title Search gemacht, wo er sich nur die irrsten Titel notiert hat. In meinem nächsten Band habe ich mit 20 nie gedrehte Filme etwas Ähnliches drin. Da kommt ein gewisser Übermut zum Ausdruck.

Standard: Was brauchen Sie zum Schreiben?

Einzinger: Zuversicht. Das Gefühl, man kann nichts falsch machen. Das kommt fast immer, wenn ich Ashbery lese. Dann denke ich mir, alles was in der deutschsprachigen Lyrik gemacht wird, ist banal. Man könnte sich mit einem Gedicht sehr viel mehr trauen. Wenn ich Ashberys Irrwitz und seine wilden Schnitte sehe, dann bekomme ich Lust, selbst etwas zu machen.

Standard: Woran arbeiten Sie jetzt?

Einzinger: Ich habe einen verrückten Titel, von dem ausgehend ich eine Prosa schreibe: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach. Es soll eine Erzählung sein, aber mit vielen verschiedenen Linien: einer aus Afghanistan, der in den Westen will, um Kathedralen zu sehen; ein rauschgiftsüchtiger Mönch, der im Tabernakel ein Depot angelegt hat; und eine rumänische Projektkünstlerin, die Kloteppiche fotografiert. Das Problem ist, wie das alles in einen Text reinsoll. Mein Verleger sagt immer: Du musst eine Straße bahnen, die man weitergehen will. Das ist das größte Problem bei meinen Schreibabenteuern. Oft geht der Text den Weg, den man überhaupt nicht erwartet.

Standard: Dschalalabad, Bad Schallerbach: Das unmittelbar in der Nähe Gelegene ist für Sie genauso interessant wie die Ferne.

Einzinger: Man hat mich auch schon einen Heimatschriftsteller genannt, was natürlich ein Blödsinn ist. Ich habe das Lokale immer unverstellt verwendet in meinen Texten. Es war für mich auch eine gewisse Kraftquelle, in einem normalen bürgerlichen Leben fern der Kunstbetriebswelt der Hauptstadt zu wohnen. Außerdem bin ich hier gleich im Wald und kann meine Runden drehen. Ich habe mich nur immer geweigert, in der Umgebung zu lesen. Dann kommen die Eltern meiner Schüler und glauben vielleicht, sie müssen sich ein Buch von mir kaufen.

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