Der
Schriftsteller Gerd-Peter Eigner bekommt
heute in Göttingen den mit 15.000 Euro dotierten
Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen.
Von Rainer Wagner aus der
HAZ, 18.09.2010:
Einen „Bezug zu Niedersachsen“ sollen Schriftsteller schon haben, die mit dem
Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet werden. Wer diesen
Bezug bei Gerd-Peter Eigner sucht, der am Montag in Göttingen den mit 15 000
Euro dotierten Preis erhält, wird sowohl in der Biografie wie in Eigners
literarischem Schaffen fündig. Geboren wurde er zwar 1942 in Malapane
(Oberschlesien), doch aufgewachsen ist er in Wilhelmshaven, wo er auch Abitur
machte, als Bauarbeiter und Lokalreporter tätig war und sich als Musiker
betätigte: „In meiner Kindheit und Jugend habe ich Geige und Klavier gespielt.
Und geboxt. Beides, miteinander kollidierend, führte zur Literatur.“
Was die weitere Beschäftigung mit Musik nicht ausschließt. Sei es in einer
„szenisch-prosaischen Intervention“ mit dem schönen Titel „Sechs unbiographische
Angaben über Mozart und über den Schnee“, die 1983 in der Alten Oper Frankfurt
vorgestellt wurden. Oder in seinem 1996 erschienenen Roman „Lichterfahrt mit
Gesualdo“, dessen Held sich mit dem Musiker, Mörder und Madrigalmeister Don
Carlo Gesualdo auseinandersetzt. Aber Eigner tritt auch mit dem Jazzposaunisten
Conny Bauer auf und präsentiert beispielsweise die Text-Komposition „Prosa an
Posaune: Wolkenflug und Schwanenschicksal“. Schwäne spielen in Eigners Schaffen
immer wieder eine Rolle. Und die Musik auch. Eigner übersetzt
Nietzsches „Ohne Musik wäre das Leben ein
Irrtum“ ins Alltägliche: „Wo das Tröstliche vorliegt, wird man es sich zunutze
machen.“
Nach dem Studium (Volkswirtschaft, Soziologie und Geschichte) arbeitete Eigner
als Lehrer für verhaltens- und entwicklungsgestörte Kinder und Jugendliche in
Bremen. 1971 entschloss er sich, hauptberuflich Schriftsteller zu werden. Sieben
Jahre später erschien sein erster Roman „Golli“, den von der Kritik als
„Paukenschlag“ begrüßten Auftakt einer „Spaltungs-Trilogie als
Krankengeschichte“: Es ist auch eine Heimatgeschichte, die – ebenso wie „Mitten
entzwei“ (1988), der Abschluss der Trilogie – in Wilhelmshaven spielt. Und im
Mittelteil des Triptychons, dem 1985 erschienenen Roman „Brandig“, führt die
Suche nach dem Helden zwar vorzugsweise in die mediterrane Welt, aber eben auch
in die norddeutsche Landschaft. Eigner schöpft aus dem Fundus äußerer
Erscheinungen und persönlicher Erfahrungen: „Der Schriftsteller schreibt über
das – oder genauer: aus dem heraus –, was er kennt. Dort kann er schalten,
walten und verwandeln.“ Die Niedersächsische Literaturkommission als Jury dieses
Preises nennt Eigners Romane „zyklisch miteinander verbunden“. Tatsächlich
beginnt auch Eigners 2008 erschienener Roman „Die italienische Begeisterung“ an
der Nordseeküste und mit der Erinnerung an eine Kindheit in Wilhelmshaven.
Pointiert ist schon der Beginn (das ist nicht selbstverständlich bei einem
Autor, der 34 Druckzeilensätze schreibt): „Eine Woche vor ihrem Tod sagte mir
die Frau, mit der ich ein Vierteljahrhundert gelebt und drei Kinder großgezogen
hatte, dass sie immer nur ihn geliebt habe.“ Daraufhin macht sich der Seelotse
Rolf Boddensiek auf nach Italien, wo sein einstiger Mitschüler (und Nebenbuhler)
Theo Bronken jetzt lebt. Auch der vielsprachige Eigner lebt in Italien (und in
Berlin): „Aber in Italien schreibe ich nicht, sondern bespreche Weinstock und
Olivenstämme. Und lese.“
Zwölf Jahre hat Eigner seine Leser auf diesen Roman warten lassen: „Ein größeres
Werkstück erfordert oft ein Dezennium. Wenn nicht ein ganzes Leben.“ Er habe nie
fortwährend geschrieben, sondern „immer im Kopf Materialien und Ansichten
gesammelt, Gegenstände, Gegenden, Gesichter samt den Ansichten aus dem Mund
jener, deren ich ansichtig wurde“. Die Frage, ob er ein skrupulöser Schreiber
sei, müsse der Leser beantworten: „Ich tu’, was ich kann.“
Die von der zuständigen Kulturministerin Johanna Wanka erkannte
„Wahlverwandtschaft zum Namensgeber des Preises“ hat den Preisträger übrigens
„stutzig gemacht“: „Ich habe die Verwandtschaft zu Nicolas Born nicht gesucht
oder hergestellt.“ Wenn es Ähnlichkeiten gebe, seien die „der Zeit und den
Räumen, den äußeren Umständen und künstlerischen Einflüssen geschuldet“. Aber
andererseits seien Schriftsteller doch „vom selben Stamm“: „Man hat sich nicht
selbst in die Welt gesetzt, aber wenn man Ton, Haltung, Gebaren des anderen als
Schriftsteller zu Gehör und Gesicht bekommt, ist man verwundert, dass man nicht
so ganz allein ist.“
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