Umberto Eco, 2007, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

Der Dorn der Intelligenzija
Keine Spur von "angehendem Rentner": Umberto Eco wird heute 75 Jahre alt
Von Paul Kreiner aus der NRZ vom 5.1.2007:

Das Auswandern wenigstens ist ihm erspart geblieben. Vor der Parlamentswahl 2006 hatte Umberto Eco angekündigt, er werde Italien verlassen, sollte Silvio Berlusconi erneut an die Regierung kommen. So jedenfalls hatten es die Journalisten gehört, so hörte es die Intelligenzija des Landes, und weil Eco als geistiger Groß-Vater der italienischen Linksintellektuellen gilt, bekamen seine Worte Gewicht.

"Nein, nein", rückte Eco später zurecht. Er habe lediglich gesagt, er als angehender Rentner könnte theoretisch ja auswandern, während die arme Mehrheit der Italiener zum Ausharren gezwungen sei. Und schließlich: Wohin sollte der Professor, der Spannung, philosophischen Geistesblitz und Kulturhistorie in seinen Romanen wie "Das Foucaultsche Pendel" aufs Raffinierteste verquickt und seinen Kloster-Thriller "Der Name der Rose" allein über 15 Millionen Mal verkaufte, auch mit den 30 000 Bänden seiner bescheidenen Mailänder Heimbibliothek?

Leichte Analysen über den Lauf der Welt

Kurz gesagt: Ecos Ankündigung war wieder mal ein Spiel - wie alles ein Spiel ist in seinem weltweit verbreiteten literarischen Werk: ein Vexierspiel der Worte, ein Geländespiel im vorsätzlich gelegten Spurenwirrwarr der Geschichte, eine geistreiche Montage historischer und zeitgenössischer Anspielungen, die außer ihm selbst keiner mehr enträtseln kann. Folgerichtig ist insofern, dass Ecos jüngstes Werk ein Destillat reiner, kaum übersetzbarer Wortspiele ist, und kongenial war die Überschrift, die das Wochenmagazin "l´espresso" im September dem Vorabdruck verpasste: "Ecco l´eco dell´Ego di Eco" - "Hier ist das Echo des Ego von Eco".

Für den "espresso" schreibt Eco seit 1965 alle zwei Wochen seine "Streichholzbriefe". In ihnen analysiert er mit lockerer Hand den Lauf der Welt, "mein verrücktes Italien" vor allem: die Kuriositäten des inflationären Handygebrauchs ebenso wie die "ziemlich hässlichen" Mohammed-Karikaturen aus Dänemark, die sexuellen Steherqualitäten der modernen Gesellschaft und deren Manie, auf den Spuren obskurer Da-Vinci- oder Dan-Brown-Codes irgendwelche Wahrheiten finden zu wollen - wo er selbst, Eco, doch alles längst zum enzyklopädischen Roman gruppiert hat, weitaus belesener als jeder andere und historisch verlässlich obendrein.

Schreibend, die Zeichen der Zeit entschlüsselnd, hat der weltweit erste Lehrstuhlinhaber für Zeichenwissenschaft ("Semiotik") jüngst entdeckt, dass die Geschichte sich "im Krebsgang voran" bewegt, dass auf den Kalten Krieg wieder heiße Versionen nach alter Art gefolgt seien, dass "christliche Fundamentalismen, die zur Chronik des 19. Jahrhunderts zu gehören schienen", wiederauferstünden und dass der I-Pod nur eine Neuauflage des Kurbelradios sei und so weiter und so weiter.

Mit anderen Worten: ein gefundenes Fressen für einen, der im Mittelalter daheim ist. Er glaubt zu spüren, dass letztlich alles nach Hause kommt. Für diese Rückkehr ist Eco selbst ein lebendes Beispiel, sein eigenes "Offenes Kunstwerk" gewissermaßen: Über die Ästhetik beim mittelalterlichen Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat er einst promoviert - doch erst jetzt, 40 Jahre nach den ersten Anläufen (bei denen er seine Frau, die deutsche Grafikerin Renate Ramge traf) hat er den Bildband herausgegeben, den er seinerzeit plante: "Die Geschichte der Schönheit."

Fortlaufende Selbstbespiegelung

Wären da nicht die "Streichholzbriefe", so ließe sich wohl sagen, dass Ecos Werk in Deutschland weiter verbreitet ist und höher geschätzt wird als in Italien. Zum einen ist er sprachlich im Original viel anspruchsvoller, elitärer als in der Übersetzung - selbst gebildete Italiener geben zu, dass sie bei Eco ohne Wörterbuch nicht auskommen -, zum anderen herrscht in Italien allgemein zu viel Geschwätz, und Eco selbst nimmt gerne am Lieblingsspiel der literarisch-politisch-journalistischen Intelligenz seines Landes teil: an der fortlaufenden Selbstbespiegelung.

Umberto Eco, der "angehende Rentner"? Davon ist nichs zu spüren. Heute wird er ja auch erst 75 Jahre alt. (NRZ)

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0107 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung