Lyrics 1962-2001 (2004, Hoffmann & Campe - Übertragung Gisbert Haefs).

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Orpheus’ Enkel: Bob Dylan und der Literaturnobelpreis.
Jahrelang zählte er zum Favoritenkreis – jetzt hat die Schwedische Akademie den Songpoeten Bob Dylan ausgezeichnet.
Von Johannes Löhr aus dem Münchner Merkur, 13.10.2016:

Dylanologen galten bislang als ziemlich verrückte Gattung. Verrückt nicht im Sinne von gemeingefährlich, eher im Sinne von: Man möchte ihnen in die Wange zwicken und ein Pausenbrot schmieren. Wie andere Menschen Schmetterlingen mit Keschern hinterherhechten, veranstalten sie ganze Kongresse zum Sinn und Zweck des Daseins von Bob Dylan auf Erden. Sie stellen Fragen wie: Wer ist eigentlich dieser komische Mr. Jones in der „Ballad of a thin Man“? Und wie ist diese Reise in den Norden gemeint, die der Erzähler in dem Song „Isis“ antritt? Was sie dagegen ganz genau wissen: Es war die H-Saite, die dem Meister beim elften Song seines Auftritts am 21. Mai 2000 in Horsens, Dänemark, jäh abriss.

Jetzt ist Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, und nicht nur bei den zahlreichen Spezialisten der Dylan-Pseudowissenschaft werden die Korken knallen, sondern bei allen, die sich für Popmusik interessieren. Bob Dylan war einer der großen kulturellen Motoren des 20. Jahrhunderts, das ist ohnehin vielen klar. Dass er in einem Universum wirkt, in dem auch DJ Ötzi nicht fehl am Platz ist, machte ihn freilich unmöglich für höhere Weihen. Seit 20 Jahren wurde Dylan immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen – ohne Erfolg.

Jetzt hat die Jury sich getraut und Dylan Hochkarätern wie dem Briten Salman Rushdie und dem großen Favoriten, dem Japaner Haruki Murakami, vorgezogen. Der 75-Jährige werde für die Schaffung „neuer poetischer Ausdrucksformen“ in der großen Tradition der amerikanischen Musik geehrt, erklärte die Sprecherin der Schwedischen Akademie, Sara Danius, gestern in Stockholm. Es ist das erste Mal, dass ein Musiker mit dem höchsten Preis der Dichter ausgezeichnet wird. Das Raunen der Journalisten im Raum wollte nicht enden, genau wie der Applaus danach. Danius würdigte die Lieder des Musikers als „Poesie für die Ohren“. Dylan habe den Status einer „Ikone“, hieß es in einer Erklärung der Akademie. „Sein Einfluss auf die zeitgenössische Musik ist tiefgreifend.“

Dylan erhob in den Sechzigerjahren die Popmusik und das Brechen von Regeln im Alleingang zur Kunst. Seine Songs drehten sich nicht mehr um Teenager-Dramen, sondern waren vertonte surreale Gedichte und mitunter so lang, dass sie ganze LP-Seiten einnahmen – fundiert in der Tradition des „alten, unheimlichen Amerika“, so nannte es der Kritiker Greil Marcus. Also in den hundert Jahre alten Mörderballaden und Folksongs, die Dylan mit scheinbar leichter Hand durch die zeitgenössische Mangel drehte. Ohne ihn als Vorreiter hätten die Beatles sich nie derart rapide als Song-Autoren weiterentwickelt. Die Fab Four wiederum ermutigten ihn, sich der Popmusik zu verschreiben. Ein Kreativitätswettbewerb, in dem Bob Dylan stets die Nase vorn hatte.

Mittlerweile unterteilt man sein Schaffen in Perioden. Nicht die blaue oder rosa Periode wie bei Picasso, aber doch klar definiert: die frühe freche Folk-Phase, die produktive Rockstar-Phase Mitte der Sechziger, dann die Einsiedler-Phase nach seinem Motorrad-Unfall 1966, der ihn aus dem Pop-Zirkus hinauskatapultierte, die Phase als Country-Sänger, die Phase als Tingeltangel-Bob mit Zirkus-Show, die Phase, in der er das Christentum predigte. Heute scheint sich ein Kreis geschlossen zu haben: Bob Dylan singt Songs aus dem großen amerikanischen Liederbuch, bei dem sich einst bereits Frank Sinatra bediente. Seine Stimme klang freilich stets gleich gewöhnungsbedürftig – „als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre“, ätzte ein früher Kritiker. Zu wahr, um schön zu sein, sagen seine Fans.

Tatsächlich kommt dem Vortrag bei Dylan eine große Bedeutung zu. Wer ihn wegen seines Organs gering schätzt, sollte die Verletzlichkeit in dem großen Trennungs-Epos „Simple Twist of Fate“ beachten oder sich die großartige Hochnäsigkeit in Dylans Meisterwerk „Like a Rolling Stone“ anhören. Seine Stimme verleiht den Songs eine Dimension, die die zum Teil weitaus erfolgreicheren Interpreten seiner Lieder selten erreichten. Er steht in der Nachfolge der singenden Dichter: des mythologischen Orpheus, der biblischen Psalmisten und der mittelalterlichen Vaganten.

Im selben Maße, in dem sich Bob Dylan in all den Jahren rar machte und hinter Masken versteckte, wuchs der Kult um ihn. Für die Dylanologen war es natürlich ausgemachte Sache, dass er irgendwann den Nobelpreis bekommen würde. Da konnte seine Nominierung in Fachkreisen noch so sehr als „running gag“ gelten – und er selbst sich in seiner Autobiografie noch so bescheiden geben: „Ich habe mich nie größer gemacht, als ich bin – ich war immer nur ein Folkmusiker, der mit tränenblinden Augen in den grauen Nebel hinausblickt und sich Songs ausdenkt, die im leuchtenden Dunst dahintreiben.“

Die Dylanologen haben es besser gewusst. Wobei noch zu klären wäre, was genau der Meister mit dem Dunst eigentlich meint.

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Lyrics 1962-2001 (2004, Hoffmann & Campe - Übertragung Gisbert Haefs).2.)

"Ein großartiger Dichter": Bob Dylan erhält den Literatur-Nobelpreis
Die Überraschende Jury-Entscheidung für ein Pop-Idol: Der neue Träger des Nobelpreises für Literatur heißt Bob Dylan.
Von Christoph Onkelbach in der WAZ vom 14.10.2016:

Auf alten Seekarten gibt es eine Linie, hinter der die Welt endet. Wo das Meer ins Nichts stürzt, wo Gewissheiten enden und Dunkelheit beginnt. „Beyond Here Lies Nothing“, singt Dylan. Wer dennoch mutig weitersegelt, tut es auf eigene Gefahr. Es gibt kein zurück. Ab hier zählen nur noch Vertrauen, Freundschaft und Liebe. Dylan wendet so das Drohende zum Symbol des Aufbruchs, der ewigen Wanderschaft und des Wagemuts – ein schönes Bild für ein Liebeslied. Und ein gutes Beispiel für Dylans poetische Meisterschaft.

Das Stück von seinem Album „Together Through Life“ (2009) sagt viel über Dylans Gedankenwelt, zeigt sein Verständnis von Hoffnung und Lebenssinn. Jenseits der Linie warten der Mond und die Sterne, singt er, und die „Berge der Vergangenheit“ sind nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch imposante Kulisse einer abenteuerlichen Reise. Auf diese Linie, die das Ende von allem markiert, was wir kennen und wissen, bewegt er sich zu. Dorthin ist der 75-Jährige musizierend unterwegs – ein gesungenes Lebensresümee.

Er wäre wohl umgekommen auf dieser Reise, hätte er sich nicht ständig verändert. Verwandlung, Verweigerung und für Außenstehende unverständliche Kurswechsel sind seine Überlebensstrategie. Er war Folkmusiker, Protestsänger, Rocker, Prediger, Bluesmusiker und – nicht zuletzt – Dichter. Nie ließ er sich vereinnahmen, stets bevorzugte er einsame Pfade. Wie 1967, als eine besondere Jahreszeit herrschte, der „Summer of Love“. Trotz und wegen des Vietnamkriegs trafen sich die Hippies in San Francisco und setzten der Welt, der Gewalt und dem Krieg Liebe, Rausch und Musik entgegen. Doch Dylan, die Ikone der Protestbewegung, war da schon wieder woanders. Er interessierte sich kein bisschen für Love & Peace, sondern nunmehr für Country & Western.

Aus Leichtsinn zum Rock’n’Roll gekommen

Bob Dylan. Leben, Werk, Wirkung (2006, Suhrkamp BasisBiographie, von Jens Rosteck)Als er in einem Interview einmal gefragt wurde, wie er zum Rock’n’Roll kam, sagte er: „Aus Leichtsinn. Meine große Liebe ließ mich sitzen. Eine dicke mexikanische Lady nahm mich mit nach Philadelphia. Der erste Typ, der mich dort auf der Straße auflas, fragte mich, ob ich ein Star werden wollte. Wie konnte ich da nein sagen?“ Olaf Benzinger beschrieb die Szene in seiner Biografie.

Das ist typisch Dylan. Er lässt sich nicht festlegen, führt das Publikum an der Nase herum. Ist das die Wahrheit, ein Gleichnis oder nur gut ausgedachter Unsinn? Wenn es eine Konstante in seinem Leben gibt, dann die des steten Wandels. Bevor man ihn auf etwas festlegen konnte, wechselte er die Richtung. So blieb er stets der Unzeitgemäße, der Beobachter, Künstler und kluge Narr der modernen Zeiten. Dieses Spiel sichert ihm bis heute die nötige künstlerische Freiheit.

Dylan, der 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth/Minnesota geboren wurde, erhält nun gut 50 Jahre nach seinem Karrierestart als erster Songwriter die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt. Er sei eine „Ikone“, erklärte das Nobelpreiskomitee in Stockholm. Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten, erklärte die Chefin der Schwedischen Akademie, Sara Danius. Nichts anderes habe der Dichter Homer vor einigen Jahrtausenden auch getan.

Ein Gigant – mit Einfluss

Trotz der mutigen Entscheidung des Komitees ist der Autor von Folk-, Blues- und Rock-Klassikern wie „Masters Of War“, „Like A Rolling Stone“ oder „Visions of Johanna“ ein mehr als würdiger Preisträger. Er hatte und hat wohl eine weit größere Wirkung auf das Lebensgefühl und die -einstellung einer ganzen Generation als die meisten seiner vermeintlich würdigeren Vorgänger. Und sein musikalischer wie poetischer Einfluss auf die populäre Musik ist wohl kaum zu überschätzen. Dylan ist ein Gigant.

Schon alle erdenklichen Auszeichnungen hat der Dichtermusiker gesammelt, darunter elf Grammys, den Pulitzer-Preis und die von Obama persönlich verliehene „Presidential Medal of Freedom“.

Auch den Nobelpreis hat er verdient – aber er braucht ihn nicht. Er wird weitermachen wie zuvor, seine unendliche Tournee fortsetzen und die Grenzlinie auf seiner persönlichen Seekarte ansteuern – bis zum Schluss.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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