Dylan, der Dichterfürst
Am Freitag erscheint „Tempest“ (Sony Music), das 35. Studioalbum von Bob Dylan – mit Geschichten über Titanic, DiCaprio und Lennon.
Von Johannes Löhr aus dem Münchner Merkur, 6.09.2012:

Die Welt betrachtet Bob Dylans Leben längst wie das eines Malers. Im Gegensatz zu so ziemlich jedem anderen Pop-Musiker unterteilt man sein Schaffen in Perioden. Nicht blau oder rosa wie bei Picasso, aber doch klar definiert: Die frühe freche Folk-Phase, die produktive Popstar-Phase Mitte der Sechzigerjahre, dann die Einsiedler-Phase, die Scheidungsphase, die Phase als Tingeltangel-Bob, die Christen-Phase. Phasenweise wurd’s dann ziemlich fad (die Achtziger!), aber schon seit 1997 haben wir das Alterswerk, die mittlerweile längste Phase – und eine verdammt starke.

Lyrics 1962-2001 (2004, Hoffmann & Campe - Übertragung Gisbert Haefs).Dylan hat es zum Dichterfürsten gebracht, zum zeitlos angesagten Aushängeschild eines Jahrhunderts. In diesem Jahr band ihm US-Präsident Obama die Freiheitsmedaille um den Hals, die höchste Auszeichnung, die ein Zivilist in den Vereinigten Staaten bekommen kann. 2008 war es der Pulitzer-Preis, irgendwann vielleicht der Literaturnobelpreis.

Jetzt also „Tempest“, die 35. Studio-LP, und natürlich liegt da ein Shakespeare-Vergleich nahe. Mit der Romanze „The Tempest“ („Der Sturm“) hat William S. anno 1611 seinen Abschied von der Theaterbühne angekündigt, indem er die Hauptfigur, den Zauberer Prospero, seiner magischen Kunst abschwören ließ. Müssen wir das etwa auch für den knurrenden Song-Magier Dylan befürchten? „Shakespeares letztes Stück hieß ,Der Sturm‘“, stellte der 71-Jährige gegenüber dem amerikanischen „Rolling Stone“-Magazin klar. „Es hieß nicht einfach ,Sturm‘. Der Name meines Albums ist ganz einfach ,Tempest‘. Das sind zwei verschiedene Titel.“ Soll heißen: Auch der Poeta Laureatus der Rockmusik ist zwar nicht unsterblich.

Noch aber deutet nichts darauf hin, dass er abdankt. Der Mann klingt auf der neuen Platte ja auch, als sei er noch zu allen Schandtaten bereit: geht zum Schwof mit Feenköniginnen („Soon After Midnight“), bettet sein müdes Haupt zwischen Brüsten („Narrow Way“) und blickt in geleerte Flaschen („Roll On John“).

Das Album nähert sich dem Hörer tänzelnd, mit dem lustig swingenden „Duquesne Whistle“, in dem der Sänger launig feststellt: „Du sagst, ich bin ein Zocker, Du sagst ich bin ein Zuhälter. Aber ich bin keins von beidem.“ Dabei sieht er – bei allem Respekt – genauso aus. Im Video zum Song strawanzt er mit schnalzenden Hosenträgern und einer Clique aus lichtscheuem Gesindel durch die Straßen. Die Band mit den altgedienten Gitarrenrecken Charlie Sexton, Stu Kimball und David Hidalgo spielt dazu auf wie Duke Ellingtons Orchester im Westentaschenformat: reduziert, unfassbar lässig, aber vorwärtstreibend.

Zentrum des Albums ist zweifellos das 14-minütige Titellied: In 45 Strophen erzählt Bob Dylan hier den Untergang der Titanic. Ein Thema, das Filmregisseur James Cameron mit seiner Kino-Schnulze eigentlich auf immer versenkt zu haben schien. Doch Dylan kümmert das nicht. Seit jeher sucht er nach historischen Vorlagen, die er ausschmücken, dramatisieren, überhöhen und in Stein meißeln kann. Schon der junge Folk-Dylan hätte sich weniger für die abschmelzenden Polkappen interessiert als für die Menschen, die im Angesicht der kalten Eisriesen ihrem Schicksal begegnen.

Der alte Dylan lässt sich für die „sad, sad story“ Zeit, er braucht keinen Refrain und nur drei Akkorde, um uns die Schicksalsgemeinschaft zum Walzertakt von Fiedeln und Akkordeon vorzuführen: Das Bordorchester spielt Lieder über verblasste Liebe, die Lords und Ladies drehen sich im Ballsaal. Plötzlich drei Fuß hohes Wasser auf dem Quarterdeck, der Schiffsmotor explodiert. Kein plötzliches Wunder, das das Unheil abwenden könnte. Tote Körper, zersplittertes Kristall. Freunde und Liebende, die sich aneinander festhalten. Frauen und Mädchen, die ins Eiswasser springen. Der reiche Mann, der seine Gattin zum ewigen Lebewohl küsst. Davie, der Bordellbesitzer, der seine Mädchen ziehen lässt. Brüder, die sich in Panik gegenseitig abschlachten.

Dass man dabei immer wieder die Filmbilder vor Augen hat, scheint Dylan nicht nur nicht zu stören – er spielt damit. Da ist zum Beispiel dieser Leo, der in sein Skizzenbuch zeichnet und als erster das laute Knirschen hört. Dass es sich dabei um Leonardo DiCaprio handeln könnte, hat Dylan – im Gegensatz zum Shakespeare-Vergleich – nie dementiert.

So zeigt sich auf diesem gelungenen Alterswerk ein Künstler auf der Höhe der Zeit – und das, obwohl auf „Tempest“ ausschließlich Musik zu hören ist, die es schon vor 80 Jahren gegeben hat. Es ist die Art und Weise, mit der sich Dylan zwanglos in allen Epochen der Popkultur bedient, die ihn jungen Bands der Stunde gar nicht so unähnlich erscheinen lässt. Ein Bänkelsänger mit Breitbandanschluss.

Bob Dylan beschließt „Tempest“ mit „Roll On John“, einer rührenden Hommage an John Lennon. Ob sich die beiden zu des Beatles’ Lebzeiten wirklich so nahe standen, ist nicht verbürgt, aber auch nicht wichtig. John Lennons Leben ist für Dylan einfach eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Da stellt sich die Frage, wer dereinst seine eigene Geschichte erzählen soll, wenn er mal wirklich in die Abschiedsphase eintritt. Möge es noch lange nicht so weit sein.

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