Lyrics 1962-2001 (2004, Hoffmann & Campe - Übertragung Gisbert Haefs).1.) - 2.)

Bob Dylan wird 70 – seine Lieder, sein Leben
Der große Barde Bob Dylan feiert seinen 70. Geburtstag am 24. Mai. Immer noch ist er kraftvoll modern, weil er auf Moden pfeift. Ein Rückblick auf ein abenteuerliches Leben als ewiger Tramp.
Besprechung von Christoph Onkelbach in der WAZ vom 20.5.2011:

Auf alten Seekarten gibt es eine Linie, hinter der die Welt endet. Wo das Meer ins Nichts stürzt, wo die Gewissheiten enden und die Dunkelheit beginnt. „Beyond Here Lies Nothin’“, singt Dylan. Wer dennoch mutig weitersegelt, tut es auf eigene Gefahr. Es gibt kein Zurück. Es ist der Ort des absoluten Vertrauens, der Freundschaft, des Glaubens. Der Liebe? Und so wird das Drohende zu einer Metapher des Aufbruchs und des Wagemuts – ein schönes Bild für ein Liebeslied, und ein gutes Beispiel für Dylans poetische Meisterschaft.

Das Stück von seinem Album „Together Through Life“ (2009) sagt eine Menge über die Gedankenwelt des Musikers aus, zeigt sein hintersinniges Verständnis von Hoffnung und Optimismus. Jenseits der Linie warten der Mond und die Sterne, singt er, und die „Berge der Vergangenheit“ sind nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch imposante Kulisse einer abenteuerlichen Reise. Auf diese Linie bewegt er sich zu, dorthin ist er musizierend unterwegs, womöglich schon 70 Jahre lang, der ewige Tramp. Ein gesungenes Lebensresümee?

Verweigerung als Überlebensstrategie

Er wäre wohl umgekommen auf dieser Reise wie vor ihm so viele andere, hätte er sich nicht stetig verändert. Verwandlung und Verweigerung als Überlebensstrategie. Er war Folkmusiker, Protestsänger, Rocker, Prediger, Bluesmusiker und Poet. 1967 gab es eine besondere Jahreszeit, den „Summer of Love“ – trotz und wegen des Vietnamkrieges. Die Hippies trafen sich in San Francisco, Musik und Liebe herrschten einige Wochen lang, Kunst, Rock und Drogen wurden psychedelisch, zahllose großartige Bands gründeten sich, Hippie-Poeten besangen die Gegenwelt, und das berühmte Woodstock-Festival stand noch bevor. Doch Dylan, die Ikone der Protestbewegung der 60er-Jahre, war nicht dabei, interessierte sich kein bisschen für Love & Peace. Er interessierte sich für Country & Western.

Wieder einmal ändert er radikal die Richtung, verweigert sich einer kollektiven Lebensanschauung, konzentriert sich auf seine Kunst – und die Dylan-Gläubigen sind schon wieder sauer. So macht er es immer. In Interviews spricht er zuweilen überraschend flüssig und viel, doch meist gibt er keine Antworten. Olaf Benzinger beschreibt in seinem Buch „Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben“, eine kuriose Szene: Als der Musiker 1966 gefragt wird, wie er zum Rock’n’ Roll kam, sagt er: „Aus Leichtsinn. Meine große Liebe ließ mich sitzen. Eine dicke mexikanische Lady nahm mich mit nach Philadelphia. Der erste Typ, der mich dort von der Straße auflas, fragte mich, ob ich ein Star werden wollte. Wie konnte ich da nein sagen?“ Das ist typisch Bob Dylan. Er sagt viel und nichts, führt den Fragenden an der Nase herum und gibt doch etwas preis. Ist das die Wahrheit, ein Gleichnis oder purer Blödsinn? Von allem etwas. Auf jeden Fall aber ist es eine gute Geschichte.

Die Wiederholung des Erfolgs erzeugt Kitsch

Dylan lässt sich nicht festlegen. Wenn es eine Konstante gibt in seinem Leben und seiner Musik, dann ist es der Wandel. Denn einmal eingespannt in die Verwertungsmaschinerie von Berühmtheit, Erwartungen, Plattenaufnahmen und Tourneen gab es für viele andere kein Entrinnen mehr. Dylan ist klug genug, immer wieder den Kurs zu wechseln, um die Grenzlinien auf seiner persönlichen Seekarte zu suchen. Denn die Wiederholung des Erfolgs erzeugt zuerst Kitsch und dann Langeweile, die Kunst geht daran zu Grunde. Er weiß, dass Ruhm das letzte Mittel ist, mit dem Abtrünnige und ihre Kunst unschädlich gemacht werden.

Ein richtiger Künstler müsse mindestens Maler sein

Dylan war und ist der Unzeitgemäße. Beobachter, Musiker und Narr der modernen Zeiten. Dieses Spiel gibt ihm die nötige künstlerische Freiheit. In dem wunderbaren, elf Minuten langen Song „Highlands“ (1997) erzählt er von einem Besuch in einem Restaurant. Die Kellnerin sagt: Ich kenne Sie doch, Sie sind ein Künstler. Und sie verlangt, er solle sie zeichnen, weil sie denkt, ein richtiger Künstler müsse mindestens Maler sein. Er sagt, er würde ja gerne, aber er habe seinen Malblock nicht dabei. Sie zieht einen Stift hinter ihrem Ohr hervor und sagt, er könne auf die Tischdecke zeichnen. Er zieht ein paar Linien und zeigt es ihr. Und sie sagt: Das sieht mir nicht die Bohne ähnlich.

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Bob Dylan. Leben, Werk, Wirkung (2006, Suhrkamp BasisBiographie, von Jens Rosteck)2.)

Bob Dylan war nie jung
Der Mann, der heute 70. Geburtstag feiert, revolutionierte die Popmusik – und stand doch stets außerhalb des Zeitgeistes.
Von Johannes Löhr aus dem Münchner Merkur, 24.05.2011:

„Ich wünschte, Bob Dylan wäre tot“, schrieb der Journalist Mark Jacobson bereits in den Siebzigern. „Dann könnte ,Kanal 5‘ endlich eine Dokumentation seines Lebens zusammenstellen... bloß die unveränderlichen Fakten.“ Ein böser, doch erhellender Wunsch: Dylan überfordert seit jeher seine Zeitgenossen. So viel Talent, so viele unbestreitbare Verdienste – und gleichzeitig so viele falsche Fährten, Behauptungen und Legenden auf einem Haufen. Das ist ja kaum auszuhalten.

Viele der Blendgranaten um seine Person hat Bob Dylan selbst gezündet. Schon bei seinem ersten Vorstellungsgespräch vor einem Schallplattenboss behauptete er, er sei als Landstreicher vom Zug gefallen. Und im Laufe seiner nunmehr 50 Jahre währenden Karriere hat er sich so viele Masken übergezogen – da scheint es fast fair, dass ihn 2009 eine 24-jährige Polizistin in New Jersey verhaftete. Dieser verknitterte Landstreicher behauptete zwar steif und fest, er wolle nirgendwo einbrechen, er sei mit Willie Nelson und John Mellencamp auf Konzertreise und gehe gerade spazieren – aber weiß man’s?

Jacobsons Wunsch wurde also gottlob nicht erhört, Bob Dylan wird heute 70 Jahre alt. In den Siebzigern wäre das ein biblisches Alter gewesen. „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“, lautete damals das Rock’n’Roll-Credo, ausgegeben von Pete Townshend von The Who. Die Popmusik steckte zwar nicht mehr in den Kinderschuhen (Dylan hatte sie da rausgewuchtet). Aber so etwas wie das Alterswerk eines Pop-Künstlers war nicht vorstellbar. Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin – alle früh verglüht. Jenseits der 30 war der Spaß definitiv vorbei.

Dylan hat exemplarisch gezeigt: Das muss nicht sein. Sein Weg ins Alterswerk ging nicht ohne kreative Abstürze über die Bühne, aber seit langer Zeit steht der Mann wieder wie ein Monolith in der Landschaft. Veröffentlicht alle vier Jahre eine umjubelte Platte, bekam 2008 den Pulitzer-Sonderpreis, wird immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, moderierte drei Jahre lang eine Radiosendung, in der er seine Lieblingsmusik spielte. Und er ist immer noch ein Prägestock: die derzeit angesagteste deutschsprachige Band, „Ja, Panik“, zum Beispiel. Sänger Andreas Spechtl dehnt die Vokale genauso ins Fast-schon-Lächerliche wie der Altmeister. Bob Dylan ist noch heute der Inbegriff dessen, was cool ist. Ein Klassiker.

Warum altert der Mann so gut? Es liegt wohl daran, dass er nie landläufig jung war. Als sich Robert Zimmerman 1961 von seiner Heimatstadt, dem schäbigen Bergbau-Kaff Hibbing im Norden der USA, nach New York aufmachte, sang er im Greenwich Village die alten Geschichten über Mörder, und Arbeiter aus der Zeit der Depression, wie sein Vorbild Woody Guthrie es getan hatte. Er war schon immer vor allem an den Musiktraditionen Amerikas interessiert, deren lose Enden er aufnahm und weiterspann.

Dylan stand über den Dingen, außerhalb der Zeit. Von diesem distanzierten Ausgangspunkt konnte er in sein System integrieren, was immer ihm zur Verfügung stand – ausufernde surreale Lyrik, eine Stimme wie die eines Kojoten im Stacheldraht, eine quecksilbrig aufspielende Rockband – und so den Zeitgeist diktieren, Avantgarde sein und alles umkrempeln, was in der populären Musik vor ihm gegolten hatte.

Klar, dass er da viele vor den Kopf stieß. Ein bisschen beleidigt wirkt die große Folk-Lady Joan Baez sogar im Jahr 2005 noch, als sie in Martin Scorseses Bob-Dylan-Dokumentation „No Direction Home“ eine hinreißende Parodie auf den dichtenden Nuschler abliefert. Die Augenlider arrogant auf Halbmast, mit schiefer Schnute erzählt sie, was der Jungspund ihr gut 40 Jahre zuvor über die Schreibmaschine hinweg zuknurrte: „Diese ganzen Idioten da draußen erzählen laufend, wovon meine Songs handeln, dabei weiß ich das nicht einmal selbst, höhöhö.“

Dylan verweigerte sich stets allen, die ihn analysieren oder vor ihren Karren spannen wollten. Er spielte nicht einmal der schmachtenden Baez zuliebe den protestsingenden Sinnstifter, obwohl er doch Hymnen wie „Blowing In The Wind“ oder „Masters Of War“ geschrieben hatte – sondern erfand sich 1965 als rockendes Kunst-Chamäleon neu.

Jeder „Judas“-Ruf gegen ihn wirkt von heute aus betrachtet wie eine Auszeichnung an Dylans Brust. Und trotzdem beweisen noch immer besonders seine „Jünger“ allzu oft ihre Engstirnigkeit. Sie kritisieren ihn dafür, dass er vor dem Papst auftrat, dass er in schlechten Filmen und einem Dessous-Werbespot mitspielte, dass er auf seiner „Never-Ending-Tour“ seine Songs wie ein Metzger behandelt, um keine „Greatest-Hits-Show“ abliefern zu müssen.

In einem werden sich aber auch Dylans kritischste Fans einig sein: Eine Dokumentation über diese an Hakenschlägen und Mythen so reichen 70 Jahre, die „bloß die unveränderlichen Fakten“ zeigt – wer braucht die schon?

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

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