Wundertüte voller Raritäten für die
Fan-Gemeinde
Das Frühwerk eines Rock-Genies: Neues von Bob
Dylan, der demnächst auf
Deutschland-Tournee geht
Besprechung von Udo Feist aus den Nürnberger
Nachrichten vom 15.10.2005:
Zwar hat Bob Dylan den
Literatur-Nobelpreis wieder nicht bekommen, dafür gibt es aber eine ganze Menge
Neuigkeiten: Der Meister ist von 24. Oktober bis 8. November wieder auf
Deutschland-Tour, dazu sind neue Bücher und CDs erschienen.
Was braucht man noch außer Dylans Platten? Ein paar Lexika-Artikel, Anthony
Scadutos indiskrete Biographie (deutsch 1976), Pennebakers legendären Film „Don’t
Look Back“ (1966), die Songtexte, Dylans eigenen „Chronicles“ (Band 1,
2004), zwei Greil Marcus-Bücher („Basement Blues“ und „Like A Rolling
Stone“) und von Martin Scorcese vielleicht die Filmdokumentation „No
Direction Home“ (2004). Der Rest bleibt privatestes Heiligtum eines jeden
Dylan-Fans.
Ergänzung im Überflüssigen, aber darin doch neuer funkelnder Schrein ist das
„Bob Dylan Scrapbook“ - mit Raritäten aus dessen erstem Musikerjahrzehnt
von Schülerbands bis zur rimbaudhaften Genialik von „Subterranean Homesick
Blues“, „Highway 61 Revisisted“ und „Blonde on Blonde“: His Bobness
Wechsel zur Elektrik in Newport, die Riesenglühbirne im Interview und sein
angeblicher Verrat am Folkieprotest, das alles lag auf dieser Strecke von 1956
bis 1966.
Das Scrapbook (deutsch: Schnipsel- oder Sammeleinsteckalbum) verdichtet sie
stilvoll. Gerahmt von einem biographischen Essay des Musikjournalisten Robert
Santelli, verpackt in einen Schmuckschuber inszeniert es den Mythos mit hoher
Faksimiledichte: In Reproduktion bietet es Original-Songmanuskripte („Talking
New York“, „Blowin‘ In The Wind“, „Like A Rolling Stone“), Tickets
und Flyer früher Auftritte, Werbematerial der Plattenfirma, kleine Booklets und
mehr.
Alles in Einsteckhüllen, angeheftet oder -geklebt, von wunderbaren Fotos und
verständnisvollem Text umgeben. Stoff, der Sammler anspricht, jenen Typ, der
schon alles hat, aber mehr will. Wo man nicht weiß, ob ihn da der Wunsch
treibt, sich selbst zu komplettieren oder die Welt und ob das nicht dasselbe
ist. Das Scrapbook erübrigt diese Unterscheidung.
Ergänzt um eine CD mit frühen Interviews ist es haptisches Erlebnis und
Gesamtkunstwerk. Wertvoll, unterhaltsam, verspielt, trotzdem informativ. Ein
dekoratives Juwel, das Hoffmann & Campe (nach „Chronicles“ und
Neuausgabe der Songtexte) endgültig zum Dylan-Stammhaus in Deutschland macht.
Exquisit und fern vom buchstäblichen Mülldurchwühlen eines A. J. Weizmann,
der den Meister damit Anfang der 70er in eine ausgewachsene Paranoia trieb.
Zurück in diese Zeit führt auch das Tagebuch, das der amerikanische Dramatiker
und Regisseur Sam Shepard während der legendären „Rolling Thunder“-Tournee
im Jahre 1975 geführt hat. Die Tour sollte als Rock’n’Roll-Revue gefilmt
werden und Sam Shepard das Drehbuch dazu schreiben. Dylan zog in drei Bussen mit
Freunden und Roadies durch die USA, bis er schließlich im Madison Square Garden
in New York sein großes Comeback feierte. Die Neuausgabe des Buches mit
wunderbaren Fotos von Ken Regan zeigt Szenen eines Rock’n’Roll-Roadmovies.
Und es zeigt die vielen Gesichter Bob Dylans, der sich immer wieder gerne hinter
neuen Masken versteckte.
Auf der Bühne erfindet sich der Rock-Poet stets aufs Neue. Einen Einblick in
die Musikwerkstatt des Meisters gibt das aktuelle Doppelalbum „No Direction
Home“. Eine CD enthält den Soundtrack zu Martin Scorseses Dokumentarfilm aus
den sechziger Jahren, die andere unter anderem einen Live-Mitschnitt vom Newport
Festival 1965.
Das Bob Dylan-Scrapbook 1956-1966. Text von Robert Santelli. A. d. Amerikan. von
Kathrin Passig und Gerhard Henschel. Hoffmann & Campe, Hamburg. 64 Seiten,
mit Audio-CD, 49,95 Euro.
Sam Shepard: Rolling Thunder. Unterwegs mit Bob Dylan. Aus dem Amerikanischen
von Uda Stätling. S. Fischer, Frankfurt. 189 Seiten mit Fotos, 19,90 Euro.
Aktuelle Doppel-CD: Bob Dylan, „No Direction Home - The Soundtrack. Bootleg
Series Nr.7“ (Columbia Records/SonyBMG)
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