Amigosäure und Heimatliebe.
Gerd Dudenhöffer
ist im Mainzer Unterhaus wieder
einmal Heinz Becker, diesmal lädt er ein zum "Wiederspruch"
Von Jamal
Tuschick in der Frankfurter
Rundschau, 2.4.2005:
Man hört den Wasserfall in einer Leitung, die zu
einer Zeit verlegt worden sein könnte, als grüne Kordsofas der letzte Schrei
waren. Solch einem Möbelstück zur Seite steht ein Beistelltisch. Er dient
einer Bierflasche als Unterlage. Die nächsten zwei Stunden werden zeigen, dass
von der Flasche nur eine Signalwirkung ausgehen soll. Als Heinz Becker verkneift
sich Gerd Dudenhöffer im Mainzer Unterhaus den Genuss von Hopfen und Malz. Der
saarländische Kabarettist bringt sein neues Programm Wiederspruch als
Solist auf die Bühne. Seine Paraderolle schmiegt sich als andauernde Wohltat an
das Publikum.
Es ist schon hingerissen, wenn Strohwitwer Heinz die akustische Anspielung auf
einen Stoffwechselvorgang so in die Sphäre der Anschaulichkeit überführt:
"Mit einer Klobürste lassen sich doch nur die Spurenelemente
beseitigen". Er schließt diese Feststellung mit einer Beschreibung seiner
häuslichen Situation zusammen. Auch sein Gesundheitszustand kommt zur Sprache.
Heinz laboriert an seinem "Kotelett", das bald zum
"Rumpsteak" avanciert. Auch ist er kreuzlahm. Der gute Mann trägt
sich von den Pantoffeln bis zur Batschkapp kariert. Er ist der Hüter eines Glücks
im Winkel, das immer wieder stark gefährdet scheint. Eine Risikogruppe bildet
die Nachbarstochter mit ihrem schwarzen Freund, "einer Mischung aus
Afrikaner und Neger". Die Mutter überlebte diese Zumutung nicht.
Das finale Detail wird so ungerührt überliefert wie die übrige Crux der über
alle Begriffe gehenden Gegenwart. In seiner ganzen Beschaulichkeit sieht Heinz
schwarz. Er weiß, dass man es sich "fast nicht mehr leisten kann zu
sterben". Er präsentiert sich als Monument der Regungslosigkeit. Allein
die linke Hand choreografiert den Text. Das ist ein Manifest der Provinz als
einer deutschen Seelenlage.
Dudenhöffer trägt es statuarisch vor. Er wirkt gleichermaßen als famoser
Schauspieler und als Repräsentant eines Lebensgefühls voll lokaler
Zuschreibungen. Gerade das Kolorit, die gemütliche Mundart, dieser Mut zum
Idiomatischen, verführt den Zuschauer zur Identifikation mit einer Kunstfigur.
Das ist manchmal reines Glatteis, auf dem dann auch einer ausrutscht, indem er
eine üble Aussage beklatscht: es habe in Deutschland gar nicht so viele Juden
gegeben, wie angeblich ermordet wurden. Die furchtbare Seite des gesunden
Volksempfindens stellt an sich kein Thema für Heinz Becker dar. Was ihn
aufregt, "ist harte Butter und frisches Mischbrot". Er schafft es,
diese Fatalität im Alltag mit Hamlet in einem Atemzug aufzurufen. Im Übrigen
sind seinem Artikulationsvermögen enge Grenzen gesetzt. Der Brockhaus wird zum
"Barockhaus", die Aminosäure zur "Amigosäure".
Von Adorno stammt die
Behauptung, Zille habe das Elend bloß am Popo gestreichelt. Dudenhöffer steht
in dieser Tradition einer Idyllenmalerei aus schierem Mutwillen. Darin verbindet
sich Heimatliebe mit einem Erschrecken, das beim Publikum als Erlösungsgebärde
ankommt. Heinz Beckers verträgliche Anfeindungen von allem, was nicht er ist,
bieten sich dazu wunderbar an: "Ich bin bestimmt nicht tolerant, aber alles
hat seine Grenzen." Er ist endlich betrunken, wie gesagt, nicht von Bier,
vielmehr von Schnaps. So erklärt sich auch, dass von seinem Willen nur noch ein
"Willi" übrig bleibt. Was schließlich (nach viel Szenenapplaus)
beklatscht wurde, war eine große darstellerische Leistung.
[...diesen und weitere
Artikel finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0405 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau