JDr. & BB
Zum Tod des Kritikers und Literaturwissenschaftlers
Jörg Drews
Ein Nachruf von
Wolfram Schütte aus dem titel-magazin
vom 05.03.2009:
Nicht wenige Autoren haben durch den Tod von Jörg Drews
einen mitreißenden Feuerkopf und temperamentvollen Streiter für jede Art
Literatur ohne Kompromisse verloren.
Jörg Drews, der Literaturkritiker (und von 1974 bis 2003
Prof. an der Universität in Bielefeld), war immer, was man früher “einen
feurigen Liebhaber” nannte: - der Literatur versteht sich, vornehmlich. Aber
nur jener Literatur, die aufs Ganze geht - also meistens nicht
jener deutschen und ausländischen Literatur, die unter den rezensierenden
Kollegen en vogue und als unterhaltsam-lesenswert von deren angeblichem
Papst ex Cathedra belobigt wurde. Denn Jörgs Grunddevise war: Nur Autoren,
die ihren Lesern etwas zumuten, nehmen ihre Leser ernst. “Bong”, sagte ich &
ergänzte: Unterhalten können wir uns nämlich selbst.
Wir haben uns, wo & wann wir uns trafen & sahen, immer sehr gut unterhalten
- oft auch darüber, dass wieder einmal wir ohne Absprache oder gegenseitigen
Hinweis, dem jüngsten übersetzten Lateinamerikaner (bei Suhrkamp, versteht
sich) verfallen waren und - Wunder der Koinzidenz! - am gleichen Wochenende
in der FR & der SZ unsere Hommage publiziert hatten. Gestritten haben wir
uns - allerdings mit pun & fun - nur lachend darüber, ob Arno Schmidt mit
seine Goethe-Kritik nicht doch eher recht hatte (was die Prosa nach dem
“Werther” angeht) und ob Jean Paul nicht
doch das größere Sprachereignis der deutschen Literatur während ihrer
klassischen Periode war.
Arno
Schmidt hatte uns, beide Studenten und seine
frühen Leser, zusammengebracht: die Bücher natürlich und die
Erzählungen, die in “Konkret” erschienen, wo ich als “Hochschulredakteur”
eine Seite verantwortete. Später - als wir beide in den Feuilletons von FR &
SZ literaturkritisch uns einmischten & auch die Weichen stellten, konnte ich
zwar submissest beim Solipsisten in der Heide den einen oder anderen
Originalbeitrag für die FR einwerben, Jörg aber wurde dafür mehrfach zur
Privataudienz in Bargfeld empfangen.
Mit dem Versprechen, uns womöglich dem Meister als seine enthusiasmierten
Gesellen zu präsentieren, hatte Jörg eine kleine Gruppe von Schmidtianern
nach Bargfeld beordert, um dort den gerade erschienenen Zettels Traum,
im Kofferraum eines Fiat 124 S zur gemeinsamen Lektüre transportiert, “bei
Bangemann” zu studieren. Zu nichts davon kamen wir; stattdessen auf langen
Spaziergängen zu diesem & jenem Locus amoenus der Schmidtschen Erzählwelt.
Es war aber der Beginn einer wunderbaren Freundschaft - und diesem Treffen
des “Arno-Schmidt- Dechiffriersyndikats” entsprang aus Jörgs Kopf seine
Idee des “Bargfelder Boten” (BB), dessen jüngste Lieferung - die 313/14. ! -
im Januar erschienen ist.
Quicklebendig, neugierig und begeisternd
Was für ein großartiger Professor er war, weiß ich nicht, kann es aber
einerseits aus seiner quicklebendigen, neugierigen und begeisternden Natur
ebenso mir vorstellen, wie aus dem höchst unkonventionellen, von seinen
Schülern zu seiner Emeritierung 2004 edierten “buch für jörg drews”
erschließen. Unter dem Titel “Literatur ohne Kompromisse” sind dort auch
einige literarische Zeitgenossen dabei, mit denen Drews, der als Editor so
viel für die Sprachrevolutionäre des deutsch-österreichischen
Expressionismus getan hat, zeitlebens befreundet war und deren Herold er als
Rezensent war: Harig und
Mayröcker,
Rühm und
Wühr, Achternbusch und
Fritsch: die Überlebenden der
Moderne, zu der natürlich vor allem die aller Bewunderung werten
Österreicher Artmann,
Jandl und
Konrad Bayer zählten.
Auch hat Jörg Drews dafür gesorgt, dass der nach Palästina vertriebene
Essayist Werner Kraft noch zu seinen Lebzeiten ein Nachleben in der
Bundesrepublik der Achtziger Jahre erleben konnte. Für den Deutschen
Klassiker Verlag hat der Philologe Drews das Oeuvre des proletarischen
Aufklärers Johann Gottfried Seumes
ediert, 1999 die Seume-Gesellschaft gegründet und seine Separat-Edition von
Seumes Autobiographie war für 2010 vorgesehen.
So reichte der Spagat des Literaturkritikers & -Wissenschaftlers von den
Hausgöttern James Joyce und Arno
Schmidt bis zu den geschätzten Altvorderen
Seume &
Goethe, dem Jörg Drews über Jahrzehnte hin, jährlich zu dessen
Geburtstag am 28.August in der SZ, eine ganze Seite widmete, auf der er die
neue Ernte der Goethe-Philologie Revue
passieren ließ.
Nicht wenige Autoren haben jetzt einen mitreißenden Feuerkopf und
temperamentvollen Streiter für jede Art Literatur ohne Kompromisse verloren.
Einige von uns aber auch noch: einen liebenswerten und lebenslustigen
Freund.
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