Gott schläft noch immer" - Eine Würdigung.
Am Sonntag jährte sich Albert Drachs Todestag zum zehnten Mal - Und noch immer gilt es den brillanten Rhetoriker zu entdecken - auch als Dramatiker
Besprechung von Daniela Strigl aus Der Standard, Wien vom 25.03.2005:

Als Albert Drach 1988, 86-jährig, mit dem Büchner-Preis geehrt wurde, subsumierte Marcel Reich-Ranicki dies unter dem Verdikt "Lauter Unglücke" - und musste sich von Drach sagen lassen, dass nicht Deutsch könne, wer einen solchen Plural bildet: "Reich-Ranicki ist das einzige Unglück in Deutschland."

Solche Unbotmäßigkeit konnte sich einer leisten, der von frühester Jugend an auf Unsterblichkeit setzte und von seiner hohen Meinung über das eigene Werk auch durch jahrzehntelanges Übersehenwerden nicht abzubringen war. Der Mödlinger Anwalt wider Willen wurde von den Nazis aus Haus, Hof und Land vertrieben.

In seinem Roman "Z.Z." das ist die Zwischenzeit (1968) beschreibt Drach die Jahre zwischen Dollfuß' Tod und der Geburt der Ostmark am praktischen Beispiel der eigenen Person: Ein Mann wird erwachsen, ein gutbürgerlich, sogar deutsch-national Assimilierter sieht sich von Hitler zum Juden gemacht und sucht weiter sein Heil in Müßiggang und Frauenfang, bis er erkennt, dass es für ihn die nackte Haut zu retten gilt.

Wie er das macht, verrät der "Bericht" Unsentimentale Reise (1966), ein schrecklicher Schelmenroman über Irrwitz und Aberwitz der Verfolgung und die Kunst des Überlebens - soeben ist das Buch in einer prägnant informativen Neuausgabe bei Zsolnay erschienen. Wie sein Autor beruft Drachs Held Kucku sich im besetzten Frankreich auf die Abkürzung I.K.G. in seinem Heimatschein: Was für "Israelitische Kultusgemeinde" steht, erklärt er mit "Im katholischen Glauben".

Von der Macht des Wortes war der Jurist Albert Drach überzeugt, er setzte sie ein, um in seinen als literarische Protokolle firmierenden Texten auf anstößige Weise auch gegen die Opfer anzuschreiten, nicht zuletzt gegen sich selbst. Sardonischer Witz, ein unschuldiger Zynismus im Sinne Nietzsches und das Kanzleideutsch Kakaniens gehen in Drachs Werken eine Allianz von zwingender Wucht ein.

Einen Kritiker, der Herzmanovsky-Orlando als Referenz nannte, klagte Dr. Drach - mit Erfolg. Sein Stil wurde als liebenswert verschroben missverstanden, dabei zeigt das schon während des Krieges konzipierte Große Protokoll gegen Zwetschkenbaum, wie ungemütlich die Behörden der Monarchie für einen armen, frommen Juden werden konnten, der sich schuldlos verstrickt sah. Drachs Sprache erscheint als Anmaßung und als Notwehr, als ein das Böse domestizierender Gewaltakt. In Untersuchung an Mädeln (1971), von Peter Peyer 1998 verfilmt, macht Drach einer Justiz den Prozess, die bei liederlichen Frauenzimmern auch in modernen Zeiten sehr schnell mit einem Vorurteil zur Hand ist.

Nicht zuletzt hat der brillante Rhetoriker 21 Stücke geschrieben, die von den ersten Bühnen Österreichs (mit der löblichen Ausnahme des Wiener Volkstheaters) nicht länger ignoriert werden dürften. Ihre herrliche Sperrigkeit, ihre Sprachwut sind in Zeiten Jelinekscher Theaterpraxis kein Grund, sie für unspielbar zu erklären.

Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot, eine Parabel auf die Erfolgsgeschichte der Hitlerschen Phrasen, Das Satansspiel vom Göttlichen Marquis (gemeint ist de Sade) oder Das Skurrilspiel Sowas drehen sich im Grunde um die Abwesenheit einer letzten Instanz: "Und Gott schläft noch immer und man wird von ihm nie erfahren, was er sich bei Erschaffung der Welt gedacht hat."

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