Zwischen Feen und
Sherlock Holmes
Er
hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem geistigen Kind Sherlock Holmes und
huldigte dem Okkultismus: Heute wäre Arthur
Conan Doyle 150 Jahre alt geworden.
Von Frieder Leipold, Focus, 22.05.2009:
Im London des Jahres 1888 hielten die Morde von Jack
the Ripper die gesamte Stadt in Atem. Während die Polizei im Dunkeln tappte,
beschäftigten sich damals auch zwei ganz andere Ermittler mit dem unheimlichen
Fall. Der eine ein genialer Beobachter mit einem Gesicht wie ein Raubvogel. Der
andere ein gelernter Arzt mit Schnurrbart, der sich für Kriminalistik
begeisterte. Es handelte sich dabei um den Forensiker Joseph Bell und seinen
ehemaligen Schüler Arthur Conan Doyle, die realen Vorbilder für Sherlock Holmes
und Dr. Watson.
Fantasie und
Wirklichkeit
Zu diesem Zeitpunkt war die erste Sherlock-Holmes-Geschichte
bereits veröffentlicht worden, und der Autor Arthur Conan Doyle gab die
Parallelen zu seinem Lehrer in einem Brief an Joseph Bell offen zu: „Es wird
Ihnen klar sein, wem ich Sherlock Holmes zu verdanken habe. Nach den Grundsätzen
von Deduktion, Schlussfolgerung und Beobachtung, die Sie uns eingeschärft haben,
habe ich versucht, einen Mann zu erschaffen.“ Wie es scheint, wurde aber auch
der Todfeind von Holmes nach einem realen Vorbild geschaffen. Als Conan Doyle
als Kind das Sandyhurst College besuchte, gab es erwiesenermaßen zwei Mitschüler
mit dem ausgefallenen Namen „Moriarty“. In den Erzählungen trug Sherlock Holmes´
ebenbürtiger Gegenspieler, der teuflische Professor James Moriarty, diesen
Namen.Überhaupt scheint der junge Arthur noch mehr Erfahrungen
in Sandyhurst gemacht zu haben, die er später in seinen Geschichten
verarbeitete. So lag sein Schlafsaal in Hörweite von Zwingern, in denen die
Jagdhunde benachbarter Adeliger die Nacht hindurch heulten. Die gruselige
Stimmung, die dabei entstand, schlug sich später in „Der Hund der Baskervilles“
nieder. Traurigerweise hatte Conan Doyle reichlich Zeit, sich mit dem düsteren
Ort zu befassen. Da sein Vater an Depressionen und Alkoholismus litt und die
Mutter ihn von ihm fernhalten wollte, verbrachte der junge Arthur auch seine
Ferien auf dem Schulgelände. Die tiefschürfenden Erfahrungen mit dem
trinksüchtigen Vater verarbeitete er in den Holmes-Erzählungen durch die Figur
des alkoholkranken Bruders von Watson.
Schauerroman oder
Detektivgeschichte
Die zutiefst dunkle Grundstimmung der ursprünglichen
Sherlock-Holmes-Romane, die aus den Kindheitserfahrungen von Arthur Conan Doyle
herrühren, ist dem heutigen Publikum allerdings kaum noch geläufig. In den
zahlreichen Verfilmungen des Stoffs wurden Holmes und Watson als kauziges
Pärchen porträtiert, mit einem versnobten Holmes und einem trotteligen Watson.
Zugegebenermaßen sind manche Szenen aus den originalen Erzählungen auch keine
leichte Kost zur Familienunterhaltung. So lernen sich die beiden Hauptfiguren
kennen, als Holmes gerade eine Leiche verprügelt. Er will auf diesem Weg
feststellen, ob Tote Blutergüsse bekommen können.
Trotz oder gerade wegen solch makaberer Beschreibungen schlugen die Geschichten
um Sherlock Holmes zu ihrer Entstehungszeit ein wie eine Bombe. Durch die vielen
Details, wie etwa die tatsächlich existierende Adresse in der Londoner
Bakerstreet 221b, glaubten viele der Leser, es handle sich bei dem Detektiv
ebenfalls um eine reale Person. Als Conan Doyle der Figur des genialen
Ermittlers überdrüssig wurde und ihn 1893 sterben ließ, trugen die Menschen in
ganz England schwarze Armbinden als Zeichen ihrer Trauer. Conan Doyle ließ
Sherlock Holmes später zwar wieder auferstehen, doch seine wahren Interessen
galten längst einem ganz anderen Gebiet.
Mit Geistern in Kontakt
Ganz anders als seine Figur Sherlock Holmes, glaubte Arthur
Conan Doyle nämlich zunehmend auch an Dinge, die rational nicht zu erklären
waren. Als sein Sohn im Ersten Weltkrieg gefallen war, begann der Autor an
spiritistischen Sitzungen teilzunehmen, um in Kontakt mit verstorbenen Seelen zu
treten. Begeistert von den scheinbaren Erfolgen, widmete er dem Mystizismus
immer mehr Zeit und Energie. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei der
sogenannten „Geisterfotografie“ bei der nicht materielle Wesen durch spezielle
Kameras sichtbar gemacht werden sollten. Im Streit um die „Cottingley Fairies“
wurde sein Wahn schließlich auch einem breiteren Publikum bekannt.Damals hatten zwei Mädchen aus dem Dörfchen Cottingley
mehrere Fotos manipuliert, sodass sie darauf zusammen mit kleinen, geflügelten
Wesen zu sehen waren. Conan Doyle nahm sich der Sache an und veröffentlichte die
Feenbilder im renommierten „Strand Magazine“, womit er eine allgemeine
Diskussion auslöste. Auf dem Höhepunkt der Affäre zerstritt sich Conan Doyle
deshalb mit seinem Freund, dem berühmten Zauberkünstler Harry Houdini, der für
den Rest seines Lebens den Spiritismus bekämpfen sollte.
Das literarische
Erbe
Der größte Wunsch von Arthur Conan Doyle, noch einmal als
seriöser Schriftsteller Beachtung zu finden, blieb auch wegen seiner
spiritistischen Umtriebe unerfüllt. Er starb am 7. Juli 1930 im festen Glauben
an Geister und Feen. Zu seinem 150. Geburtstag am 22. Mai 2009 beschäftigen sich
nun englische Schulkinder ausgerechnet mit einer seiner fantastischsten
Erzählungen. In „The lost World“, seinem berühmtesten Roman neben den
Holmes-Geschichten, treffen Menschen des 20. Jahrhunderts auf eine
Saurierkolonie in Südamerika. Im Darwin-Gedenkjahr 2009 wurde dieses Buch über
Evolution für das „Great Reading Adventure“ ausgewählt, einer Aktion, die
Kindern das Lesen nahebringen soll.[...diesen und weitere Berichte
finden Sie unter www.focus.de]
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