Hilde Domin, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Hilde Domin, Foto: Ekko von Schwichow
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1.) - 2.)

Heimkehr ins Wort
Poesie als »magischer Gebrauchsartikel«: Zum 100. Geburtstag der Dichterin
Hilde Domin
Von Anastasia Telaak aus Jüdische Allgemeine, 23.07.2009:

Hilde Löwenstein wurde vor 100 Jahren, am 27. Juli 1909, in Köln geboren. Die Geburt der Dichterin Hilde Domin ereignete sich 42 Jahre später im Exil in der Dominikanischen Republik. »Ich, H. D., bin erstaunlich jung. Ich kam erst 1951 auf die Welt. (...) Es war nicht in Deutschland, obwohl Deutsch meine Muttersprache ist. (...) Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten (...), verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, ins Wort. (...) Von wo ich unvertreibbar bin. Das Wort aber war das deutsche Wort.« So heißt es in Domins eigener Darstellung, in der Leichtigkeit, feiner Witz und ein Hauch pathetischer Stilisierung den Schock der Vertreibung fast verschwinden lassen. Fast.

verlusterfahrung

Die Tochter aus gutbürgerlichem Elternhaus – der Vater war ein angesehener Anwalt – erlebte mit dem Aufstieg der Nazis das Ende aller Selbstverständlichkeiten. Ihre 1932 einsetzende, jahrzehntelange Flucht, die über Italien und England schließlich in die Dominikanische Republik führte, und die durch das Exil verschärften Lebenskrisen zählen offenkundig zu den Voraussetzungen von Domins Schreiben. Unter ihren Gedichten gibt es kaum eines, das nicht geprägt wäre von der Erfahrung des Verlustes, der prinzipiell gewordenen Verlierbarkeit von Heimat und Zugehörigkeit. Deren Fragwürdigkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit führt mit lapidarer Eindringlichkeit das Gedicht Mit leichtem Gepäck von 1960 vor Augen: »Gewöhn dich nicht./Du darfst dich nicht gewöhnen./Eine Rose ist eine Rose./Aber ein Heim/ist kein Heim.« Zugleich war Domin – dies bezeugen auch ihre unter dem Titel Die Liebe im Exil erstmals veröffentlichten Briefe an ihren Ehemann, den Kunsthistoriker und Übersetzer Erwin Walter Palm, aus den Jahren von 1931 bis 1959 – eine Meisterin darin, aus der trostlosen Schwere der Exilerfahrung Funken der Hoffnung zu schlagen und diese in schwerelos wirkende Verse zu verwandeln: »Ich mache ein kleines Zeichen/in die Luft,/ unsichtbar,/wo die neue Stadt beginnt,/ Jerusalem,/die goldene,/aus Nichts.«

rückkehr

Als diese Zeilen entstanden, 1960, lebte Hilde Domin seit sechs Jahren wieder in Deutschland, wo gleich ihr erster Lyrikband Nur eine Rose als Stütze 1959 große Anerkennung gefunden hatte; die Gedichtsammlungen Rückkehr der Schiffe (1962) und Hier (1964) erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Die an Brecht geschulte Bündigkeit und Präzision ihrer Lyrik beeindruckte ebenso wie die Verschränkung romantischer Topoi mit einer Sachlichkeit, die sich mal ironisch, mal ernüchternd oder schlicht konstatierend in surreale Bildwelten mischte. Vor allem aber waren Domins Gedichte von einer einzigartigen Unmittelbarkeit, man möchte fast sagen: unbedingt demokratisch. Sich mitteilen, mittels der eigenen, dichterisch reflektierten Erfahrung zur Selbstaufklärung und Selbsterfahrung anstiften, war ihr erklärtes Anliegen. Als »Dichterin der Rückkehr«, namentlich zur Sprache, wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer sie 1970 anlässlich der Verleihung des Droste-Preises bezeichnete, mochte sie sich vielleicht selbst sehen, stets allerdings mit dem unaufhebbaren Befremden der jüdischen Exilantin, das sie 1953 im Gedicht Wen es trifft formulierte: »Dann wird er wiederentdeckt/ wie ein verlorener Kontinent/ (...) sein Nirgendwo/ wird angekoppelt/an die alte Landschaft/ (...)/wie man einen Wagen/von einem toten Geleis/an einen Zug schiebt.«

engagement

Dennoch gewöhnte sich Hilde Domin relativ rasch in der Bundesrepublik ein. Dazu trug vermutlich ihre bei aller Verletztheit und Streitbarkeit eher optimistische, konziliant und kons-truktiv getönte Haltung bei, die sie eine Verständigung mit ihren deutschen Landsleuten, vor allem mit den »Nachgeborenen« suchen ließ. Gleiches gilt für die intellektuelle Verve, mit der sie sich an öffentlichen politischen Debatten beteiligte. Entschieden trat sie gegen die in den 60er-Jahren unter anderem von Adorno proklamierte Zukunftslosigkeit der angeblich restaurativen deutschen Poesie an. In ihrem heute noch lesenswerten, 1968 erschienenen literaturtheoretischen Werk Wozu Lyrik heute? Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft bewies Domin überdies ein außerordentlich kritisches Bewusstsein für die sozialen Voraussetzungen des Literaturbetriebs. Ihre Forderung allerdings, das Gedicht sei von jedem wie ein »magischer Gebrauchsartikel« zu verwenden, auf dass die Welt ein besserer Ort werde, wirkte damals schon wie ein allzu frommer Wunsch.

Moderne klassikerin Überzeugender, zudem nach wie vor aktuell, ist Hilde Domins politische Lyrik im engeren Sinne geblieben, so überzeugend wie fast alle Gedichte, in denen sie mit den Mitteln der Kunst das Trotzdem verfocht, und deretwegen sie zu den mittlerweile klassischen deutschsprachigen Lyrikern ihrer Zeit zählt. Zum 100. Geburtstag der Dichterin am 27. Juli und kaum drei Jahre nach ihrem Tod im Februar 2006, sind sie in einer neu erschienenen Gesamtedition nachzulesen. Auch, vielleicht gerade, in Zeiten, in denen der Impetus des Begehrens und Aufbegehrens fast verschwunden zu sein scheint – überstehen werden sie weiterhin, so auch dieser Fünfzeiler: »Wer es könnte/die Welt/hochwerfen/dass der Wind/ hindurchfährt.«

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0612 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung

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Hilde Domin, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

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2.)

„Botschafterin der Versöhnung“
Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin (1909-2006)
Von Michael Braun, Konrad-Adenauer-Stiftung, 26.07.2009:

„nicht müde werden, / sondern dem Wunder / leise wie einem Vogel / die Hand hinhalten“: diese Verse widmete Hilde Domin 1992 Bernhard Vogel, dem Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung. Drei Jahre später, als sie mit dem Literaturpreis der Stiftung geehrt wurde, bescheinigte ihr der Laudator Marcel Reich-Ranicki, eine Dichterin von „enormer Klarheit, enormer Entschiedenheit und enormer Unabhängigkeit“ zu sein.

Mit ihren Gedichten hat die am 27. Juli 1909 in Köln geborene Hilde Domin bis kurz vor ihrem Tod am 22. Februar 2006 in Heidelberg ein wachsendes, zumal jüngeres Publikum angezogen. Ihre vielfach ausgezeichnete Lyrik ist in 22 Sprachen übersetzt, in Anthologien und Schullesebüchern aufgenommen worden. Der international erfolgreiche Dokumentarfilm von Anna Ditges „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“ (2007) liefert ein „bewegendes Porträt der streitbaren Dichterin“, wie die F.A.Z. schreibt. Zum 100. Geburtstag erscheinen im Sommer 2009 – aus dem Domin-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach – die Ehebriefe und eine Neuausgabe der „Sämtlichen Gedichte“. Sie werfen ein neues Licht auf Hilde Domins Biographie und auf ihren beschwerlichen Weg zum literarischen Erfolg. Ein merkwürdiges Glück im Unglück hat Domins Jahrhundertleben geprägt. Ihre Kindheit gehört zu denen, die man bürgerlich behütet nennen kann. Früh nimmt sie Maß am Idealismus ihres Vaters, eines jüdischen Rechtsanwalts. In jenen Jahren war Hilde Löwenstein Studentin der Rechtswissenschaft, dann der Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie in Köln, Heidelberg und Berlin.

Längst nicht alle haben Anfang der 1930er Jahre die Zeichen des kommenden Terrors so wachsam registriert wie sie. Ihre Lehrer Karl Mannheim und Karl Jaspers schalten sie zunächst eine Kassandra. Nach dem Sieg der Nationalsozialisten bei den Reichtagswahlen im Juli 1932 flüchtete sie mit dem Archäologen und Philologen Erwin Walter Palm, den sie 1936 heiratete, nach Italien. Ein „Exil auf Probe“ begann, ohne Rückhalt, zusehends auf der Flucht und häufig getrennt von Palm, der für seine Forschungen in Italien umherreiste. Domin kommt sich bisweilen vor „wie eine Italienerin“, sie arbeitet viel für ihren Mann, der auch poetische Ambitionen hat. Von seiner dichterischen Berufung ist sie überzeugt, beklagt sich aber im Brief vom 12.11.1937 über das wachsende Gefühl des „Zerissenen(n), Gehetzte(n), Unnütze(n)“. Die politischen Umstände tauchen zunächst in Domins italienischen Briefen nicht auf, nur einmal (Brief vom 19.11.1937) erscheint die „Kriegsangst“ drohend am Horizont.

Als nach Hitlers Rombesuch im Mai 1938 jüdische Emigranten verhaftet und deportiert wurden, floh Hilde Domin mit ihrem Mann nach Sizilien, im Folgejahr nach Südengland. Doch auch hier drohten Internierung und Auslieferung, wie man in Norbert Gstreins Roman „Die englischen Jahre“ (1999) nachlesen kann.

Am 25. Juni 1940, nach dem Fall von Paris, stieg sie auf ein Flüchtlingsschiff in die Neue Welt. Mit dem gleichen Dampfer fuhr auch Stefan Zweig, aber in der höheren Passagierklasse. Die Dominikanische Republik, wo am 6. August 1940 ihre Odyssee um den halben Erdball endete, war alles andere als ein exotisches Paradies. Der Diktator Trujillo, ein „furchterregender Lebensretter“, nahm die europäischen Emigranten auf, verbot und verfolgte aber jedes kritische Wort.

Hilde Domin ging nicht als Dichterin ins Exil, aber sie wurde im Exil zur Dichterin. In einer existenziellen Krise, nach dem Tod der Mutter (1951), entdeckte sie die Poesie der deutschen Muttersprache. Das Schreiben von Gedichten half ihr zu überleben. Eine Hommage an den Exilort besiegelte ihren „Berufungsnamen“ Domin: „Ich nannte mich / ich selber rief mich / mit dem Namen einer Insel / gerade als ich an Land ging“.

Der Zauber dieses dichterischen Neubeginns schwindet jedoch bei der Lektüre der Briefe, die Hilde Domin seit den 1940er Jahren an Erwin Walter Palm gerichtet hat. Seine häufige Abwesenheit, zunächst als Universitätsdozent, nach 1945 als Vortragsreisender im Ausland, eine sich zuspitzende Ehekrise, ihr großer, aber unerfüllter Kinderwunsch machen Domin die „Inselkäfigexistenz“ schier unerträglich, die sie in ihrem traurigen Geburtstagsgedicht vom 27.8.1949 beschreibt: „Die Inselkäfigexistenz – ich wünsche ihr die Pestilenz“. Es ist ihr erstes Gedicht.

Zudem muss sie sich mit diesen eigenen Gedichten gegen die poetischen Ambitionen ihres Mannes behaupten. Umgekehrt hat Palm kaum Verständnis für ihre Gedichte. „Jedes Achselzucken von Dir / jeder halbe Blick / verdünnt mir das Herzblut“, heißt es in einem der nachgelassenen Gedichte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie nicht ihren Mann, sondern „Nur eine Rose als Stütze“. Die Ehe zu einem Rosenkrieg zu stilisieren, wie es in der datengesättigten neuen Domin-Biographie von Marion Tauschwitz geschieht, ist aber zumindest einseitig.

Mit dem ersten Lyrikband „Nur eine Rose als Stütze“ (1959) vermochte Hilde Domin die literarische Welt sofort zu überzeugen. Sie ist als Botschafterin der Versöhnung nach Deutschland zurückgekehrt, schätzt die großen Leistungen der Adenauer-Ära, das Grundgesetz, die Westbindung, den deutsch-israelischen Dialog. Doch das wiedergewonnene Vertrauen zu der Muttersprache, die auch die Sprache der nationalsozialistischen Mörder war, kann Krieg und Verfolgung, Exil und Holocaust nie vergessen machen. „Hilde Domin redet sowohl über brennende Nächte wie über Rosen. Die Exilantin, die alle Gegenstände der eingerichteten Welt hinter sich gelassen hat, richtet sich ein im Bereich der Phantasie“, sagt Ruth Klüger im Nachwort zu den „Sämtlichen Gedichten“. Es ist ein sehr selbstbewusstes Einrichten im modernen Museum der Poesie: „Im übrigen“, schreibt Domin am 11.3.1959 aus Astano, nach einem Morgentee „bei Hesse“, „finde ich mich, nach der Selbstanalyse, erstaunlich modern.“

Hilde Domins Gedichte sind nach eigenen Worten „magische Gebrauchsartikel“, die eine mitmenschliche Seite im Leser ansprechen, „Depeschen aus der Agentur der praktischen Vernunft“ (Iso Camartin). In den politisch bewegten späten 1960er Jahren entzogen sich ihre unbotmäßigen Verse der Politisierung, indem sie an die Freiheit des Wortes und an ein Engagement aus Brüderlichkeit appellierten. Zu Hilde Domins Devise einer „Humanität bei Lebzeiten“ gehört das Recht eines jeden auf eine zweite Chance: „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen“. Dieses Gedicht, ihr letztes Wort in den „Gesammelten Gedichten“ (1987), hat sie auf ihren vielbesuchten Lesungen stets gelesen, wie alle anderen Gedichte zweimal: zum Merken.

Hilde Domin war eine souveräne Interpretin und eine virtuose Essayistin. Die Anthologie „Doppelinterpretationen“ (1966), die zeitgenössische Gedichte von zwei Seiten aus, vom Autor selbst und von einem Fremdinterpreten, in die Zange nimmt und bei der Entstehung immense Telefonkosten verschlungen hat, wurde zum Schulbuchklassiker. Ihre Streitschrift wider die wohlfeilen Todeserklärungen der Literatur, „Wozu Lyrik heute“ (1968), ist ein bedeutender Beitrag zur Dichtungstheorie. Weniger Erfolg hatte der einzige größere Prosaversuch, der bereits um 1960 entstandene autobiografische Rückkehrroman „Das zweite Paradies“ (1968), in dem Zeitkritik und mythologische Deutung der Remigrationserfahrung eine merkwürdige Mischung eingehen.

Hilde Domins Lieblingsvokabel war die Hoffnung. Wie Sisyphus, eine ihrer lyrischen Leitfiguren, hat sie die Lebens- und Schreiblasten immer wieder auf sich genommen und mit „nie ermüdendem Atem“ dazu aufgefordert, den Stein „bergaufwärts“ zu rollen. Auch und gerade wenn es ein Stein des Anstoßes ist. Die Freiheit des Dichters ist sein wahrhaftiges Wort: „Dies ist unsere Freiheit / die richtigen Namen nennend / furchtlos / mit der kleinen Stimme“.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kas.de]

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