Hilde Domin, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Hilde Domin, Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

1.) - 2.)

Sie gab Kain eine zweite Chance
Dichterische Sehnsucht nach der Heimat: Zum Tod der Schriftstellerin Hilde Domin
Von Bernd Glebe aus dem Münchner Merkur, 23.02.2006:

"So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal." Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende treu geblieben. Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an den Erinnerungen an ihre Kindheit und war bis zum Schluss bundesweit mit Lesungen unterwegs. Im Alter von 96 Jahren ist die energische, kleine Frau am Mittwoch in ihrer Wahlheimat Heidelberg gestorben.

Schreiben und Lesungen halten, das war das Lebenselixier für die Dichterin jüdischer Herkunft. "Es ist für mich eine Freude und keine Arbeit", versicherte sie stets. Ihre Texte wählte sie dabei je nach Stimmung und immer unterschiedlich aus. "Ein Gedicht lese ich aber fast immer vor: ,Abel steht auf’", sagte Hilde Domin einmal. In dem Gedicht machte sie die biblische Tat von Kain einfach rückgängig und gab ihm eine zweite Chance.

Hilde Domin, die zunächst Jura, später Nationalökonomische Theorie, Soziologie und Philosophie studierte, floh während der Nazi-Diktatur mit ihrem Ehemann Erwin Walter Palm um die halbe Welt. In Florenz promovierte sie 1935 über "Pontanus als Vorläufer von Macchiavelli". Während des Exils in Italien, Großbritannien, der Dominikanischen Republik und den USA arbeitete Domin als Übersetzerin, Fotografin und Dozentin. Mitte der 50er-Jahre, nach 22 Jahren im Exil, kehrte sie nach Deutschland zurück, als der Kunsthistoriker Palm einen Lehrstuhl an der Heidelberger Universität annahm.

Ihr erstes Gedicht schrieb sie 1951 in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. In Anlehnung an den Namen der Stadt änderte sie ihren Namen von Palm in Domin. Innerhalb von zwei Jahren folgten 200 weitere Gedichte. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde zum tragenden Motiv ihrer einfühlsamen Lyrik.

1968 veröffentlichte Hilde Domin den autobiografischen Roman "Das zweite Paradies". Es folgten weitere Gedichte und Abhandlungen über Lyrik. 1970 schrieb Hilde Domin eine Geschichte der Bundesrepublik, wie sie sich in der Lyrik spiegelte: "Nachkrieg und Unfrieden. Gedichte als Index 1945-1970". Ihre Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt.

Auf ihr Alter angesprochen zu werden, war der Autorin fast unangenehm. "Für mich ist man entweder präsent oder man ist nicht präsent - dann ist es egal, ob man 70 oder 90 Jahre alt ist", betonte sie mehrfach. Ein bestimmtes Erscheinungsdatum für ihre Erinnerungen hatte sie sich nicht gesetzt, war aber sicher: "Es gibt einen Punkt, an dem ist alles gesagt."

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0206 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur

***

Hilde Domin, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Hilde Domin, Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

2.)
Vom Glück, mit der Poesie zu leben
„Schreiben ist wie Atmen“: Die Lyrikerin Hilde Domin ist 96-jährig gestorben
Von Inge Rau aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.02.2006:

Es war wie das Echo aus einer anderen Zeit, das Hilde Domin hinüberrettete in die Welt der elektronischen Zweckverbünde. Vielleicht hat sie gerade deshalb die Menschen bis zuletzt angezogen, mit ihrer Wachheit und dem Charme des hohen Alters, das Müdigkeit nicht erkennen ließ. Noch mit 95 Jahren ging die Dichterin auf Lesereise, ihr letzter Auftritt im Nürnberger Literaturhaus war der Triumph zeitloser Poesie. Der Saal war überfüllt, viele Gäste mussten draußen bleiben, und jeder wusste wohl, dass man der greisen Autorin kaum noch einmal persönlich begegnen würde.

An den Folgen eines Sturzes ist die Lyrikerin bereits am Mittwoch 96-jährig in Heidelberg gestorben. Hier wohnte sie seit 1961, zurückgekehrt aus einem lange währenden Exil, das sie mit ihrem Mann, dem Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, erst nach Italien, England, in die USA und dann in die Dominikanische Republik führte. Von der Hauptstadt Santo Domingo entlehnte sie ihren Künstlernamen und schrieb dort 1951 ihr erstes Gedicht. Doch es dauerte, bis Hilde Domin zur Grande Dame der deutschen Lyrik aufstieg und als eine ihrer bedeutendsten Repräsentantinnen vielfach geehrt wurde.

Um die halbe Welt

So erhielt sie auch den Jakob-Wassermann-Preis der Stadt Fürth für ein Werk, das geprägt von den Erfahrungen der Heimatlosigkeit zeitlebens der Humanität und dem Frieden verpflichtet war. Dabei entdeckte die Autorin die deutsche Sprache neu: Während ihrer Flucht vor den Nazis um die halbe Welt arbeitete sie als Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen. Ihr knapper, pointierter Stil, äußerst klar und manchmal von fein verborgenem Witz, spricht den Leser direkt an.

Ihr autobiografischer Roman „Das zweite Paradies“ von 1968 erzählt vom Fremdsein ebenso wie vom Glück der Kreativität. Domins erster Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ wies den Weg moderner Lyrik, den sie durch wichtige theoretische Abhandlungen untermauerte. Die Anthologie „Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische deutsche Gedicht zwischen Autor und Leser“ (1966) bewies eindrucksvoll ihre Auseinandersetzung mit Poetik, ebenso die Streitschrift „Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft“.

Mit ihren Lesern hielt die Dichterin immer lebhaften Kontakt. Sie ging gern auf Reisen, es war für sie nie reine Verpflichtung, ihr Werk zu präsentieren und auf eine ganz eigene, verschmitzte Art vorzutragen. Da applaudierte das Publikum - wie bei einem Popstar - oft schon bei der Ansage des Gedichtstitels. So viel Zuspruch ist nicht jedem Poeten gewiss. Doch Hilde Domin ließ eben spüren, dass sie nie ihre Neugier verlor, immer noch staunen konnte. Wenn sie las oder erzählte, etwa bei einem großen Abend während des Erlanger Poetenfests, hätte man eine Stecknadel fallen hören.

Voller Tatendrang arbeitete sie noch 95-jährig an ihren Erinnerungen an die frühe Kindheit in Köln, wo sie 1909 als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts geboren wurde. „Schreiben ist wie Atmen“ hieß ihr Credo, und das Schreiben sollte dem Dialog mit dem Individuum dienen.

Dabei bleibt der Tod gegenwärtig. In einem der kühnsten und eindrucksvollsten Domin-Gedichte ist alles ausgedrückt: „Die letzte Erde/der Erde letzter Tag/die letzte Landschaft/die eines letzten Menschen Auge sieht/unerinnert/nicht weitergegeben/an nicht mehr Kommende/dieser Tag/ohne Namen ihn zu rufen/ohne Rufende.“

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0306 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten