|
|
| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Weil ich wahnsinnig bin "Rigoletto":
Gespräch mit Regisseurin
Doris Dörrie von Sabine
Dultz aus dem Münchner
Merkur, 17.2.2005:
Das kann ja schon mal passieren: Die eigene Tochter verliebt sich ausgerechnet in den blödesten Affen der Welt. Eine Vorstellung zum Verzweifeln. Filmregisseurin Doris Dörrie will ganz bewusst solche Assoziationen wecken - und zwar mit ihrer ersten Münchner Operninszenierung. "Rigoletto", sagt sie, "ist ein so egoistischer Vater. Aber ich kann ihn verstehen. Auch heute würde jeder von uns, der eine 15-jährige Tochter hat, sie am liebsten wegsperren." Am kommenden Montag hat im Münchner Nationaltheater Giuseppe Verdis "Rigoletto" Premiere. Es singen u. a. Diana Damrau (Gilda), Mark Delavan (Rigoletto), Ramon Vargas (Herzog). Zubin Mehta dirigiert.
Opernneuling Dörrie hat mit Tradition nichts am
Hut. Die Filmfrau will mit anderen, mit "ihren" Bildern die alte
Geschichte vom buckligen Vater, der im Dienste des Frauen verbrauchenden Herzogs
seine schöne Tochter opfert, neu erzählen. Es hat sich bereits
herumgesprochen: Verdis Schauplatz, das schöne Mantua, wurde umfunktioniert zum
Planet der Affen. Warum?
"Wie animalisch sind wir?"
Doris Dörrie
Doris Dörrie: "Eine historische
Interpretation kam für uns nicht in Frage. Es konnte nur eine moderne sein.
Aber: Wie zeigen wir eine entmenschlichte Welt? Bei dieser Überlegung sind wir
auf die Affen gekommen." Natürlich, räumt die Regisseurin ein, stünden
ihr die Kinomythen eher zur Verfügung als jene des Theaters. "Wo immer im
Kino Affen vorkommen, geht es da garantiert nie um Tiere, sondern stets um die
Menschen. Wie animalisch sind wir? Ich finde, diese Frage ist eine schöne
Plattform für ,Rigoletto’."
Doris Dörrie erhofft sich durch ihre unbefangene Art der Werkbetrachtung
Anklang bei einem jungen Publikum, das möglicherweise animiert von diesen
Bildern erstmals in die Oper geht: "Die Bilder müssen eine solche Kraft
haben, dass sie mich selber zum Opernbesuch verführen würden." Und als
Rechtfertigung für ihre prononcierte Art, Filmästhetik auf die Bühne zu übertragen,
sagt die Regisseurin: "Die Mehrheit der Menschen kennt Kinobilder; nur eine
Minderheit jene der Oper." Ihr Wunschtraum: Ein Publikum, das - wie sie übrigens
selbst bis vor kurzem - "Rigoletto" nicht kennt. "Die, die die
Oper schon 20 Mal gesehen haben, brauche ich nicht." Aber die wird sie vor
allem hier in München haben. Das weiß die Dörrie natürlich auch:
"Gerade darum würde ich mir generell für die Opernhäuser wünschen, dass
die Ticket-Preise in erschwinglicheren Dimensionen angeboten würden."
Ihre ersten Opernschritte unternahm Doris Dörrie an der Berliner Staatsoper:
"Cosí´ fan tutte" und "Turandot". Jetzt also in München
"Rigoletto" und kurz darauf am Gärtnerplatztheater "Madame
Butterfly". Beim Film ein Profi, im Theater ein Laie. Warum bloß hat sie
sich auf die Oper eingelassen? "Weil ich wahnsinnig bin. Und weil ich ganz
gern in fremde Länder fahre, wo ich jedes Mal vollkommen neu anfangen muss. Ich
war in meinem ganzen Leben in keinem exotischeren Land als in der Oper. Als wäre
es Japan oder China. Ich kann die Musiksprache selber nicht sprechen, ich kann
sie aber empfinden."
Im Gegensatz zur Filmarbeit bietet das Theater der Regisseurin einige Vorteile:
"Die Oper entbindet uns von den Gesetzen der Schwerkraft. Die Logik der Bühne
ist eine andere als die des Films - eine emotionale Logik."
Der Verdacht, hauptsächlich aus PR-Gründen an die Oper geholt worden zu sein,
mag Doris Dörrie kränken. Aber mit ihrem fröhlichen, selbstbewussten Charme
nimmt sie erst einmal jedem "Angreifer" den Wind aus den Segeln:
"Na gut, dann bin ich eben nur der Werbe-Gag." Und kokettiert brav und
medienwirksam damit, dass sie bis zur ersten Anfrage von Daniel Barenboim aus
Berlin wirklich keine einzige Oper gekannt habe.
Dabei liegt die Annahme nahe, dass Dörries frische Liebe zum Musiktheater auch
daher rührt, dass die Filmfrau mit ihrer zweiten Ehe in eine Theaterfamilie
hineingeheiratet hat. Doch da wiegelt sie resolut ab: Ganz im Gegenteil,
Schwiegervater Imo Moszkowicz habe seinen Sohn so sehr zur Oper
"gezwungen", dass der heute keinerlei Neigung mehr für dieses Metier
hege.
So ruhig wie sie scheint, ist die Regisseurin nicht. Sie sei schon lange sehr
aufgeregt. Bei der "Meistersinger"-Premiere im letzten Sommer sei sie
gar nicht rein gegangen. "Ich habe nur draußen auf den Stufen gesessen und
mir das Publikum angesehen. Da hatte ich so richtig Angst bekommen."
Doch bei den "Rigoletto"-Proben wurde ihr die genommen: "Ich habe
Maestro Mehta immer wieder gefragt: Ist das okay für Sie? Und er hat immer
,ja’ gesagt. Ich will mich doch nicht vor den Dirigenten stellen. Das wäre ja
idiotisch."
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0205 LYRIKwelt © Münchner Merkur