Döblin, Eine Biografie von Wilfried F. Schoeller, 2011, HanserSchreiben als Therapie.
Zum 50.Todestag des Schriftstellers Alfred Döblin
Von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 26.06.2007:

Heute vor 50 Jahren starb der Schriftsteller Alfred Döblin, der durch seinen Roman «Berlin Alexanderplatz» 1929 weltberühmt wurde, ansonsten aber weitgehend in Vergessenheit geriet.

Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin. Einen Tag später verließ Alfred Döblin die Stadt, um der drohenden Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Sein Exil – zunächst in Frankreich und dann in den USA – dauerte zwölf Jahre. Am 9.November 1945 kehrte Döblin nach Deutschland zurück und ließ sich in Baden-Baden nieder. Die Jahre, die hinter ihm lagen, waren vom Gefühl des Scheiterns und der Fremdheit geprägt. Mit der englischen Sprache konnte er nichts anfangen.

In Deutschland blieb Döblin, der sich in der französisch besetzten Zone gerne in der Uniform eines Obersten der Besatzungsarmee präsentierte, ein «fremder Gast». Unter Pseudonym schrieb er über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Seine Zeitschrift «Das goldene Tor» stieß kaum auf Interesse, auch sein Lebensbericht «Schicksalsreise» (1949) fand nur wenige Leser.

In der Tat wusste Döblin selbst am besten Bescheid über die Schwierigkeiten, jenseits von Franz Biberkopf ein Massenpublikum zu erreichen. «Und wenn man meinen Namen nannte,» schrieb er 1955, zwei Jahre vor seinem Tod, «fügte man Berlin Alexanderplatz hinzu. Aber mein Weg war noch lange nicht beendet.»

In seiner «Selbstbiographie» – «Doktor Döblin» (Friedenauer Presse, Berlin) kann man auf wenigen Seiten nachlesen, wie angst- und ahnungslos der Dichter diesen Weg begonnen hat. Der «Doktor Döblin», niedergelassener Internist und Nervenarzt in Berlin-Kreuzberg, wuchs in einer Welt auf, in der er sich schon als Kind durch den schnöden Weggang des Vaters verwaist und ausgestoßen empfunden hatte. Noch der Vierzigjährige fragt nach der Vaterfigur, zu der er emporblicken möchte, nach einem Gott, der ihn aufnimmt.

Alfred Döblin, Foto: S.Fischer-Verlag (hf0113)Doch für Döblin, der schon vor 1917 seinen mit dem Fontane-Preis ausgezeichneten Roman «Die drei Sprünge des Wang-lun» und das Manuskript zum «Wallenstein» vorweisen konnte, blieb die literarische Arbeit ein Schmerz, der nicht nachlassen wollte.

Die Demütigungen des Jahres 1933, als man den Juden Döblin zuerst aus der Dichter-Akademie, dann auch aus Deutschland verjagte, blieb von diesem Schmerz gezeichnet. «Pardon wurde ihm nicht gegeben,» heißt es bei ihm. «Das persönliche Ich ist nicht zu halten,» schrieb er. «Am persönlichen Ich haftet in jeder Hinsicht der Tod. Das Leben und die Wahrheit ist nur bei der Anonymität.» Kein Zweifel: Döblin, der Sohn eines Schneidermeisters aus Stettin, hatte den Brotberuf des Arztes aus Überzeugung gewählt.

Schreiben war für ihn eine Art Selbsttherapie, ein seelischer Ausgleichssport. Es war eigenes Erleben, das er als Material verarbeitete. Döblin, Jahrgang 1878, schöpfte dieses «Material» aus den Erfahrungen eines Arztes für die kleinen Leute am Berliner Alexanderplatz: aus den Erfahrungen der Revolution von 1918, ihren folgenden Gegenrevolten, vom Kapp-Putsch des Jahres 1920 bis zu Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle im November 1923. Die Republik von Weimar – sie erschien ihm schon frühzeitig als eine Art Totgeburt.

An der Endstation seines Weges angelangt hatte Döblin keine Antworten, auch für sich selbst nicht – trotz seines Übertritts zum Katholizismus. Am 26. Juni 1957 starb er verbittert und verkannt.

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