1.)
- 3.)
Schnell, feinfühlig, verletzbar
Verlust und verloren gegangene Kindheit: Zum zweihundertsten
Geburtstag von Charles Dickens am siebenten
Februar
Von Wolf
Scheller in Der Standard, Wien
vom 3.2.2012:
Demütigend und von erniedrigenden Widrigkeiten begleitet zeigen sich die frühen Erfahrungen des jungen Charles Dickens auf dem Präsentierteller seiner Biografen. Die Zahl der Arbeiten, die sich seinem Leben und Werk widmen, lässt sich kaum abschätzen. Aber die meisten Untersuchungen nehmen diese Jahre einer zutiefst unglücklichen Jugend ins Visier, um die in dicken Nebelschwaden verborgene Identität des bedeutendsten britischen Romanciers aufzuhellen.
Der Zwölfjährige erlebt, wie sein Vater im Schuldnergefängnis eingesperrt wird. Zwei Tage später muss der Junge zur Arbeit in eine Fabrik eintreten, die schwarze Wichse für Schuhe und die gusseisernen Kaminroste herstellt. Auf dieses Los war er nicht vorbereitet. Der Vater ist froh, nicht mehr für Charles sorgen zu müssen. Bitter erinnert sich Dickens später an diese Zeit: "Es ist mir unbegreiflich, wie man mich in einem solchen Alter so einfach hat fortschicken können ... niemand hatte hinreichend tiefe Gefühle für mich - ein Kind mit außergewöhnlichen Gaben: schnell, wissbegierig, feinfühlig und leicht verletzbar, körperlich wie seelisch ..."
Der Vater im Schuldnergefängnis begegnet uns in Little Dorrit wieder, die Schuhwichsfabrik in David Copperfield. Die Einsamkeit in seiner neuen Lage war für den jungen Dickens schwerer zu ertragen als die Armut. Er sah sich vorzeitig zum Erwachsenen gemacht, und er sehnte sich nach der plötzlich unter traurigsten Umständen verloren gegangenen Kindheit. Ein Motiv, das in seinen Romanen - vor allem in Oliver Twist - eine wichtige Rolle spielt.
Nach der Lohnsklaverei in der Schuhpoliturfabrik arbeitet er als Kanzleischreiber in einer Anwaltskanzlei bis an den Rand der totalen Erschöpfung. Er lernt Stenografie, wird Gerichtsreporter, später arbeitet er als Parlamentsreporter für mehrere Zeitungen. Das Wichtigste aber: Der 18-Jährige hat sich verliebt, in Marie Beadnell, die jüngste Tochter eines Bankiers. Doch die Romanze dauert nur drei Jahre. Jetzt publiziert er unter dem Pseudonym "Boz" im Evening Chronicle Skizzen von Straßenszenen, die er mit einem humoristischen Stil von unverwechselbarer Eigenart schildert und die sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreuen.
Der bis dato völlig unbekannte "Boz" ist in aller Munde. Aber auch in dieser ersten erfolgreichen Periode seiner Karriere als angehender Autor werden die Dickens von den Schulden des Vaters bedrängt. Im November 1834 droht John Dickens wieder Gefängnis. Charles muss sich Geld leihen, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen, währenddessen sich der Vater bei einer Waschfrau in Hampstead versteckt.
Immerhin schafft es Charles Dickens, zu seinem 26. Geburtstag die Sketches by Boz als Buch erscheinen zu lassen. Daraus wurden später die Pickwick Papers. Die "Pickwickier" sind so lange lustig, bis der ehrenwerte Mr. Pickwick ins Schuldnergefängnis kommt, weil er sich weigert, die ihm ungerechtfertigterweise vom Gericht auferlegte Entschädigungssumme für ein angeblich gebrochenes Eheversprechen gegenüber der unglücklichen Mrs. Bardell zu bezahlen.
Der Erfolg dieses großen Werks ist so überwältigend, dass Dickens einen zweiten Anlauf zur Eheschließung startet. Er verliebt sich in die 20-jährige Kate Hogarth, die älteste Tochter von George Hogarth, Verleger des Evening Chronicle. Im April heiratet das Paar, im Januar kommt das erste Kind zur Welt, und im Monat darauf erscheint Oliver Twist.
Dem Buch lag die Idee zugrunde, das Schicksal eines Kindes zu beschreiben, das verloren geht und schließlich doch sein angestammtes Erbe antritt. Oliver Twist ist ein moralisches Lehrstück, schildert aber zugleich das Böse in der Welt mit faszinierendem Furor. Fagin als Teufel, die Jungen seiner Bande als nachgeordnete Dämonen, Nancy als gefallener Engel und Sikes ein Ungeheuer - so sieht Dickens seine Figuren.
Gesellschaftskritik
Im Januar 1838 beginnt Dickens mit der Arbeit an Nicholas Nickleby. In dem Fortsetzungsroman geht es um betrogene Unschuld, verlorene Kindheit und geschwisterliche Liebe, Themen, die ihn immer wieder beschäftigen werden. Dickens hat seinen Ton als Satiriker und Gesellschaftskritiker gefunden. Nicholas Nickleby verkaufte sich bestens.
Der traurige Zustand der Privatschulen in Yorkshire, in denen arme Kinder ausgebeutet und gequält wurden, gab den Anlass, um das Erziehungswesen seiner Zeit zu verhöhnen.
Dickens in der Blütezeit seiner Erfolge. Von einer längeren Amerikareise kehrt er 1842 nach London zurück. Obwohl er in Amerika herzlich aufgenommen wurde, kühlte sich die Begeisterung bald ab. Einmal belastete den Gast das Gebot, aus Gründen der Höflichkeit das Thema Sklaverei zu vermeiden. Zum andern las er den Amerikanern bei jeder Gelegenheit die Leviten, weil sie das Urheberrecht auf seine Werke ignorierten und ihm dadurch erhebliche Einnahmen verloren gingen. Erst mit der Vollendung seines sechsten Romans - Martin Chuzzlewit -, den er als eine Satire auf die Selbstsucht verstand, ist er zunächst aller Verpflichtungen ledig. Die Jahre 1844/45 stehen im Zeichen seiner italienischen Reise, in deren Verlauf sich allerdings die Stimmung in der Familie verdüstert.
Kate fühlt sich vernachlässigt, weil sich ihr Charles offenkundig mehr für die emotionalen Probleme anderer Damen interessiert. Nach der Rückkehr aus Italien wird Dickens Herausgeber der neu gegründeten Daily News. Er stellt gleich mehrere Verwandte ein, auch seinen Vater, der bis zu seinem Tod in dem Unternehmen beschäftigt bleibt.
Inzwischen haben die Dickens schon sechs Kinder zu versorgen, und der ruhelose Autor hat schon wieder einen neuen Roman fertig - Dombey und Sohn. Sein Thema ist das Gefühl von Verlassenheit und Lieblosigkeit im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. In diesem Jahr 1848 stirbt seine Schwester Fanny an der Schwindsucht. Möglicherweise weckt der Tod der Schwester Kindheitserinnerungen, die Dickens dazu veranlassen, das nächste Romanprojekt autobiografisch anzugehen: David Copperfield.
Da schreibt er sich seit langem verdrängte Gefühle von der Seele. Das Buch, das heute von den meisten Dickens-Lesern als sein bestes geschätzt wird, verkaufte sich zunächst schleppend, wurde dann aber doch zu einem Riesenerfolg, und Dickens gönnte sich wieder eine Italienreise, musste allerdings bei seiner Rückkehr nach London feststellen, dass es um seine Finanzen nicht zum Besten stand. Also musste ein neues Romanprojekt her. 1853 meldet er sich von seinem Feriendomizil in der Nähe von Boulogne: "Ich habe gerade mein Buch (sehr hübsch, hoffe ich) abgeschlossen und fühle mich so schläfrig-matt, wie es danach verständlich ist." Bleak House liefert eine mehrschichtige Handlung im Umfeld eines Kammergerichts. Fast schon ein Detektivroman mit einem echten Detektiv, der die Hintergründe eines düsteren Erbschaftsprozesses aufzudecken versucht.
Auch in diesem Roman geht Dickens gegen die verkrusteten politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit an. Jeder in diesem System, so schien es ihm, sei auf irgendeine Weise ein Gefangener. Dickens kehrt in Harte Zeiten zu dem Thema der schuldlosen Gefangenschaft zurück. Die Erzählung vom hoffnungslos verschuldeten William Doritt und seiner Tochter ist die Geschichte seiner Familie, die wegen ihrer Schulden im Marshalsea eingesperrt wurde. Die Angst vor öffentlicher Schande und vor dem Eingeschlossenwerden prägt die Atmosphäre der Handlung. Absolut düster gerät ihm Eine Geschichte zweier Städte von 1859, ein Buch, das in der Zeit der französischen Revolution spielt, die für Dickens fast noch Gegenwart war.
Der Roman über das Schicksal von Dr. Manette und seiner Tochter Lucy in den beiden Städten London und Paris lebt aus den dramatischen Verknüpfungen der Geschehnisse in beiden Metropolen. Die Handlung ist von Motiven der Schuld, des Leidens, des Todes und der Erlösung geprägt. Ihr Autor wird bei der Niederschrift des Romans noch durch den Kummer belastet, den die Trennung von seiner Frau auslöst. Bis es zu dieser Scheidung kam, lieferten sich beide Seiten einen zermürbenden, über mehrere Jahre gehenden Kleinkrieg, der Dickens auch gesundheitlich schwächte. Er betäubt sich mit der Arbeit an einem neuen Projekt.
Große Erwartungen
Den
Roman - Große Erwartungen - verfasst Dickens zwischen 1860 und 1861.
Dieser Lebensbericht des kleinen Philip "Pip" Pirrips, der als Vollwaise im
öden, nebligen Marschland von seiner älteren Schwester und ihrem Mann aufgezogen
wird, gilt als reifstes Werk Dickens. In diesem letzten Jahrzehnt seines Lebens
lässt Dickens' Kreativität deutlich nach. Er reist mehrfach nach Paris, hält
triumphale Lesungen, schreibt seinen letzten Roman, Unser gemeinsamer Freund,
die Geschichte eines Mannes, der aus dem Ausland nach London zurückkehrt, um
sein Erbe anzutreten. Sein Vater hat testamentarisch verfügt, dass der Sohn nur
dann das Erbe erhält, wenn er eine ihm völlig fremde Frau heiratet.
Zwischen 1867 und 1868 unternimmt Dickens eine strapaziöse Lesetour, die ihn ein zweites Mal nach Amerika führt. Nach seiner Rückkehr stürzt er sich in die Arbeit. Aber seine gesundheitlichen Probleme halten an. Gegen den Rat der Ärzte absolviert er 1870 in London und Umgebung eine anstrengende Lesetournee. Anfang März empfängt ihn Königin Victoria im Buckingham-Palast. Dickens' Gesundheitszustand verschlechtert sich in den nächsten Wochen. Am Abend des 8. Juni erleidet er einen Schlaganfall und stirbt am nächsten Morgen.
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2.)
In der frühen Erzählung „Der schwarze Schleier“ schickt der 23-jährige Charles Dickens eine geheimnisvolle Besucherin zu einem jungen Arzt. Mysteriös auch ihr Auftrag: Am nächsten Tag soll er versuchen, einem auf den Tod kranken Mann zu helfen. Lieber würde der motivierte Berufsanfänger aber doch sofort etwas unternehmen. Zwecklos, bedeutet ihm die Dame: Der Todkranke, zeigt sich am Ende, ist der soeben am Galgen hingerichtete Sohn der Auftraggeberin. Die Mutter wollte nichts unversucht lassen.
Das ist es, was Dickens bietet: die lebhafte, aus dem Stand heraus kinoreife Szene; den Knalleffekt, der den fleißigen Leser der vermischten Nachrichten verrät; die Moral (böser Sohn bricht liebender Mutter das Herz), hinter der sich aber ein Abgrund anderer Art auftut – nicht nur in diesem Fall ist es das Entsetzen über die Unumkehrbarkeit des Todes. Die Wahnsinnstat der Mutter macht nur den Blick frei für das, was bei jeder Hinrichtung gilt: Eben war der Delinquent noch wohlauf.
Der Londoner Fußgänger
Dickens’ Interesse an Exekutionen, einem Volksspaß seiner Zeit (1868 fand in England die letzte öffentliche Hinrichtung statt), ist mehrfach bezeugt. Er mietete sich Aussichtsplätze und war zugleich angeekelt vom Jahrmarktbuhei. Das ist kein Widerspruch: Dickens wird seinem Leser immer wieder als Zuschauer und Passant begegnen. Er war kein Flaneur, sondern ein Fußgänger, der systematisch und schnellen Schritts nächtelang London durchstreifte, sein Revier, die Hauptstadt seiner Romane (tragisch, dass er im Alter, was bei ihm bereits die Fünfziger waren, an einem schlimm geschwollenen Fuß laborierte). Alles wollte er sehen, der Vielschreiber brauchte immer neuen Stoff für seine manchmal unter erheblichem Termindruck entstehenden Texte.
Und ganz genau nahm er alles wahr und: furchtbar genau konnte er sich alles vorstellen. Dickens’ Einfühlungsvermögen wird oft unterschätzt, wenn man bedenkt, dass er sich für Mesmerismus interessierte und mit Hypnose-Techniken experimentierte. Die Behandlung einer Reisebekanntschaft in Italien – Dickens war gerne unterwegs, mit und ohne Familie – brach er nur ab, weil seine Frau eifersüchtig wurde. In diesem Falle wohl grundlos.
Nur theoretisch und im Prinzip war Dickens ein Vertreter viktorianischer Moral. Sobald es praktisch und zum Einzelfall wurde – und für einen Mann, der sich alles vorstellen kann, löst sich die Welt in Einzelfälle auf –, eckten nicht nur seine Figuren daran an, sondern auch er selbst. Als er 1865 in Begleitung seiner 27 Jahre jüngeren, geheimgehaltenen Lebensgefährtin Ellen Ternan in das große Zugunglück von Staplehurst verwickelt wurde, musste er die Geliebte und deren Mutter schnell vom Ort entfernen lassen, bevor auffiel, welch prominenter Schriftsteller anwesend war.
Eine Zeichnung zeigt ihn dabei, wie er Verletzten hilft. Die vorausgegangene Trennung von Catherine nach 21 Ehejahren, zehn Geburten und etlichen Fehlgeburten war ein unwürdiges Kapitel. Um sich zu rechtfertigen, diffamierte Dickens seine Frau auch öffentlich. Als er für eine neue Zeitschrift den Titel „Household Harmony“ vorschlug, riet ihm sein bester Freund entschieden ab. Die Nachsichtigkeit der Viktorianer mit ihrem Lieblingsautor wollte er nicht überstrapaziert sehen. Dickens pflegte einen individuellen Umgang mit der von ihm scharf kritisierten Doppelmoral.
Gespür für Ungerechtigkeit
Sein Gespür für Ungerechtigkeit war aber nicht alleine seiner Aufmerksamkeit geschuldet, sondern auch seiner Biografie. Heute vor 200 Jahren in eine bürgerliche südenglische Familie geboren, wuchs er zunächst in behüteten, bald aber prekären Verhältnissen auf. Als der Vater – Vorbild für manchen bornierten Roman-Tunichtgut – in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurde der Sohn als Etikettenkleber in eine Schuhwichsfabrik gegeben. Diese klassische Charles-Dickens-Situation hat er zeitlebens nicht verkraftet. Er kompensierte sie mit ostentativem Gentleman-Gehabe und gehobenem Lebensstil und schwieg sich ansonsten über seine Kindheit aus.
Erst nach seinem tödlichen Schlaganfall 1870 erfuhr das Publikum, dass er David Copperfield war, den er aber wenigstens Weinflaschen etikettieren ließ. Nach einer kurzen Rückkehr in die Schule – Bildungshunger wird seine jugendlichen Figuren durchweg begleiten – kam der 15-Jährige als Junge für alles in eine Anwaltskanzlei. Hatte er schon prächtig Etiketten geklebt, erwies er sich auch hier als findig. Bereits zwei Jahre später arbeitete er als Gerichtsreporter, so erfolgreich, dass bald sein erstes, unter Pseudonym veröffentlichtes Buch entstand, „Skizzen von Boz“.
Dickens’ zahllose Geschichten und 15 meist umfangreiche Romane, von den „Pickwickiern“ (1836/37) bis zum unvollendet gebliebenen Krimi „Das Geheimnis des Edwin Drood“ (1870), dessen Lösung Generationen von Lesern zu ertüfteln versuchten, waren in der Mehrzahl Schlager. Dass das Publikum die „dickenshaften“ Romane von Dickens bevorzugte, mit einem leicht nostalgischen London als Schauplatz, mit ebenso viel Spannung wie Humor, beeinflusste ihn nur teilweise.
Geschäftstüchtiger Literat
Als Zeitungsromane war ihr Erfolg von Kapitel zu Kapitel zu messen, selbstverständlich gab es interaktive Vorgänge zwischen Autor und seiner in die Hunderttausend gehenden Leserschaft. Den Tod von Nell in „Der Raritätenladen“ („The Old Curiosity Shop“, 1840/41) zögerte der geschäftstüchtige Autor dermaßen hinaus, dass englische Schiffsreisende in Amerika im Hafen mit der bangen Frage begrüßt wurden, ob Nell gestorben sei.
Oscar Wildes Bonmot, man müsse ein Herz aus Stein haben, um über Nells Tod nicht zu lachen, belegt nur, wie tief viele Dickens-Szenen im englischen Bewusstsein festsitzen. Die Szene selbst kommt im Roman nicht vor, der Profi weiß, wann die Kamera wegschwenken sollte.
Dickens brauchte den Erfolg, um den düpierten Ehrgeiz seiner Kindheit wettzumachen. Er brauchte das nächste Projekt, um seinem Arbeitsdrang Futter zu geben. Und er brauchte das Geld, um gut zu leben und seine wachsende Familie zu versorgen. Er verhandelte härter über seine Verträge, als es seinen Verlegern und poetisch eingestellten Zeitgenossen lieb war. Als ihm klar wurde, dass er mit Lesungen aus seinen eigenen Werken viel Geld machen konnte, zögerte er nicht – dabei war das seinerzeit noch unüblich und nachgerade anrüchig.
Die Lesungen müssen sensationell gewesen sein und für ihn selbst gesundheitsgefährdend – vor allem, nachdem er den Mord an Nancy aus „Oliver Twist“ ins Programm aufgenommen hatte. Im Publikum löste das hysterische Anfälle aus, er selbst war anschließend nicht ansprechbar.
Dickens war ein begnadeter Schauspieler. Die hochwertigen Amateurtheateraufführungen, in denen er spielte, die er oft inszenierte und für die er selbst Texte schrieb, waren Bombenerfolge. Auch Königin Viktoria zeigte sich interessiert. Hans-Dieter Gelfert, dessen neue Biografie „Charles Dickens, der Unnachahmliche“ (Beck, 375 S., 29,95 Euro) eine kulturgeschichtlich versierte Einführung in Leben und Werk bietet, spricht von einer „postnatalen Leere“, die Dickens nach den jeweiligen Buchproduktionen füllen musste. Die Aufführungsbeschreibungen in „Große Erwartungen“ (1860/61) bieten Witz und Übersicht, wie es erst wieder Alfred Polgar gelang.
Fast alles, was Dickens’ Romane groß macht, ist Situation und Dialog. Nicht zufällig wurden (von den Filmen nicht zu reden) die zeitgenössischen Illustrationen berühmt: der hungernde Oliver, der um einen Nachschlag bittet, dazu der Satz „Please, Sir, I want some more“. Sentenzen legte der Autor den Doppelmoralaposteln in den Mund.
Dickens wollte Viktorianer sein und so nahmen ihn seine Zeitgenossen auch. Die Kritik in seinen Romanen an den Verhältnissen – den Armenhäusern, dem heruntergekommenen Rechtssystem – ist hart, aber nicht umstürzlerisch. Er liebte Weihnachten. Seine Frauenfiguren sind Scharteken oder kindliche Engel. Die Schurken werden bestraft. Den Guten winkt allemal der Himmel.
Hinter dem manchmal humorig, manchmal sardonisch, manchmal einfach nur Grellen verbirgt sich allerdings – das dämmerte erst dem 20. Jahrhundert – mehr Realismus als Fantasterei: Dickens war kein Romantiker. Und als am Ende von „Oliver Twist“ der Schuft Fagin – und Fagin ist wirklich ein Schuft – vor Gericht sein Todesurteil erwartet, schildert Dickens auf einmal aus dem Blickwinkel des Angeklagten, wie dieser innerlich abschweift, absurde Details im Saal registriert, das Urteil kaum mitbekommt, er, der Abgebrühteste unter den Abgebrühten.
Ein Mann unter Schock. Es ist keine Frage, dass Charles Dickens sich auf diesen Seiten vorstellte, wie irgendein Mensch – wie zum Beispiel er selbst – ein Todesurteil aufnehmen würde. Das ist die Verbindung zu Franz Kafka, mehr noch als die Labyrinthe der Rechtssprechung, in die er den Leser schickt.
In England setzt Dickens Maßstäbe
Ein Vergleich, den englische Biografen nicht brauchen. In England ist es stets Dickens, der die Maßstäbe setzt. In Deutschland wird er bis heute bisweilen für einen Kinderbuchautor gehalten. Eine tolle Verwechslung von Figuren und Leserschaft (und ein ähnlicher Fall wie „Moby Dick“, dort wegen des großen Tieres). Dickens versuchte einmal, ein Kinderbuch zu schreiben, mit bescheidenem Erfolg.
Die große Dame der englischen Biografie, Claire Tomalin, schildert eine Szene wie aus einem Dickens-Roman: 1840 ist der 28-Jährige als Geschworener an einem Verfahren gegen eine angebliche Kindsmörderin beteiligt (schwierig, hier nicht an Goethe zu denken). Der Fall scheint klar, Dickens aber redet so lange auf die Jury ein, bis alle an die Unschuld des Mädchens glauben.
Später gründete er ein Frauenhaus für gefallene Mädchen. Dickens besuchte selbst Prostituierte. Daraus, dass er bestimmte Dinge nicht gut aushielt, zog er aber eigene Schlüsse.
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3.)
war – sein Leben lang – über die Maßen fleißig, diszipliniert und zielbewusst. Er war das Kind einer Gesellschaft, die verspricht, ebendiese Eigenschaften mit sozialem Aufstieg zu belohnen. In seinem Leben erfüllte sich der bürgerliche Aufstiegstraum aufs Schönste. In seinem Werk malte er auch die albtraumhaften Seiten des rationalistischen Welt- und Menschenbildes aus, dessen historische Durchsetzung seine Biografie begleitete.
Im Mai 1827,
Dickens ist gerade einmal 15 Jahre alt, tritt er als Gehilfe in eine Londoner
Anwaltskanzlei ein. Im Winter darauf wechselt er in eine andere Kanzlei und
trifft wiederum ein paar Monate später die Entscheidung gegen eine juristische
Laufbahn. Er will und wird schreiben und arbeitet zunächst, für den
Anwaltslehrling naheliegend, als Gerichtsreporter. Er ist nun 17 Jahre alt. In
Hans-Dieter Gelferts Dickens-Biografie findet sich zu dieser Berufsetappe des
jungen Mannes ein Absatz, dessen Erstaunlichkeit sich erst dem zweiten Blick
erschließt: »Irgendwann im Jahr 1829 tat er (Dickens) sich mit Thomas Charlton,
einem anderen Gerichtsreporter, zusammen und betrieb mit ihm gemeinsam ein Büro,
das Reportagen der Prozesse am Gerichtshof Doctor’s Commons an die Presse
lieferte.« So ließe sich auch ein Kreuzberger Textkollektiv oder eine
Internet-Agentur in Berlin-Mitte unserer Gegenwart beschreiben.
Dass
die weltliterarische Bedeutung Charles Dickens’ unterschätzt würde, kann man
wahrhaft nicht behaupten. Er gilt als der berühmteste englische Schriftsteller
des 19. Jahrhunderts, sein Nachruhm ist in vorzüglichen Editionen beheimatet und
wird beglänzt von biografischer wie soziologischer Forschungsarbeit der
liebevollsten und akribischsten Art. Und doch wird Charles Dickens in einer
Hinsicht vielleicht unterschätzt: in seiner Modernität. In seiner Statur als
Avantgardist. Für sein Heimatland dürfte dies weniger gelten als für unsere
Breitengrade, wo der Name Dickens bis heute eine Assoziationskette auslöst, die
von Titeln wie Oliver Twist, David Copperfield oder
Weihnachtserzählungen zu der vagen Vorstellung führt, es handele sich
hierbei um Romane von beschaulicher Munterkeit und jugendliteraturhafter
Abenteuerlichkeit.
Tatsächlich ist das Werk Dickens’ ohne seine zahlreichen jugendlichen Helden, ohne all seine Waisenkinder, die das Leben als pikareske Achterbahnfahrt durch Armut und Schufterei, Entbehrung und Hoffnung kennenlernen, überhaupt nicht vorstellbar. Ebenso wenig aber ohne die Dramaturgie des Schocks, ohne die Ästhetik des Unheimlichen, die ihre Fühler weit in die Zukunft streckt und das Surreale wie das Absurde berührt, ohne das Bewusstsein für die Störung des neuen Zeitempfindens, die nervöse Asymmetrie zwischen technisierter Beschleunigung und somnambuler Verzögerung. Kurzum: ohne das Repertoire der literarischen Moderne, das Charles Dickens’ genialische Größe und ihn selbst als transatlantischen Geistesgefährten von Edgar Allen Poe und Vorfahren von Franz Kafka kennzeichnet.
Diese Modernität indes betrifft nicht nur das Werk. Sie betrifft auch dessen energische Vermarktung durch den Autor. Charles Dickens, der sich in Verlagsverhandlungen, bei Honorarforderungen und der Multiverwertung seiner Texte als knallharter Business- und Selfmademan erwies, der bei allem, was er unternahm, den Faktor Geld beziehungsweise den möglichen Erwerb von Immobilien scharf im Auge hatte, beherrschte das operative Geschäft des literarischen Erfolges wie keiner vor und – dies ist das wahrhaft Erstaunliche – auch keiner nach ihm. Allein das Pensum seiner Lesetouren irritiert unsere Annahme, vor 150 Jahren sei der Literaturbetrieb Europas so grundlegend anders gewesen, dass sich kaum Vergleiche mit der Gegenwart ziehen ließen. Mitnichten. Dickens’ öffentliche Präsenz nimmt sich nicht geringer aus als die Daniel Kehlmann zu Zeiten der Veröffentlichung seines Bestsellers Die Vermessung der Welt. Allein in den ersten Monaten des Jahres 1867 trat Dickens bei 42 Lesungen in England und Irland auf. Im Herbst schiffte er sich nach Amerika ein, um dort eine Serie von 75 Lesungen zu absolvieren. Im Herbst darauf startete er eine Abschiedstour mit 72 Lesungen, der 1870, seinem Todesjahr, eine allerletzte Auftrittsserie von elf Lesungen folgte.
Das Streben nach oben – dies ist das Hauptmotiv im Leben des Schriftstellers Charles Dickens. Und es ist das Hauptmotiv seines autobiografisch gefärbten Werks. Für den Autor wie für seine jungen Helden aber gilt: Der eiserne Wille, es im Fahrstuhl der Gesellschaft auf die Penthouse-Ebene zu schaffen, steht vor allem jenen zur Verfügung, die einmal oder von Beginn an ganz weit unten waren. Das war Dickens. Denn bevor er als 15-Jähriger in der Anwaltskanzlei zu dienen begann, geriet er in den Tunnel einer Arbeitsfron, dessen Licht am Ausgang ein Kind nicht sehen kann. Es ist das Erniedrigungstrauma im Leben von Charles Dickens, in vielen Variationen, beispielsweise in David Copperfield, literarisch bearbeitet: Dickens’ Vater, unfähig zu vernünftigem Haushalten, wurde 1822 als Schuldgefangener in Haft, sein zwölfjähriger Sohn daraufhin aus dem Schulunterricht genommen, um in einer Schuhwichsfabrik zu arbeiten und so zur Ernährung der Familie beizutragen. Es muss für Dickens eine Erfahrung vollkommener Vernichtung jedweder Lebenshoffnung und Lebensaussicht gewesen sein. Eine Erfahrung, die sein Ich so mörderisch zu erdrücken drohte, wie sie es dauerhaft prägte. Die Arithmetik des Erfolgs, die Dickens sich mit märchenhafter Sicherheit aneignete, hat in diesem gespenstischen Nullpunkt seiner Kindheit ihren Ursprung.
Kaum
ein Roman ist besser geeignet, dem heutigen Leser die literarische und
soziobiografische Modernität Charles Dickens’ zu veranschaulichen wie Große
Erwartungen. Dass gerade dieser Roman zum 200. Geburtstag des englischen
Giganten in der glanzvollen Neuübersetzung von Melanie Walz im Deutschen
erschien, ist ein Glücksfall. Es ist Dickens’ künstlerisch anspruchsvollster und
komplexester Roman, den er verfasste und, zunächst als Fortsetzungsgeschichte in
einer selbst gegründeten Zeitschrift vom Dezember 1860 bis zum August 1861,
veröffentlichte, als ihm bei seinen Amerikareisen schon am Hafen jubelnde
Leserscharen entgegenliefen, als Wohlstand, Prestige und Ruhm sein Leben
gefestigt, seinen Gentlemanstatus geformt hatten.
Als Gentleman leben – das ist das Glück, das auch dem kleinen Pip gegen alle Wahrscheinlichkeit in Große Erwartungen winkt. Dem englischen Volksmund ist der Name Pip bis heute als typologische Metapher geläufig. Die Geschichte des Vollwaisen Philip Pirrip umfasst die Zeit von 1812 (Dickens’ Geburtsjahr also) bis 1840. Pip lebt zunächst im öden, vernebelten Marschland der Themse-Mündung, als elternloses Kind ist er bei seiner dragonerhaften älteren Schwester und ihrem Mann, einem schlichten, herzensguten Dorfschmied, untergekommen. Schon in der Ausgangsepisode dieses Bildungsromans deutet sich dessen Gattungsbeimischung mit Elementen der Gothic Novel und Motiven des Psychothrillers an: Auf dem Friedhof begegnet Pip eines Nachts dem geflohenen Zuchthäusler Magwitch. Dieser zwingt Pip, ihm eine Feile zu besorgen und ihn von seinen Fußketten zu befreien. Fast 500 Seiten später, von Pip wie vom Leser nahezu vergessen, taucht dieser Magwitch plötzlich wieder auf; ein Untoter, ein zombiehafter Demiurg, der nun den Gang, vor allem aber den Sinn der Erzählung an sich reißt, parodiert, ja pervertiert. Denn bis zu diesem Zeitpunkt vollzieht sich die Geschichte als Märchen, als Pips wundersame Errettung aus den elenden Verhältnissen. Ein anonymer Wohltäter finanziert seine juristische Ausbildung in London, ermöglicht ihm finanziell ein vollkommen neues Leben im Bürgermilieu. Das Waisenkind streift seine erbärmliche Herkunft, seine vom Schicksal mitgegebene Identität ab. Dann der Schock: Kein anderer als Magwitch, der von der Polizei gesuchte, ruchlose Verbrecher, ist Pips unbekannter Ziehvater. Mit kalter Strategie formte Magwitch aus dem Hintergrund des Romans das Waisenkind zum Gentleman. Pips sozialer Aufstieg vollzog sich in einer Art Frankensteinszenario. Seine neue Identität verdankt sich ideell einem Teufelsplan, materiell der Diebesbeute von Magwitch.
Der Moment, in dem Pip all dies erkennt, in dem das Märchen in die Gespenstergeschichte kippt, ist einer der großen kathartischen Momente der Weltliteratur. Aktuell, wie gestern geschrieben. Atemverschlagend vor Spannung. Aufschlussreich wie die Dialektik der Aufklärung selbst. Natürlich kommen auch in diesem Roman die Dickenssche Komik und seine satirischen Talente auf ihre Kosten. Deutlicher aber als in anderen Romanen sind sie verschwägert mit der Poetik des Unheimlichen. Allein die exzentrische Miss Havisham, die Pip zunächst für seine Gönnerin hält: Sie lebt im Museum, besser gesagt, im Totenreich ihrer eigenen Vergangenheit. Seit ihr Bräutigam sie vor Jahrzehnten am Hochzeitstag verließ, hat Miss Havisham vom Essbesteck bis zum mottenzerfressenen Hochzeitskleid nichts verändert, nie mehr das Haus verlassen. Auch sie: eine Zombiegestalt. Um Rache an der Männerwelt zu nehmen, zieht sie sich die hübsche Pflegetochter Estella als Verführmaschinchen heran, wie Magwitch sich den Gentleman Pip fabriziert.
Charles Dickens erkannte seine Zeit so klar und durchdringend, wie man die eigene Gegenwart nur erkennen kann. Er brachte Themen zur Sprache, die durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, den endgültigen Umbruch zum säkularisierten, industrialisierten Zeitalter, rumorten: das Horrorpotenzial mobiler Identität und die Annäherung des menschlichen Wesens an das Wesen der Maschine.
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Leseprobe I Buchbestellung 0212 LYRIKwelt © Die Zeit/Ursula März