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| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Lebenshilfe vom Physiker
Dietmar Dath über seinen bemerkenswerten Roman „Dirac“
Interview von Roland Mischke aus den Nürnberger
Nachrichten vom 20.9.2006:
Da staunte die Branche. Suhrkamp bringt als Spitzentitel
des Herbstprogramms den Roman eines kaum bekannten Autors. Das muss ein
herausragendes Buch sein. Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kennen
Dietmar Dath, Jahrgang 1970, als Kommentator und Reporter des Feuilletons. In
seinem neuen Roman über den Physiker Paul Dirac (1902—1984) geht es um
Sinnsuche, wissenschaftlichen Fortschritt, aber gegen Innerlichkeit und
„Lebenshilfe-Esoterik“. Dath hat ein spannendes Buch zu aktuellen Fragen
geschrieben, das auch eine verzaubernde Liebesgeschichte ist.
Sie attestieren Ihrer realen historischen Figur, dem Physiker und
Nobelpreisträger Paul Dirac, einer der Menschen zu sein, „die es fertig bringen, die Welt genauer zu sehen, als sie ist“.
Dietmar Dath: Seine Gedenkplatte in der Westminster Abbey in London findet sich
nicht zufällig neben denen für Newton und Darwin. Die Frage ist, warum die
breitere Öffentlichkeit einen der bedeutendsten Physiker der letzten 300 Jahre
nicht kennt.
Welche Weltsicht vertrat Dirac?
Dath: Kurz gesagt: Was man nicht weiß, muss man herauszufinden versuchen. In
drei Jahrhunderten moderner Wissenschaft wurde so Großes gefunden: Nach welchen
Regeln sich Materie bewegt, wie alt das All ist, wie man über riesige Distanzen
hinweg kommuniziert, wie Eigenschaften von Lebewesen vererbt werden oder wie man
fliegt.
Kommen Forscher wie Dirac der Wahrheit näher als andere Menschen?
Dath: Ja. Wer glaubt, was alle sagen, ohne es zu überprüfen, findet die
Wahrheit ebenso wenig wie einer, der überzeugt ist, dass es Wunder gibt. Dirac
war aufgeklärt, aber nicht übermütig dem Unbegriffenen gegenüber. Er war
vernünftig, genial.
Stephen Hawking kannte Dirac als stillen Menschen. Wenn er redete, „dann war
es umso wertvoller“.
Dath: Dirac begleitet mein Leben seit sieben Jahren. Seine Weisheit, Großzügigkeit
und Tiefe haben mir viel Kraft gegeben, Ideen angeregt und den Verstand vor
billiger Kapitulation bewahrt.
Die Figuren Ihres Romans sind jüngere Freiburger, deren Lebenswege sich nach
gemeinsamen Schul- und Studentenjahren immer neu kreuzen. Was bedeutet
Freundschaft heute?
Dath: Freundschaft gibt es nicht geschenkt, sie kostet, wie alles Schöne und
Richtige, Arbeit. Dann sind diese Verbindungen Belohnung für gemeinsame
Erlebnisse, wechselseitige Unterstützung, Diskussion, Anregungen.
Auch Sinnfragen?
Dath: Leute an der Schwelle zum Ernstfall werden sich immer fragen, welchen Sinn
das Ganze hat. Und zum Glück werden viele die richtige Antwort finden: Sinn
kann man nur selber erschaffen, den gibt es nicht zu kaufen und schon gar nicht
gratis.
Ihr Protagonist David Dalek stimmt in vielem mit Ihnen überein. Wie
autobiografisch ist Ihr Roman?
Dath: David ist mein abschreckendes Beispiel. Er macht alles falsch, obwohl er
von denselben Lebens- und Denkvoraussetzungen ausgeht wie ich. Deshalb scheitert
er an der Aufgabe, einen Roman über Dirac zu schreiben. Das unterscheidet uns
grundsätzlich.
Dirac und David hatten Schwierigkeiten mit ihren Müttern. Muss jede Generation
ihre Vorgänger überwinden, um sich selbst zu finden?
Dath: Nein. Jeder Mensch muss das, was vor ihm war, prüfen und die Irrtümer überwinden,
die Werte aber bewahren, wenn möglich mehren.
Beim Lesen scheint es, der Autor sympathisiert mit der kommunistischen Ideologie
der Gleichheit?
Dath: Ich sympathisiere mit allen Bemühungen, eine Gesellschaftsordnung zu
erreichen, in der vermeidbares Elend, unnötige Dummheit und Hässlichkeit
vermieden werden. Sterben müssen wir trotzdem irgendwann. Wenn Sie meinen,
welche Empfindungen ich mit Namen wie Marx oder Lenin verbinde, so lautet die
unverblümte Antwort: überaus angenehme und für meine Arbeit nützliche.
Wie ist es bei den Dreißigern mit den Gefühlen?
Dath: Fragen nach Gefühlen muss man nur bei Scheintoten stellen, bei allen
anderen versteht es sich von selbst, dass sie welche haben. Es kommt darauf an,
was sie daraus machen.
Was lernen wir von Paul Dirac?
Dath: Ich habe lernen dürfen, dass die Beschäftigung mit einem weltlichen
Heiligen mein eigenes Leben und das Leben der Menschen um mich verändert, dass
es den Alltag bannen, das moralische Erschlaffen und intellektuelle Ausleiern
aufhalten kann, dass es einen fordert, sich zu fragen, was man eigentlich selber
für wahr hält, wie man eigentlich leben will.
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