Dietmar Dath, 2007, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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Dirac von Dietmar Dath, 2006, SuhrkampLebenshilfe vom Physiker
Dietmar Dath über seinen bemerkenswerten Roman „Dirac
Interview von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 20.9.2006:

Da staunte die Branche. Suhrkamp bringt als Spitzentitel des Herbstprogramms den Roman eines kaum bekannten Autors. Das muss ein herausragendes Buch sein. Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kennen Dietmar Dath, Jahrgang 1970, als Kommentator und Reporter des Feuilletons. In seinem neuen Roman über den Physiker Paul Dirac (1902—1984) geht es um Sinnsuche, wissenschaftlichen Fortschritt, aber gegen Innerlichkeit und „Lebenshilfe-Esoterik“. Dath hat ein spannendes Buch zu aktuellen Fragen geschrieben, das auch eine verzaubernde Liebesgeschichte ist.

Sie attestieren Ihrer realen historischen Figur, dem Physiker und Nobelpreisträger Paul Dirac, einer der Menschen zu sein, „die es fertig bringen, die Welt genauer zu sehen, als sie ist“.

Dietmar Dath: Seine Gedenkplatte in der Westminster Abbey in London findet sich nicht zufällig neben denen für Newton und Darwin. Die Frage ist, warum die breitere Öffentlichkeit einen der bedeutendsten Physiker der letzten 300 Jahre nicht kennt.

Welche Weltsicht vertrat Dirac?

Dath: Kurz gesagt: Was man nicht weiß, muss man herauszufinden versuchen. In drei Jahrhunderten moderner Wissenschaft wurde so Großes gefunden: Nach welchen Regeln sich Materie bewegt, wie alt das All ist, wie man über riesige Distanzen hinweg kommuniziert, wie Eigenschaften von Lebewesen vererbt werden oder wie man fliegt.

Kommen Forscher wie Dirac der Wahrheit näher als andere Menschen?

Dath: Ja. Wer glaubt, was alle sagen, ohne es zu überprüfen, findet die Wahrheit ebenso wenig wie einer, der überzeugt ist, dass es Wunder gibt. Dirac war aufgeklärt, aber nicht übermütig dem Unbegriffenen gegenüber. Er war vernünftig, genial.

Stephen Hawking kannte Dirac als stillen Menschen. Wenn er redete, „dann war es umso wertvoller“.

Dath: Dirac begleitet mein Leben seit sieben Jahren. Seine Weisheit, Großzügigkeit und Tiefe haben mir viel Kraft gegeben, Ideen angeregt und den Verstand vor billiger Kapitulation bewahrt.

Die Figuren Ihres Romans sind jüngere Freiburger, deren Lebenswege sich nach gemeinsamen Schul- und Studentenjahren immer neu kreuzen. Was bedeutet Freundschaft heute?

Dath: Freundschaft gibt es nicht geschenkt, sie kostet, wie alles Schöne und Richtige, Arbeit. Dann sind diese Verbindungen Belohnung für gemeinsame Erlebnisse, wechselseitige Unterstützung, Diskussion, Anregungen.

Auch Sinnfragen?

Dath: Leute an der Schwelle zum Ernstfall werden sich immer fragen, welchen Sinn das Ganze hat. Und zum Glück werden viele die richtige Antwort finden: Sinn kann man nur selber erschaffen, den gibt es nicht zu kaufen und schon gar nicht gratis.

Ihr Protagonist David Dalek stimmt in vielem mit Ihnen überein. Wie autobiografisch ist Ihr Roman?

Dath: David ist mein abschreckendes Beispiel. Er macht alles falsch, obwohl er von denselben Lebens- und Denkvoraussetzungen ausgeht wie ich. Deshalb scheitert er an der Aufgabe, einen Roman über Dirac zu schreiben. Das unterscheidet uns grundsätzlich.

Dirac und David hatten Schwierigkeiten mit ihren Müttern. Muss jede Generation ihre Vorgänger überwinden, um sich selbst zu finden?

Dath: Nein. Jeder Mensch muss das, was vor ihm war, prüfen und die Irrtümer überwinden, die Werte aber bewahren, wenn möglich mehren.

Beim Lesen scheint es, der Autor sympathisiert mit der kommunistischen Ideologie der Gleichheit?

Dath: Ich sympathisiere mit allen Bemühungen, eine Gesellschaftsordnung zu erreichen, in der vermeidbares Elend, unnötige Dummheit und Hässlichkeit vermieden werden. Sterben müssen wir trotzdem irgendwann. Wenn Sie meinen, welche Empfindungen ich mit Namen wie Marx oder Lenin verbinde, so lautet die unverblümte Antwort: überaus angenehme und für meine Arbeit nützliche.

Wie ist es bei den Dreißigern mit den Gefühlen?

Dath: Fragen nach Gefühlen muss man nur bei Scheintoten stellen, bei allen anderen versteht es sich von selbst, dass sie welche haben. Es kommt darauf an, was sie daraus machen.

Was lernen wir von Paul Dirac?

Dath: Ich habe lernen dürfen, dass die Beschäftigung mit einem weltlichen Heiligen mein eigenes Leben und das Leben der Menschen um mich verändert, dass es den Alltag bannen, das moralische Erschlaffen und intellektuelle Ausleiern aufhalten kann, dass es einen fordert, sich zu fragen, was man eigentlich selber für wahr hält, wie man eigentlich leben will.

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