Mahmoud Darwish, Foto: Foto: Mahmoud Dabdoub/Verlag A1Geschichte ist ein Biest
Der palästinensische Schriftsteller Mahmoud Darwish über die Post-Arafat-Ära und die politische Botschaft der Poesie
Interview von
Inge Günther in der Frankfurter Rundschau, 12.1.2005:

Frankfurter Rundschau: "Was wir von dem gewählten Präsidenten wollen" lautet ein Offener Brief an die palästinensische Öffentlichkeit, den Sie als prominentester von 500 Unterzeichnern signiert haben. In ihm wird gefordert, auf Gewalt zu verzichten, ohne faule Kompromisse einzugehen. Welcher Wunsch steht für Sie vorne an?

Mahmoud Darwish: Sich besonders auf Demokratie und eine freie Gesellschaft zu fokussieren. Unser nationales Hauptproblem ist die israelische Besatzung. Aber das heißt nicht, dass wir alles andere hintanstellen müssen, bis die Okkupation beendet ist.

Sehen Sie nach dem Tod von Yassir Arafat neue Friedenschancen?

Ich sehe eine Produktion internationaler Illusionen, die glaubt, dass mit Arafat das Haupthindernis für Frieden verschwunden ist. Ich glaube, dem ist nicht so. Keiner kann die Konzessionen eingehen, zu denen er in der Lage gewesen wäre. Ein Hindernis war Arafat eher auf dem Weg zu Reformen, bei der Bekämpfung von Korruption.

Insofern tun sich doch neue Chancen auf?

Arafat hat unseren Alltag bis in die Details hinein dominiert. So sehr, dass schon eine gefährliche Abhängigkeit entstand. Jetzt brauchen wir keinen neuen Arafat sondern gutes Management.

Zielt der "Brief der 500" nicht vielmehr darauf ab, die neue Autonomieführung auf die nationalen Prinzipien zu verpflichten?

Ich denke, der Brief ermutigt die künftige Regierung, Verhandlungen zu versuchen, einen neuen Friedensprozess mit Israel. Gleichzeitig fürchte ich, dass wir einen weiteren Rückschlag erleben werden. Was wir von Ariel Scharon zu erwarten haben, sind vier Neins: Er will den Palästinensern weder einen Staat in den Grenzen von 1967 geben, noch Ost-Jerusalem. Auch lehnt er das Rückkehrrecht der Flüchtlinge ab und einen Stopp des Siedlungsbaus in der Westbank. In gewisser Weise hat Scharon uns mit seinen Neins von unseren Illusionen befreit. Ich erwarte keinen wirklichen Friedensprozess, weil die Ausgangslage so klar ist: Wir Palästinenser können nicht auf mehr verzichten, als wir schon verzichtet haben. Die Israelis sind nicht zu mehr bereit, als Scharon uns bietet.

Mahmoud Abbas will als Präsident verstärkt auf die internationale Gemeinschaft setzen. Teilen Sie seine Hoffnung?

Vielleicht werden die Israelis und Amerikaner eine Lösung zu erzwingen versuchen. Die wird sich nicht von Scharons Position unterscheiden. Also wird die Intifada weitergehen.

Selbstmordattentate haben nur der palästinensischen Sache geschadet. Sie lieferten Scharon die Rechtfertigung, den Sperrwall in der Westbank zu bauen.

Als Abbas Premier unter Arafat war, hat er die Hamas von einem Waffenstillstand überzeugt. Ich glaube auch nicht, dass Scharon einen Vorwand für seine Vorhaben braucht. Israelische Militäraktionen sind geradezu Einladungen an die Hamas zu Aktionen ihrerseits. Jetzt ist ein Moment der Glaubwürdigkeit für Israel und die USA gekommen. Arafat ist nicht mehr - was werden sie uns geben? Lassen Sie uns sie testen!

Ist Abbas einer solchen Aufgabe gewachsen? Charisma wird ihm nicht gerade nachgesagt.

Charisma ist etwas für Festivals. Heute brauchen wir keine charismatische Persönlichkeit; damit lassen sich keine Probleme lösen. Arafat hat zwar sein Charisma genutzt, um dem Volk Kompromisse (wie in Oslo, die Red.) als nationale Errungenschaften zu verkaufen. Aber die aktuelle Tagesordnung betrifft bescheidenere Fragen. Außerdem lässt sich Charisma lernen, etwa von guten Redenschreibern.

Wären Sie bereit, Abbas ihre intellektuellen Fähigkeiten anzudienen?

Ich schreibe Gedichte, keine Artikel darüber, was zu tun ist. Ich habe darauf keine Antworten. Die Botschaft meiner Poesie vermittelt den Palästinensern das Gefühl, menschliche Wesen zu sein, ihren Frieden mit dem Leben zu finden. Die Poesie gibt ihnen etwas von dem zurück, was sie verloren haben. In ihr spiegelt sich die innere Schönheit unseres Landes.

Ihre frühen Gedichte haben mehr den palästinensischen Befreiungskampf befeuert.

Früher war ich überzeugt, dass das Morgen besser als das Heute sein wird. Inzwischen denke ich, dass es sich umgekehrt verhält. Die Gegenwart ist ambivalenter als die Zukunft, die insofern klarer erscheint, als sie nichts Gutes verheißt. Geschichte ist ein Biest.

Der Poesie scheint Mehrdeutigkeit zu bekommen, oder?

Stimmt, es gibt kein gutes Gedicht über einen Sieg. Aber ich meine noch etwas anderes: Je jünger man ist, desto mehr glaubt man, dass die historische Entwicklung logisch, entlang der Straße des Fortschritts, verläuft. Aber das ist nicht wahr, wenn man bedenkt, was international für fortschrittlich gehalten wird.

Viele Palästinenser sehen Sie als den nationalen Poeten. Wie verstehen sie sich selbst?

Ich will nicht der nationale Dichter sein. Einst war ich es vielleicht. Aber aus dieser Rolle habe ich mich befreit. Diese Art Steuern für mein Heimatland habe ich längst bezahlt. Poesie ist eine lange Reise zu dem Unbekannten. Ein palästinensischer Poet zu sein, bedeutet doch nicht, den Namen Palästina in jedem Gedicht zu erwähnen. Wir haben bewiesen, dass wir Palästinenser sind, na und? Wie beweisen wir, dass wir auch gute Schriftsteller, Musiker, Künstler sind? Heute tue ich, was ich früher nicht gewagt hätte: ein Buch mit Liebesgedichten zu veröffentlichen. Wenn darin "rote Rosen" vorkommen, interpretieren das viele noch immer als Metapher für das "blutende Land". Aber die Reaktionen bei meiner Lesung von Kamasutra-Gedichten in Ramallah haben mich darin bestärkt, wie sehr die Leute Durst auf das Leben haben, auf die schönen Künste. Es nützt doch Israel mehr als uns, wenn wir uns der Welt nur als arme Besätzte präsentieren.

Trotzdem sprechen Sie von dem "bitteren Morgengrauen der Unabhängigkeit".

"Bitter", weil die Frage zu stellen ist, ob es all das vergossene Blut wert war für das wenige, was wir vielleicht bekommen: höchstens 22 Prozent unseres ursprünglichen Landes; ein Staat, der den Namen Palästina trägt ohne tatsächliche Substanz; die staatlichen Symbole ohne wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit.

Wäre Ihnen ein bi-nationaler Staat lieber?

Das ist mein Traum, aber leider Utopie. Um dort hinzugelangen, brauchen wir zuerst eine Zwei-Staaten-Lösung, eine andere politische Kultur. Nur, die jüdischen Siedlungen machen einen palästinensischen Staat unmöglich. Sie sind das eigentliche Hindernis für Frieden. In absehbarer Zeit sehe ich kein Ende des Konflikts. Daher frage ich mich: Plagen die Israelis beim Gedanken an die Zukunft keine Alpträume wie uns?

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