1.) - 2.)
Wiener Wehmut
Der Liedermacher Georg Danzer ist gestorben
Von Stefan
Radlmaier aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 23.06.2007:
Der österreichische
Liedermacher Georg Danzer ist tot. Er starb im Alter von 60 Jahren an den Folgen
von Lungenkrebs. Sein Tod wurde gemäß seinem letzten Willen erst nach der Einäscherungszeremonie
im engsten Familienkreis bekanntgegeben.
Die Musik-Karriere von Georg Danzer begann 1975 mit einer Hommage an das Wiener
Café Hawelka: Das Dialektlied «Jö Schau» machte den Sänger mit einem Schlag
in Österreich bekannt. Damals war der «Spätzünder» aus Wien schon fast 30
Jahre alt und der Austria-Pop gerade der letzte Schrei. Neben Wolfgang Ambros
und Rainhard Fendrich zählte Georg Danzer zu den erfolgreichsten Dialekt-Sängern.
Als «Austria 3» feierte das Trio vor einiger Zeit ein beeindruckendes
Comeback.
Die große Zeit von Danzer fiel mit der Blütezeit der Liedermacher und der
Friedensbewegung Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zusammen. «Feine
Leute», «Notausgang» und «Ruhe vor dem Sturm» hießen einige der wichtigen
seiner insgesamt 40 Alben. Dann wurde es ruhiger um den
sympathisch-nachdenklichen Sänger. Zu privaten Schwierigkeiten kamen Probleme
mit dem Finanzamt. Danzer lebte einige Zeit in Hamburg und in Spanien, versuchte
sich als Romancier und Übersetzer.
Letztes Jahr wurde bei dem langjährigen Raucher Lungenkrebs diagnostiziert. Mit
der Krankheit ging Georg Danzer offen um; sie ist das zentrale Thema in seinem
letzten Buch «Jetzt oder nie». Noch im vergangenen April stand Danzer auf der
Bühne.
Auch in Nürnberg war der Sänger und Gitarrist häufig zu Gast: Bei Konzerten
in der Meistersingerhalle ebenso wie beim Bardentreffen oder bei Auftritten mit
«Austria 3».
In einem Interview mit dieser Zeitung sagte Danzer einmal: «Den Austro-Pop
gibt’s nicht mehr. Der Dialekt war einmal für die Jugend sehr wichtig als
Identifikationsmittel. Die Jungen haben damals bewusst im Dialekt gesprochen, um
sich abzugrenzen von den Spießbürgern. Die Hochsprache ist für die Österreicher
eigentlich eine Fremdsprache. Oder wie es H.
C. Artmann ausgedrückt hat: Der Dialekt ist das Hemd, die Hochsprache der
Rock. Doch mittlerweile ist der Dialekt salonfähig geworden und damit out.»
Danzer bleibt in jedem Fall als singender Dialekt-Dichter in Erinnerung.
Den kompletten Nachruf von Stefan Radlmaier finden Sie in den Nürnberger Nachrichten!
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2.)
Es war die Zeit, als die Schlurfs von jenen abgelöst wurden, zu denen ältere Herrschaften „Beatle“ sagten, weil ihre Haare fünf Millimeter über den Ohrenbügeln hingen. Die kleine Revolution lag in der Luft, und der ORF musste Vorsicht walten lassen. Also nahm die Anstalt die Lieder für die von Eva-Maria Kaiser moderierte Talentesendung vorher auf. Und der Arrangeur fragte den hoch aufgeschossenen jungen Mann, der da im Duo mit der Sängerin Nikki antanzte, um die Welt von seinem Talent zu überzeugen: „Hast du Vorstellungen, wie das klingen soll?“
„In meiner damaligen Blödheit und Ignoranz wusste ich nicht recht, was ich sagen sollte. Dann hörte ich mich antworten: ,A Fagott warad gaunz schee...‘“, erinnerte sich der große Liedermacher im Interview mit der „Presse“ im letzten Herbst. Auch daran, dass dieses Lied „ein verkopfter, intellektuell sein wollender, poetischer Text mit dem Titel ,Du suchst im Spiegel dein Gesicht‘“ war. In Gerhard Bronners TV-Sendung „Showfenster“ lief sogar eine Verfilmung. „Bronner prophezeite mir eine Weltkarriere“, kommentierte Danzer: „Da hat er sich ein bissl geirrt...“
Georg Danzer begann seine Karriere gemächlich. Am 7.Oktober1946 als Sohn eines Magistratsbeamten geboren, studierte er ein wenig Philosophie und Psychologie, ging längere Zeit auf Reisen, ehe er mit der Kunst ernst machte. Gedichte geschrieben hatte er schon mit 13. Es waren dann die Beatles, die ihm bewusst machten, dass man Lyrik ja mit Musik kombinieren könnte. Für den einzelgängerischen, introvertierten Knaben tat sich eine Möglichkeit auf, sich vom Gaudenzdorfer Gürtel aus der Welt mitzuteilen, vielleicht bis Atlantis...
1967 startete er die ersten Versuche, 1968 erschien seine erste Single „Vera“, sie floppte gnadenlos. Also komponierte er zunächst für andere: Margot Werner und Erika Pluhar waren die Ersten, die ihm vertrauten. Unter dem Einfluss Helmut Qualtingers und H.C. Artmanns begann Danzer 1971 als Mitglied der Gruppe „Madcaps Malformation“ Dialekttexte zu schreiben. Das war der Beginn von dem, was später „Austropop“ genannt wurde, eine Bezeichnung, mit der Danzer nie wirklich glücklich war.
Seine Solokarriere begann er 1971 mit der Single „Der Tschick“ anonym. Ab 1972 markierte er mit superben Langspielplatten wie „Honigmond“, „Tätowierer und die Mondprinzessin“ und „Ollas leiwaund“ sein Territorium. Den Massengeschmack streifte er erst 1975 mit „Jö schau“, wo er von einem Nackerten im Café Hawelka berichtete: ein bewusster Versuch, im Kielwasser von Wolfgang Ambros' Hit „Zwickt's mi“ zu reüssieren. Er glückte: Platz eins in Österreich. Im selben Jahr nahm Ambros eine Coverversion von Danzers Selbstmord-Song „Heite drah i mi ham“ auf, wo sich der Protagonist die Pulsadern in der Badewanne aufschneidet und sich das Wasser dann „bluatig rot“ färbt, „wia da letzte Sonnenuntergang in Jesolo“.
Ab Ende der Siebzigerjahre wurde Danzer mit Alben wie „Traurig, aber wahr“ (1980) auch in Deutschland zum Star, mit seiner unnachahmlichen Mischung aus introspektiven, poetischen Liedern, druckvoll musikalisierter politischer Kampfrhetorik der 68er-Generation, sanften erotischen Songs voller Ironie. Ein Einbruch kam 1984 mit einem Motorradunfall, es folgten die Scheidung von seiner ersten Frau und Schwierigkeiten mit dem Finanzamt. Danzer zog nach Spanien, betätigte sich als Übersetzer des Romanciers Manuel Vicent. Nach einem zweijährigen Intermezzo in Deutschland zog er erst 1990 wieder in sein sprachliches Soziotop nach Wien. 1996 dankte ihm die Stadt mit dem „Goldenen Rathausmann“.
Danzers Vorbilder waren stets der ihm in der melancholischen Ironie seelenverwandte Randy Newman, aber auch Bob Dylan, von dem er nie verstand, warum er nicht Galionsfigur einer Generation sein wollte. „Songs wie ,Masters Of War‘ schreibt niemand, dem alles wurscht ist“, sagte er. Ihm war nie „alles wurscht“, das zeigte er mit Liedern wie „Gebt uns endlich Frieden“. Auch für die Organisation SOS Mitmensch setzte er sich ein, 2000 übernahm er deren Vorsitz. In Liedern wie „Blumen in der Hand“ (Kosovo, Mai 2005) agierte er bis zuletzt politisch, konnte der von vielen als Lachnummer gesehenen „Halbmond-statt-Gipfelkreuz“-Causa nichts Lustiges abgewinnen. Tucholsky, meinte Danzer, habe sich auch noch 1938 über Hitler lustig gemacht...
Mit superben Alben wie „Von Scheibbs bis Nebraska“ und „Träumer“ (Juni 2006), auf dem er auffällig häufig Gevatter Tod erwähnte, schloss er in den letzten Jahren an seine großen Erfolge an. Dann, im Juli 2006, wurde der Lungenkrebs diagnostiziert. Im April wurde er noch in der Stadthalle gefeiert, dann wurde er zu müde. Der Abschied begann...
Der rastlose Musiker, für den Kunst vom „Nicht-anders-Können“ kam, hat eine Vielzahl an Liedern geschaffen, die bleiben werden. In einem seiner schönsten Titel, dem beseelt dahingehauchten „Wer ma wirklich is“ sinnierte er in seiner unvergesslich nasalen Art: „Was wird sein, wann nix mehr is? Wird all's sein, wia wann nix g'wesen war? Oder wird's so weitergeh', ohne das ma merkt? Waß ma', wer ma' wirklich is...“
Seine zärtliche Poesie wird fehlen, die Widerhaken, die er in den Fels der Selbstzufriedenheit schlug, werden noch viele Nachgeborene beschäftigen.
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