|
|
Ein Gespräch
mit Sophie
Dannenberg von Christiane Schmidt von der DVA,
März 2004 über ihren Roman
Das bleiche
Herz der Revolution
In gewisser Weise ist Ihr
Roman eine Neubewertung der 68er Generation. Mit Humor und Leidenschaft machen
Sie sich ans Eingemachte. Wieso haben Sie sich dieses Thema gewählt?
Ich komme aus dem linken Milieu und habe das eigentlich erst gemerkt, als ich
nicht mehr dazugehörte. Trotzdem ist mir die Welt der 68er, in der ich
aufgewachsen bin, vertraut geblieben. Noch heute kann ich alle Arbeiterlieder
auswendig, noch heute fühle ich Begeisterung und Wehmut, wenn irgendwo die
Internationale ertönt – es war ja das große Lied meiner Kindheit. Ich sang
es schon, bevor ich lesen lernte. Und weil ich die Bedeutung der Worte noch
nicht kannte, sang ich damals aus vollem Hals: „Die Internationale bekämpft
das Menschenrecht“, anstatt „erkämpft das Menschenrecht“. Inzwischen
weiß ich, daß ich richtiglag. Und doch bleibt mein Lebensgefühl links. Wir
68er Kinder haben Politik, die heute zum Synonym für Sinnlosigkeit und
Langeweile geworden ist, unmittelbar erlebt. Politik und Kindheit waren eins,
die Revolution drang bis in die Kinderzimmer – vom kommunistischen Bilderbuch
bis zum chilenischen Kinderlied, von der Schallplatte mit den Enteignungs-Songs
bis zum Theaterstück über Onanie. An uns Kindern wurden die Ideale der
antiautoritären Erziehung, der Emanzipation, der befreiten Sexualität erprobt.
Daß dabei einiges schiefging, gehört zur Wirklichkeit von 68. Nun wurde es,
für mich zumindest, Zeit, darüber zu schreiben.
Dies ist eines der ersten Bücher aus der Sicht eines Kindes der 68er. Von
dieser Perspektive lebt ein großer Teil des Romans. Was ist das Besondere an
ihr?
Die Kinderperspektive ist ein Filter, der keine Lüge durchläßt. Kitty, meine
Hauptperson, fragt nicht, was die Revolutionäre denken oder wollen. Sie
beschreibt bloß, was sie tun und wie sie sind. Und wer sie sind. Wie in der
Geschichte vom Kaiser und seinen neuen Kleidern: Alle bewundern ihn, und erst
ein Kind bemerkt, daß er nackt ist. Ich habe selbst eine ähnliche Erfahrung
gemacht. Ich dachte immer, der rote Stern sei mein Leitstern, und jeder, der ihn
trägt, ein Held. Irgendwann merkte ich, daß der rote Stern ein
Pubertätspickel war, einer mit fünf Zacken. Aber im Unterschied zu mir
überschreitet Kitty die Schwelle zum Verstehen nicht. Sie spürt die Lügen,
ohne sie zu durchschauen. Sie übersetzt sie in Phantasien, in Sehnsüchte.
Eigentlich träumt sie eher, als daß sie berichtet. 68 ist für sie ein
Alptraum, zu dem es keine Deutung gibt. Und sie wacht nicht auf, sondern träumt
immer gründlicher.
Es gibt aber noch weitere große Themen: Schuld etwa, Verantwortung.
Meinen Sie Emil Caspari, Kittys Großvater? Den Hitlerjungen, Bomberpiloten,
Ritterkreuzträger, Lebemann? Er hat tatsächlich einiges auf sich geladen und
Unglück über andere gebracht. Das eigentliche Verbrechen verrate ich aber
nicht, es wird erst am Schluß des Buches aufgedeckt. Ursprünglich war diese
Figur als Bösewicht konstruiert. Doch während ich über Emil schrieb und
während er im Verlauf der Geschichte immer schuldiger wurde, wuchs er mir immer
mehr ans Herz. Und jetzt möchte ich ihn gegen jeden Vorwurf verteidigen. Beim
Schreiben habe ich gemerkt, daß es Schuld und Leiden in einem gibt, daß auch
der Schuldige leidet. Emil muß im Krieg aus Königsberg fliehen, und was ihm
während der Flucht geschieht, ist furchtbar. Diese Figur provoziert zu Fragen,
die wir Deutschen uns immer wieder stellen: Darf jemand leiden, der sich
schuldig gemacht hat? Oder hat er es nicht besser verdient? Wiegt sein Leid
weniger als das des Unschuldigen? Darf man überhaupt darüber nachdenken? Darf
man Mitgefühl haben, oder ist das schon Mitschuld? Letztendlich: Macht Liebe
schuldig?
Sie fächern die Hintergründe der tiefgreifenden gesellschaftlichen
Veränderungen in den 60er und 70er Jahren über drei Generationen auf. Warum
geben Sie der Kriegsgeneration durch die beiden Klammerkapitel ein großes
Gewicht?
Es hat mir immer wehgetan, wie herzlos die 68er mit ihren Eltern verfahren sind,
die doch gebrochen, beschämt und schuldig, aus dem Krieg zurückgekommen waren.
Diese Eltern waren keine Autoritäten mehr, als Deutsche nicht, aber auch nicht
als Väter und Mütter. Und weil man sie aller Autorität beraubt hatte, konnten
sie ihren Kindern keinen echten Halt mehr geben, keine Orientierung, und damit
auch kein Selbstbewußtsein. Die 68er haben die antiautoritäre Erziehung zum
Ideal erhoben, ohne zu ahnen, daß sie damit das eigene Trauma, die Eltern als
so schwach erlebt zu haben, mit ihren eigenen Kindern wiederholten. Der Schrei
nach der Revolution war vor allem ein Schrei nach den verlorengegangenen
Autoritäten. Stalin, Mao, Castro und selbst Pol Pot waren blutiger Ersatz –
was erst im Rückblick klar wird. Um 68 zu verstehen, habe ich also versucht,
die Vorgeschichte zu verstehen, die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration, die
Trauer, die Scheu. Denn 68 ist das Kind von 45.
Also haben Sie einen politischen Roman geschrieben?
Ja, der Roman ist durch und durch politisch, genaugenommen sogar links. Denn er
geht nach linken Prinzipien vor: Er demontiert Autoritäten, er entlarvt
Herrschaftsstrukturen, er stellt sich auf die Seite der Schwachen und
Unterdrückten. Trotzdem folgt er einem anderen Politikbegriff als dem der 68er.
Die 68er sind von einer schematisierten Welt ausgegangen. Ich kann mich zum
Beispiel an die Inszenierungen des Berliner Gripstheaters erinnern. Als Kind
habe ich die Schallplatten dazu so oft gehört, daß ich sie noch heute
auswendig kann. Da wurden in aufputschenden Songs regelrecht
Handlungsanweisungen gegeben, wie Kinder ihre Eltern demontieren sollten. Am
Ende stand das Ideal der glücklich zerstörten Familie und damit der
fortschrittlichen Gesellschaft. Die 68er waren unfähig, Tragik überhaupt
wahrzunehmen. Als ich die März-Hefte über antiautoritäre Erziehung und das
berüchtigte Kursbuch 17 las, wurde mir das besonders deutlich. Die 68er
glaubten, daß Kinder, wenn man sie ihren Kot an die Wand schmieren läßt oder
ihnen einen Geschlechtsakt vorführt, zu aufgeklärten Menschen würden. Sie
haben außer acht gelassen, daß es auch das Irrationale gibt, die Gefühle, die
Sehnsüchte, auch das Abgründige und Gefährliche. Obwohl sie davon
profitierten. In meinem Roman versuche ich, dieser rationalistischen
Programmatik einen poetischen Politikbegriff entgegenzusetzen, der auch den
Menschen, sein Leid und sein Hoffen, einbezieht, fernab von Ideologien und
Verwertungen.
Das klingt, als hätten Sie einen sehr ernsten Roman geschrieben. Dabei liest er
sich doch im Gegenteil wie eine humorvolle, freche Satire.
Während meiner Recherchen zu diesem Roman habe ich oft gelacht. Die 68er haben
sich so ernstgenommen! Das macht sie komisch. Sie benahmen sich, als könnten
sie mit einem Vollversammlungsbeschluß im Audimax die Vereinigten Staaten zur
Kapitulation in Vietnam zwingen. Sie kämpften darum, sich auf ihrem Babyspeck
einen Fidel-Castro-Bart zu züchten. Einige solcher Szenen sind in den Roman
eingeflossen. Aber letztlich ist Komik nur auf dem Boden eines tragischen
Weltverständnisses möglich. In einer Sequenz zum Beispiel soll Kitty ihren
Vater an einen Stasi-Agenten verraten. Sie durchschaut das nicht. Also macht sie
ihren Verführer durch ihre naiven Reaktionen zur Witzfigur, bis er schließlich
aufgibt. Mit dieser Szene verbindet sich der Wunsch, daß doch die Unschuld
über das Böse siegen möge, über raffinierte Verkommenheit, daß der
Mißbrauch an der Unschuld des Kindes scheitere. Dieser Wunsch ist nicht
komisch, er ist ein Verweis auf die schmerzhafte Wirklichkeit. Und bei aller
Satire ist doch die Klammer des Romans tragisch. Er beginnt mit einem Scheitern
und endet mit einem Scheitern. Am Schluß wird die Hoffnung liebevoll
verabschiedet. Was bleibt, ist der Gedanke, daß es Freundschaft gibt, die die
Zeiten überdauert, aber die nicht herausposaunt wird, sondern sich in
zärtlicher Stille zum Ausdruck bringt. 68 hatte keinen Sinn für das Feine.
Alles war grob und laut. In diesem Roman wird dem das Leise und Behutsame
entgegengesetzt. Das ist mir noch wichtiger als das Lachen.
Mit Hieronymus Arber kommt eine schillernde Figur ins Spiel. Er gehört zur 68er
Generation, steht aber zwischen den Fronten. Zunächst bietet er sich dem Leser
als Identifikationsfigur an, am Ende versagt er aber oder gehört doch zumindest
zu den Verlierern. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?
Mich hat die Verwandlung eines fröhlich-fortschrittlichen Wissenschaftlers in
einen gebrochenen und diese Gebrochenheit akzeptierenden älteren Herrn
interessiert. Arber wird das Opfer einer großangelegten akademischen Intrige.
Statt ein einflußreicher Professor in Harvard zu werden, landet er an
irgendeiner pädagogischen Fachhochschule in Niedersachsen. Auch sonst verliert
er alles, was ihm wichtig war. Ich wußte beim Schreiben lange nicht, was aus
dieser Figur noch werden sollte. Dann kam es zu einer auch für mich
überraschenden Wendung. Statt sich aufzugeben, gibt Arber sich hin. Er rettet
einen Menschen, nämlich Kitty, indem er ihn vom Fluch seiner Vergangenheit
erlöst.
Ein Ort der Handlung ist Frankfurt, und zwar zur Hochzeit des Aufruhrs. In einer
der Figuren könnte man in manchen Passagen Adorno erkennen. Warum waren er und
die Geschehnisse um ihn herum Ihnen als Vertreterin der folgenden Generation
wichtig?
An Adorno hat mich nicht nur seine Brillanz und seine depressive Radikalität
gereizt, sondern seine geradezu weltfremde Unschuld, die auf die anmaßende
Banalität der Studenten trifft und an der er dann auch zerbricht – allerdings
nicht, ohne vorher seine Unschuld zu überwinden und die Studenten in ihrer
geschichtslosen Ahnungslosigkeit zu durchschauen. Kurz vor seinem Tod hat Adorno
einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben (veröffentlicht in der Zeit am 15.
August 1969). In einer für ihn unüblich klaren, tagespolitisch offensiven
Sprache macht er klar, daß die Studenten Handlanger des Faschismus seien. In
diesem Aufsatz wird Adorno vom utopischen Träumer zum realpolitischen Akteur,
zum politisch Handelnden; er erfüllt die Forderung der Studenten, politisch
„relevant“ zu werden – indem er sie erkennt. Es empört mich, daß sich
die 68er bis heute nicht schämen, Adorno als Ikone in Anspruch zu nehmen,
obwohl sie ihn vernichtet haben. Darin sehe ich nicht nur einen ideologischen,
sondern auch einen menschlichen Mißbrauch.
Sie gehören derselben Generation wie eine Ihrer Hauptfiguren, Kitty Caspari,
an. Hat der Text autobiographische Hintergründe?
Der Roman ist das Märchen eines Kindes, dem 68 keinen Boden unter den Füßen
läßt. Es flieht in den Himmel, versinkt im Eis, es verwandelt sich, um sich zu
finden. Der Roman entscheidet sich nicht, ob die Welt Kitty den Verstand raubt
oder ob Kitty die Welt wieder zur Räson bringt. Eins ist klar: Entweder die
Welt ist verrückt oder Kitty, aber bestimmt nicht beide. Genauso wenig
entscheidet sich der Roman, ob er autobiographisch ist oder fiktiv, ob er einen
Alptraum erfindet oder von der Wirklichkeit erzählt. Oder ob der Alptraum
Wirklichkeit war. Eine wahnsinnige Kitty, die der Welt entflieht, oder eine
wahnsinnige Welt, die nicht mehr weiß, was Unschuld ist.
Wie sind Sie eigentlich auf den Titel gekommen, „Das bleiche Herz der
Revolution“?
Ich bin aufgewachsen mit dem Selbstverständnis, daß ich und die Revolution mit
meinem Herzblut verbunden seien. Mein Erwachsenwerden bestand darin, dieses
revolutionäre Herz ausbluten zu lassen. Das war schmerzhaft, aber befreiend.
Anstatt einer verquollenen, roten Ikone trage ich jetzt in meiner Brust ein
ernüchtertes – wenn man so will bleiches – Verständnis von dem, was 68
ist.