Orangen, bitter und süß
Eine Erinnerung an
Heinz Czechowski, Lyriker und Essayist,
der am 22. Oktober in Frankfurt am Main nach langer Krankheit starb.
Von Gisela Trahms aus dem titel-magazin
vom 2.11.2009:
Mit manchen Menschen hat man eine Geschichte, ohne sie persönlich zu kennen. Vor
einigen Jahren war ich zum ersten Mal in Dresden und betrachtete zweifelnd den
hinter Gerüsten halb verborgenen, mächtigen Baukörper der Frauenkirche – gab es
nicht Dringlicheres zu tun im Osten als ausgerechnet eine Kirche zu
rekonstruieren? Ich fragte Jüngere und Ältere, alle versicherten, wie großartig
und wichtig für sie diese Auferstehung sei. Also änderte ich meine Meinung.
Dann stieß ich im Jahrbuch der Lyrik 2007 auf ein Gedicht mit dem Titel „Zu
Mickel“, von dessen Verfasser ich noch nie gehört hatte: Heinz Czechowski. Das
Gedicht war ein einziger Aufschrei der Empörung angesichts des gefaketen
Wahrzeichens der Stadt. Mein erster Gedanke: Da hat einer Mut. Der stellt sich
einfach quer und zetert. Ich nahm das Gedicht in den Neuen Wort Schatz auf (hier)
und schrieb in meinen Text die ganzen vernünftigen Einwände gegen das Gezeter
hinein und ließ ihm doch sein Recht.
Im September 2008 bat ich den Autor brieflich um die Erlaubnis zur
Veröffentlichung des Gedichts im Netz. Keine Antwort. Es erschien trotzdem und
ich schickte einen Ausdruck an Czechowski, da ich ungern etwas hinter seinem
Rücken tat. Keine Antwort. Flegel, dachte ich. Zeter doch alleine.
Und dann, Mitte Dezember, kam plötzlich eine eng beschriebene Briefkarte, voller
Dank, voller Freude. Er war krank, lebte jetzt in einem Frankfurter Pflegeheim
und konnte nicht weiterarbeiten an dem Gedichtband, der „Zu Mickel“ enthalten
sollte, und ohne dass er es aussprach, war klar, dass er es nie mehr können
würde. Ich musste heftig schlucken und schrieb einen Brief zurück, der
unbeantwortet blieb. Komme ich je nach Frankfurt, nahm ich mir vor, besuche ich
ihn.
Czechowski konnte das Kindheitstrauma der Dresdner Bombennacht nicht vergessen.
Als Querulant kaltgestellt, überstand er die DDR mehr schlecht als recht. Er
unterzeichnete den Protest gegen Biermanns Ausbürgerung, blieb aber. Nach der
Wende wurde er heimatlos: Im Osten nicht mehr zu Hause, im Westen nicht Fuß
fassend. Auf Stipendien von da und dort angewiesen, wechselte er die Wohnorte.
Schließlich wurde er krank.
Der Zorn über die „geklonte Kuh“ der Frauenkirche wird in „Zu Mickel“ eingerahmt
von niederschmetternden Befunden: Alles vergeht, nichts bleibt. Von seinem
berühmten Liebesgedicht „An der Elbe“ (das
hier diskutiert wird) lässt er später in einem „Best of“-Sammelband
nur noch die wunderbare erste Zeile drucken. In „Zu Mickel“ ist sie noch einmal
gekürzt. Eine Selbstverstümmelung ist das, ein Wüten gegen einstige
Lebensträume, gleichzeitig ein tieftrauriges Horchen auf den Nachhall des
geglückten Gedichts.
Ein anderes Gedicht beginnt:
Die Bitterkeit auf meiner Zunge
Rührt nicht von der Orange, die ich soeben verzehrte.
Es ist eine Bitterkeit, die nicht vergeht.
Ein elegischer Ton, und man fürchtet schon das Jammerlied. Aber nein: Dazu war
er zu unduldsam und zu klarsichtig. Neben der Wehmut stand immer die Lakonie.
Und dass Orangen auch süß sein können, wird nicht geleugnet. In dem schon
erwähnten Jahrbuch findet sich eine Auseinandersetzung mit
Pablo Neruda, die
folgende Verse enthält:
In einem italienischen Ristorante
Am Rande der Straße,
Das menschenleer war,
Trank ich einen Kaffee.
Der Padron empfing ein junges Mädchen.
Er ging mit ihr durch die Tür.
Kurze Zeit später hörte ich über mir,
Wie er sie vögelte.
Die Decke bebte.
Mein Gott, dachte ich mir, hört denn das nie auf?
Man lächelt, wenn man es liest. Aber worauf zielt dieser Stoßseufzer eigentlich?
Was hört nie auf? Missbrauch und Ausbeutung, über die sich Czechowski zeitlebens
erregte? Oder dass die Menschen hinter dem Vögeln her sind wie verrückt? Und
dass es sogar manchmal mit Liebe zu tun hat? Auch die hört nie auf, und schon
wechselt das Licht.
Ich bin nicht nach Frankfurt gekommen und habe Heinz Czechowski nicht
kennengelernt. Ich schaue auf die entschiedenen, schon etwas krakeligen
Schriftzüge der Briefkarte und denke: Doch. Ein bisschen kenne ich dich.
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