Das Herz liebt noch immer
Schwarzseher für Schmusestunden. Zum 70.
Geburtstag von Leonard Cohen
von Thomas Burmeister aus dem Münchner
Merkur, 20.9.2004:
Er ist der große Melancholiker, ein Schwarzseher mit einschmeichelnder Stimme. Doch er ist auch der Sänger für Schmusestunden bei Rotwein und Kerzenlicht. Er lacht selten, ist aber trotzdem kein Griesgram. Und obwohl er im Musikgeschäft als Außenseiter gilt, hat er seine Alben weltweit mehr als elf Millionen Mal verkauft. Heute wird Leonard Cohen 70 Jahre alt. Grund genug für den Poeten der Tristesse, die Fans nach drei Jahren des Schweigens mit einem neuen Album zu beglücken.
Das Herz, es liebt immer noch, ist da zu
erfahren. Und auch, dass die Nächte selbst mit 70 immer noch zum Lieben da sind
und dass die Tage daher viel zu früh anbrechen. Auf "Dear Heather" -
die CD erscheint am 25. Oktober bei Sony - finden Fans bestätigt, was sie schon
eine Ewigkeit wissen. Frei übersetzt: "Wegen ein paar Songs, in denen ich
ihre Rätselhaftigkeit besang, waren Frauen außerordentlich gut zu mir, bis in
die alten Tage."
Das hat der Kanadier aus Montré´al schon immer gut gekonnt. Sich mit seiner
leicht heiseren, dunklen Stimme voller Melancholie und seinen hingebungsvoll
traurigen Liebesliedern in Mädchenträume einzuschleichen. Mit Songs wie
"Suzanne", "So Long, Marianne" oder "Lover, Lover,
Lover" hat er den Fundus der Kuschelsongs nachhaltig bereichert. Doch Cohen
konnte auch schocken, konnte mit Horrorvisionen verschrecken.
In dem Song "Democracy" malte er für das so gepriesene
Gesellschaftsmodell der freien Welt eine apokalyptische Zukunft aus. Als ihn das
US-Musikmagazin "Rolling Stone" fragte, ob er nicht doch ein wenig
Hoffnung für die Demokratie habe, gab Cohen eine seiner verwirrenden Antworten:
"Ich gebe verdammt wenig auf meine eigenen Meinungen. Ich finde meine
Ansichten sehr ermüdend und sehr vorhersagbar."
Stets habe er versucht, seine Meinung möglichst wenig in den Songtexten zum
Vorschein kommen zu lassen. "Deswegen kostet es mich stets so viel Zeit,
dieses Zeug so zu schreiben, dass es unterhalb der Ebene der Überzeugungen
bleibt, unter den Slogans, den Standpunkten." Dazu passt, dass der
Abkömmling russischer Juden in seinen politischen Äußerungen selten klar
verstanden wurde. Bei einem Konzert im Berliner Sportpalast fragte er sein
Publikum einmal: "Wollt ihr den totalen Krieg?"
Noch am ehesten, so Cohen, habe seine Seele sich im Zen-Buddhismus zu Hause
gefühlt. Doch am Ende stehe die Erkenntnis, dass keine einzelne Glaubens- oder
Denkschule Patentlösungen parat hält. Trost ließe sich immerhin finden sowie
die eine oder andere Vision. Und hat er nicht 1987 in dem Song "First We
Take Manhattan" quasi den Fall der Berliner Mauer vorhergesagt?
1967 erschien seine erste LP. Da war er bereits 33. "Songs Of Leonard
Cohen" fand sofort eine Fangemeinde, die ihm von Album zu Album bis heute
die Treue hält. Ganz egal, ob nun jeder seiner Songs wirklich verstanden wird,
denn darauf kommt es nicht einmal dem Meister der Melancholie selbst an.
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