John Maxwell Coetzee , 2000, Foto: Ekko von Schwichow

J.M. Coetzee
Foto: Ekko von Schwichow

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Ein intellektueller Held.
Zum Nobelpreis von J. M. Coetzee
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 3.10.2003:

Ein intellektueller Held
Nobelpreis für J. M. Coetzee: Eine Entscheidung für die Weltliteratur, die in Kapstadt keinen großen Jubel auslösen konnte.

Die Hörfunk-Redaktionen bekamen erst einmal Nachhilfe-Unterricht: Der Name des neuen Literaturnobelpreisträgers spreche sich nicht etwa "Koitschia", sondern "Kudzie" aus, mit Betonung auf dem i. Und die Spekulationen über seine Vornamen reichten von Jean Marie bis James Michael, während sich die Schwedische Akademie bei der Bekanntgabe des Gekürten am Donnerstag auf John Maxwell festlegte.

Kein billiges Theater der Reue

Wohlvertraut ist der 1940 in Kapstadt geborene J. M. Coetzee denn auch nicht als öffentliche Person, sondern als Namenszug auf den Umschlägen herausragender Romane wie "Schande", "Warten auf die Barbaren" oder "Eiserne Zeit". Romane, die das Unterdrückungssystem der Apartheid nicht spiegeln, sondern bis in die seelischen Feinfasern hinein durchdringen - um jene Mechanismen zu erfassen, die die einstige Herrschaft der Weißen in Südafrika als eine von vielen Möglichkeiten kennzeichnen, Macht über Menschen auf unmenschliche Weise zu missbrauchen. Dass die Missbrauchten ein deformierter Teil dieses Systems sind, dass aber auch die Missbraucher zu seinen Opfern gehören, das schildert noch beinahe jedes der gar nicht so zahlreichen Bücher von Coetzee. Als ausgebildeter Linguist weiß er, dass Unterdrückung auch der Sprache tiefe Wunden schlägt, dass unsäglich und unsagbar auf der Folter dicht beieinander liegen. So hat Coetzees Richter, der ein ganzes Buch lang vom "Warten auf die Barbaren" erzählt, nicht einmal einen Namen.

Coetzee ist ein Autor mit nur einem Thema, aber er behandelt das wichtigste, das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Macht. Stets auf Kafkas Spuren, auch dort, wo er die Selbstabschirmung der Macht zeigt. Er sei, so begründete das Stockholmer Nobel-Komitee seine Entscheidung sehr zutreffend, "schonungslos in seiner Kritik der grausamen Vernunft und der kosmetischen Moral der westlichen Zivilisation. Seine intellektuelle Ehrlichkeit zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich vom billigen Theater der Reue und des Bekenntnisses."

Dass trotz der weltweiten Zustimmung zur Preisvergabe der Jubel in Südafrika ausblieb, mag daran liegen, dass der seit Jahren zum Nobel-Kandidatenkreis zählende, selbstverständlich aber von der Nachricht "völlig überraschte" Coetzee nach Nadine Gordimer der zweite Nobelpreisträger des Landes innerhalb von zwölf Jahren ist - und die weiße Hautfarbe inzwischen in gewisser Weise zum Handicap wurde. Immerhin nannte Nelson Mandela den neuen Nobelpreisträger einen "intellektuellen Helden", auch wenn er nach Australien ausgewandert sei. Der ANC jedenfalls ging ihn noch jüngst rüde an, als mit "Schande" ein erster Roman erschien, der im Südafrika nach der Apartheid spielt und doch vor Augen führt, dass seelische, soziale und sprachliche Wunden durch einen Regierungswechsel nicht zu beseitigen sind. Vielleicht liegt die verhaltene Reaktion aber auch nur daran, dass Coetzee im Ausland ungleich bekannter ist als in seiner Heimat.

Gegen die Quote

Immerhin: Mit der Entscheidung für Coetzee hat sich das Nobel-Komittee auch immun gegen Quotierungen und außerliterarische Kriterien gezeigt: In der Logik einer Kontinente, Geschlechter und Hautfarben wechselnden Preisvergabe wäre mindestens eine afrikanische Lyrikerin an der Reihe gewesen. So aber hat es einen Mann der Weltliteratur getroffen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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