Lena Christ, Die Glückssucherin (2012, LangenMüller, von Gunna Wendt)Lena Christ: Erinnerungen einer Notwendigen
Es ist die letzte Schau vor der Renovierung des Literaturarchivs: Die Münchner Monacensia verneigt sich vor Lena Christ als Glückssucherin.

Von Simone Dattenberger aus dem Münchner Merkur, 02.07.2012:

Es gibt Bücher, die ein Bayer und einer, der dieses Land und seine Leut’ verstehen möchte, gelesen haben sollte. Dazu gehört Lena Christs Werk „Erinnerungen einer Überflüssigen“. Die Münchner Monacensia besitzt seit 2010 den Nachlass der Schriftstellerin. Übrigens nicht nur Urkunden, Erstausgaben, Manuskripte oder Briefe, sondern auch die „Künikammer“-Stücke. Also die Sächelchen der „Königskammer“ von Lenis Oma aus dem Glonner Hansschusterhaus. Jene Wunderkammer war ein verbotenes Refugium, in das die Kleine natürlich eindringen musste. In der Ausstellung „Lena Christ – Die Glückssucherin“ konnte die Monacensia nun diese Ketterl, Ziernüsse, ziselierten, ausgehöhlten Holzeier, innen bestückt mit winzigen religiösen Szenen, geweihten Wachsstöcke und auch den Nippes und ein bissl Porzellan und Glas sogar präsentieren wie die Preziosen einer königlichen Schatzkammer.

In diesem Raum wird außerdem gezeigt, wodurch uns heute die Künstlerin vor allem präsent ist: durch die Verfilmungen ihrer Romane „Madam Bäurin“ mit Julia Stemberger (Regie: Franz Xaver Bogner, 1993) und „Die Rumplhanni“ mit Monika Baumgartner (Regie: Rainer Wolffhardt, 1981). Die kleine Kinostation wird durch ein Christ-Fernsehporträt ergänzt. So wie die Schau von der gleichnamigen Biografie. Gunna Wendt zeichnet sowohl für das Buch wie die Exposition verantwortlich. Sie hatte bereits den „Traum vom Schreiben“ kuratiert und betont, jetzt nicht mehr die erschütternde Seite der Lena Christ (1881-1920) herausarbeiten zu wollen, sondern vielmehr die „aktive Frau“. Gerade weil sie sich als „Überflüssige“ gefühlt und definiert habe, habe sie sich „neu erfinden“ können. In der Tat ist der Weg vom unehelichen Kind einer Köchin aus dem Ebersberger Land über die Schriftstellerin mit königlichem Orden bis zur verzweifelten Betrügerin, die den Freitod wählt, schon ziemlich extrem. Vorhersehbar war insbesondere die künstlerische Laufbahn des Glonner „Lausdirndl“ absolut nicht.

Die Ausstellung, die von Gestalterin Katharina Kuhlmann wieder wunderbar betrachterfreundlich und optisch elegant, aber auch bodenständig in die schwierigen Räume gezaubert wurde, folgt dem Lebenslauf. Die farbigen Zitat-Girlanden an den Wänden lassen vor allem Christ-Texte zu Wort kommen und ziehen einen sogleich in ihre Sprache – machen Lust darauf weiterzulesen. Nostalgisch anmutende Fotofahnen sind bestickt, wie man es früher bei Deko-Küchentüchern hatte. In Münchens Literaturarchiv und Bibliothek wird zum Beispiel ein bayern-barocker Wolkenhimmel mit dem Spruch „Ich lief mit dem Sturm über die Wiesen und suchte ihn zu überschreien“ kombiniert. Die frühe Kindheit bei den Großeltern war wunderschön.

Lena lebte dort Liebe und Freiheit.

Das änderte sich, als sie von ihrer Mutter, die mittlerweile geheiratet hatte, nach München geholt wurde. Lena wird von der brutalen Frau, deren Zuneigung sie nie wird gewinnen können, als billige Arbeitskraft in der eigenen Wirtschaft eingesetzt. Zumindest lernt die „Wirtsleni“ sich dort durchzusetzen, genießt die Männerbewunderung und das Flirten.

Die Qualen des Madls müssen dennoch fürchterlich gewesen sein. Denn als der letzte Zufluchtsmensch, Opa Mathias Pichler, 1894 stirbt, will sie sich umbringen. Eine erste Ermutigung kommt von einem Geistlichen, der sie zur Solosängerin in seiner Pfarrei macht. Damit tut sich eine erste „Fluchtlinie“ für Lena Christ (so der Name ihres biologischen Vaters) auf, wie es Gunna Wendt formuliert. Lena versucht, ihr im Kloster Ursberg als Novizin und Musikkandidatin zu folgen – erfolglos. Zurück bei der Mutter muss sie wieder deren Gewalttätigkeit erdulden und will erneut in den Tod gehen. Die nächste „Fluchtlinie“ ist die Ehe (1901) mit Anton Leix, einem Buchhalter. Mit ihm hat sie die Kinder Anton, Magdalena und Alexandra. Die „Glückssucherin“ ist unterwegs – aber sie macht keine Kompromisse. Also scheitert diese Ehe, Lena kommt in Not. Ihren Sohn verliert sie ohnehin an die Schwiegereltern, ihre Töchter müssen ins Heim, als sie schwer krank wird. Ein soziales Netz gab es damals so gut wie nicht. Außerdem hatten Frauen keine vernünftige Berufsausbildung. Verelendung war ihnen quasi vorbestimmt.

In dieser Ausweglosigkeit öffnet sich für Lena eine neue „Fluchtlinie“: das Schreiben. Bei Peter Jerusalem (er nannte sich Benedix) hat sie eine Anstellung gefunden. Sie nimmt seine Diktate auf, er nimmt ihr erzählerisches Talent wahr – und macht ihr Mut. Die „Erinnerungen einer Überflüssigen“ entstehen – auf einer Parkbank vor der Neuen Pinakothek. Und ein neues Eheglück winkt – mit diesem Mann, der sie unterstützt. Im Krieg zerbricht auch diese Beziehung. Im Krieg erlebt sie gleichzeitig ihren größten (damaligen) Erfolg mit den Geschichten „Unsere Bayern anno 14“. König Ludwig III. empfängt sie und dekoriert sie mit dem Ludwigskreuz, jetzt zu sehen in einer Monacensia-Vitrine. Zusammen mit dem unvollendeten Romanmanuskript „Kaspar Glück und seine Frauen“.

Auch Lena Christs Glück zerbröckelt immer mehr. Die Liebe zu einem Sänger ist nur Talmi. „Madam Bäurin“ kommt zwar heraus, aber die Verlage zahlen keine Vorschüsse mehr. Lena Christ ist seelisch, emotional und finanziell am Ende. Sie versucht, ihre Töchter und sich mithilfe eines Betrugs zu retten: Gemälde signiert sie mit berühmten Namen wie Franz von Defregger und verkauft sie als Originale. Das fliegt schnell auf, und sie wird angeklagt. Den Prozess will sie nicht ertragen. Sie regelt akribisch ihren literarischen Nachlass und die Trauerfeier – die Briefe berühren einen tief und seltsam – und setzt auf dem Waldfriedhof mit Zyankali ihrem Leben ein Ende. Auf dem bescheidenen, hölzernen Grabmal steht als Sterbedatum: 31.6.1920. Ein Tag, den es nie gegeben hat. Lena Christ war und blieb eben eine besondere Person.

Bis 26. April:Mo.-Mi., Fr. 10.30-18 Uhr, Do. 10.30-19 Uhr, Eintritt frei, Maria-Theresia-Str. 23.
Buch: Gunna Wendt, „Lena Christ – Die Glückssucherin“. LangenMüller Verlag, München, 254 Seiten; 19,99 Euro.

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