Der traurige Ritter aus der Mancha hat Geburtstag.
400 Jahre Don Quijote: Spanien feiert den Klassiker von Cervantes und erinnert an ein großes Volksbuch
Von Jörg Vogelsänger aus den Nürnberger Nachrichten vom 31.03.2005:

„An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will . . .“. Mit diesen Worten beginnt „Don Quijote“, der Bestseller von Miguel de Cervantes über den fahrenden Ritter und seinen treuen Knappen Sancho Panza. Der erste der beiden Bände erschien im Herbst 1605 - Anlass genug für Spanien, den 400. Geburtstag dieses Klassikers der Weltliteratur gebührend zu feiern. 30 Millionen Euro lässt sich der Staat die Veranstaltungen zum Jubiläum kosten, Dutzende Kongresse, Ausstellungen, Bühnenstücke und Bucherscheinungen locken im „Quijote-Jahr“.

Das Buch erschien in der Blütezeit des „Siglo de Oro“, dem Goldenen Zeitalter der spanischen Kultur, das von den Malern Velázquez und El Greco ebenso geprägt war wie von den Dramatikern Lope de Vega und Calderón de la Barca. Mit mehr als 2000 Auflagen in 70 Sprachen gilt „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“ als das meist verbreitete Buch der Welt nach der Bibel. Absicht des Autors war es, den Leser mit einer teils bissigen Parodie der damals so beliebten wie anachronistisch gewordenen Ritterepen zu unterhalten.

Verarmter Landadeliger

Der größte Verdienst Cervantes’ besteht jedoch darin, unbewusst den ersten modernen Roman der Weltliteratur geschaffen zu haben. Und ein Meisterwerk über Wirklichkeit und Wahrnehmung, das bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Nicht umsonst wird Cervantes in einem Atemzug genannt mit Shakespeare, Goethe oder Dante. „Der Quijote ist unter den Klassikern zudem die einzige literarische Figur, die man sofort als Zeichnung erkennt“, sagt der Philologe Francisco Rico, der nach zehnjähriger Arbeit die wohl am besten dokumentierte Ausgabe des Buches herausgebracht hat. Die Geschichte ist denkbar einfach: Ein verarmter Landadliger namens Alonso Quijano verschlingt einen Ritterroman nach dem anderen, bis er durchdreht und sich entschließt, selbst „jegliche Art von Unbill wiedergutzumachen und sich in Gelegenheiten und Gefahren zu begeben, durch deren Überwindung er ewigen Namen und Ruhm gewinnen würde.“ Also zimmert er sich aus

Pappdeckeln einen Helm, zieht eine rostige Rüstung über, erklärt seinen lahmen Gaul zum Schlachtross Rosinante, den Bauern Sancho Panza zum Knappen und die Dorfpomeranze Aldonza Lorenzo zur edelmütigen Señorita Dulcinea von Toboso. In seinen Abenteuern bezieht der „Ritter von der traurigen Gestalt“ meist reichlich Prügel, sei es im Kampf gegen Windmühlen oder Weinschläuche.

Verlorene Illusion

Thomas Mann nannte den „Quijote“ ein „Volks- und Menschheitsbuch“, Hegel meinte, Cervantes habe den Roman als eine in sich selbst gebrochene, ironische Form geschaffen. Viele werden aber auch Dostojewski Recht geben: „Es ist das traurigste Buch, das je geschrieben wurde, denn es ist die Geschichte einer verlorenen Illusion.“ Viel von Cervantes’ Leben ist bis heute unbekannt. So etwa das Geburtsdatum. Getauft wurde er am 9. Oktober 1547 und gestorben ist er am 23. April 1616, so viel steht fest. „Wir wissen, dass er mit 20 Jahren nach Rom zog, aber nicht warum. Dann ging er nach Lepanto, aber niemand weiß, wie. Er nahm an der Schlacht gegen die Türken teil, später geriet er in die Gefangenschaft algerischer Piraten. Vier Mal versucht er zu fliehen, und vier Mal überlebt er“, stellt der Hispanist Jean Cannavagio fest.

Den Quijote erfand Cervantes im Gefängnis in Sevilla. Dort landete er, nachdem er sich als Schuldeneintreiber versucht hatte. Als Geburtsort gilt Alcalá de Henares bei Madrid.

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