Im Gedenken
an Ambrosi Carrion.
Von
Melcior Carton [Übers.:
Frank Higasi]
Es bedeutet für mich eine große Ehre, Ihnen Ambrosi Carrion vorstellen zu dürfen. Eine Ehre – gewiss; dennoch vermag sie nicht genügend zum Ausdruck zu bringen, wer dieser große Patriot gewesen ist.
Wer die Möglichkeit hatte, ihn zu erleben, ihn zu hören, ihm zu folgen, wird ihn nicht vergessen können. Aber – warum ihn vergessen?
Von dem persönlichen Erleben können andere besser sprechen als ich. Jedoch von seiner politischen Aktivität im Exil, von seinem Patriotismus, möchte ich Zeugnis ablegen – wenngleich es auch hier andere, Berufenere geben mag.
Wie tausende Gegner Francos, musste Carrion im politischen Exil leben – aber als politischer Exilant unterschied er sich dennoch über all die Jahre und in allen Lebenslagen von ihnen. Niemals hat er den Kampf gegen Franco aufgegeben, den Kampf für die Freiheit.
1966 ist Ambrosi als Präsident des Casal de Catalunya in Paris[1] einer der Anreger, Begründer und Verkünder der F.E.C.E.[2], der alle katalanischen Gruppen in Frankreich zusammenführte – mit dem Ziel, später auch die anderen katalanischen Gruppen in Europa zu vereinigen. Dieser Idee sind wir, ermutigt durch sein Beispiel, mit unserem Herz und aller Begeisterung gefolgt. So haben wir versucht, unseren Freunden in Belgien, Luxemburg, Frankreich, Deutschland und der Schweiz das vorrangige Ziel einer Einheit der Katalanen zu vermitteln.
Von allen unseren Handlungen im Exil, ist eine der ehrenwertesten, wie ich glaube, das leidenschaftliche Beharren auf Brüderlichkeit gewesen. Als die Politiker, reichlich geblendet davon, dass sie die Lenker der Republik und des Krieges gewesen sind, sich in den Kopf setzten, diese Einheit zu verhindern, stritt Carrion mit seiner ihm eigenen patriotischen Beharrlichkeit weiter für die Verständigung der Katalanen. Er nahm an der Commission Coordinadora, genauer: der Koordinierenden Kommission der politischen Kräfte von Katalonien[3], und auch an der Assemblea de Catalunya[4] teil.
Mit Ambrosi Carrion haben wir uns in Paris, Toulouse, Marseille usw. versammelt. Keineswegs sind wir zu Beginn dieser Versammlungen immer einer Meinung gewesen. Wir haben diskutiert, immer wieder die einen gegen die anderen unserer Standpunkte abgewogen. Am Ende jedoch sind wir stets einig gewesen. Es konnte nicht anders sein: Wir haben dasselbe Ziel verfolgt, wir haben für dieselbe Sache gestritten: Unser Land von dem Joch zu befreien, dem es unterworfen war. Wir stritten dafür, Freiheit und Demokratie zu erlangen.
Ich möchte diese Apologie von Ambrosi Carrion beschließen, indem ich uns an die Verse aus La Canço Primavera, einer Dichtung, die am 9. April 1970 in Paris entstanden ist, erinnere:
Vull ésser el poeta dels pobres,
el poeta dels manovres,
dels que no saben llegir,
dels que per parlar reneguen,
dels qui els alès empudeguen,
amb la fetor d'un mal vi.
Ich will der Dichter der Armen sein,
der Dichter der Handwerker,
derer, die nicht lesen können,
derer, die fluchen und spotten,
derer mit stinkendem Atem
von üblem Wein.
Hätte ich diese Worte mit diesen Zeilen eröffnet, wäre es nicht nötig gewesen, weitere Worte anzufügen, da Ambrosi doch sagt: »Ich will der Dichter der Armen sein...«. Ich bin sicher, dass er es war: er hat sie verstanden, sie geliebt und auf den patriotischen Weg der Freiheit geführt.
Als wir ihn 1973 zu Grabe trugen, versprachen wir, die damals Anwesenden, in jenem schrecklichen Moment, seinen Weg – seinen Kampf – fortzusetzen... Wir können bezeugen, dass wir niemals, zu keinem Zeitpunkt, die Erinnerung an ihn aufgegeben haben noch das Versprechen, dass wir in jenem Moment gemacht haben.
Marseille, Mai 1997
[Übers.: Frank Higasi][1]Katalanische Vereinigung, die die in Paris und Umgebung lebenden katalanischen Flüchtlinge zusammenführte (Anm. F.H.)
[2]Féderation d'Entité Catalanes à l'Exile (Anm. F.H.)
[3]Einer Kommission, die v.a. die unter Franco lebenden Arbeiter zusammenführte. (Anm. F.H.)
[4]Einer weiteren Vereinigung, die gegen Franco kämpfte. (Anm. F.H.)
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