Autobiographische
Notizen.
von Ambrosi Carrion
Ambrosi CARRION i JUAN
Geb. in Barcelona (St. Gervasi, gen. Klein-Afrika) am 4. Juli 1888
Mit 14 Jahren habe ich begonnen, meine Gedichte
zu veröffentlichen, hauptsächlich in katalanischen Literaturzeitschriften,
v.a. auf der Literaturseite der Tageszeitung "Poble Català" in
Barcelona.
An der Universität von Barcelona wurde ich als Geisteswissenschaftler
ausgebildet.
Meine erste Tragödie Tribut al Mar wurde im Mai
1911 im Theater ROMEA aufgeführt.
Den Schwerpunkt meiner Arbeit hat immer das lyrische Theater gebildet.
Meine Stücke habe ich, als Regisseur, bei den Sessions d'Art au Theatre Auditorium zur Aufführung gebracht; erste Schauspielerin dort war Mercé Nicolau. Außerdem bei den Cicles Historics del Theatre Català; dort entdeckte ich als wichtigste Schauspielerin Maria Vila. Ferner bei dem Festival Aurea des Griechischen Theaters von Montjuic; Nero und Aktea schließlich im Liceo in Barcelona.
Inzwischen lebe ich als Lehrer in Paris, schreibe Artikel für Zeitschriften und halte Vorträge. [Später eingefügt, Anm. F.H.]
o o o
In der Enzyklopädie ESPASA, Anhang vol. II, findet sich eine recht gute Biographie; ihre Vollständigkeit könnte ich selbst nur mit Mühe erreichen. [Der Artikel enthält kaum biographische Angaben, widmet sich fast ausschließlich einer Charakterisierung des Werks von Carrion. (Anm. F.H.)]
Es ist einigermaßen schwierig, sich selbst zu beschreiben. Einerseits kann man den Absurditäten der Eitelkeit verfallen, andererseits der Anmaßung einer falschen Bescheidenheit. Ich werde mich darauf beschränken, einige Anmerkungen zu meiner geistigen Ausbildung zu machen.
Als Kind habe ich die Dichtung von Guimera, Pelai Ruiz, Becquer, Esponceda gelesen. Bereits in der Schule habe ich das Theater leidenschaftlich geliebt; es gab einen kleinen Freundeskreis, in dem wir selber Stücke aufführten. Als einziger Sohn habe ich in meinem Elternhaus niemanden zu meiner Unterhaltung gefunden, also habe ich gelesen oder, ohne darin irgendwie eingeschränkt zu werden, mich kindlichen Spielen der Einbildungskraft überlassen. Mit 12 Jahren habe ich Apeles Mestres gelesen; damals habe ich meine ersten Gedichte geschrieben. Im Gymnasium habe ich begonnen, wichtige Literatur zu lesen. An den immer langweiliger werdenden Unterrichtsstunden, v.a. den Mathematik-Kursen, habe ich mit zwei oder drei Freunden immer weniger teilgenommen. Gelesen haben wir, was uns in die Hände fiel. Darunter fanden sich die Bücher der Sammlung Rivadeneyra und, in französischen Übersetzungen, die griechischen und lateinischen Klassiker, die großen Eindruck auf uns machten. Nach und nach habe ich meine Lektüre dann in fruchtbare Bahnen gelenkt. Gleichzeitig wuchs mein politisches Bewußtsein. Trotz der 'rechten' Ausrichtung sowohl des Gymnasiums als auch der Universität zu jener Zeit, war es unvermeidlich, dass sich meine Gedanken auf die Seite der Linken schlugen. Niemals hatte ich, wie ich sagen kann, religiöse Gefühle. Die Mystiker haben mich, im Gegenteil, deshalb interessiert, weil sie gegen etwas kämpften, das sie bedrängte: das Fleisch. Das Dogma genauso wie Wunder erschienen mir jedoch ebenso kindisch wie die Erzählungen von Feen und verzauberten Prinzessinnen. Heute geht es mir mit diesen Dingen noch eben so - aber politisch stehe ich noch weiter links. Weil ich immer kämpfen musste, um zu leben, bin ich wohl etwas aggressiv und leidenschaftlich. Ich bedauere das nicht. Nur eines wäre wirklich von übel: eine kalte Seele zu haben.
Ich gehöre keiner künstlerischen Schule an. Meine einzige Regel besteht darin zu schreiben und meine eigenen Projekte mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit und Verausgabung zu realisieren. Den leichten Erfolg schätze ich nicht; das ist mein Stolz.
Als Meister und Lehrer schätze ich von den Alten: Homer, die griechischen Tragiker, Aristophanes, Pindar, Longos, Plautus, Ovid, Martial. Ich bewundere die Bibel. Aus der Renaissance: Shakespeare, Macchiavelli, Molière, Lope de Vega, Cervantes, Quevedo. Aus dem 18. Jahrhundert: Voltaire, Beaumarchais, Diderot, Goethe, Schiller. Aus dem 19. Jahrhundert: Lord Byron, Victor Hugo (als Lyriker). Ich liebe die französischen Dichter sehr: Mallarmé, Moreas und Romanciers: Balzac, Zola, Flaubert; Dickens, den großen Engländer, Eça de Queiros; Ibsen; Hauptmann, Steinbeck, Björnson, Tolstoi, Turgenjew, Gorki, Andrejew; beinahe alle Russen... Schließlich Bernhard Shaw... Dostojewskij, Pirandello... - Unter den Katalanen bewundere ich Raimundus Lullus und Auzias March unter den Älteren; unter den Modernen: Verdaguer, Guimera, Iglesies, über sie stelle ich nur noch Maragall und Carner. - Ich will nicht noch mehr Namen anführen, denn wie einfach ist es eine solche Liste zusammenzustellen, die zuletzt doch immer eine Pedanterie bleibt.
Wie ich zu meinen Werk komme, kann ich nur schwer beantworten. Die meisten haben eine Lektüre zum Anlass, andere eine beobachtete oder erlebte Begebenheit. Andere entstehen wiederum von ganz allein, ohne dass ich ihre Herkunft angeben könnte. Jedenfalls kann ich sagen, dass ich mit der Niederschrift nicht beginne, bevor ich nicht eine genaue Vorstellung von einem Werk in allen seinen Teilen habe - das bedeutet nicht, dass es während der Arbeit keine Änderungen und Wandlungen erführe. Ist es allerdings einmal beendet, ist es mir beinahe unmöglich es zu verbessern.
Über die literarische Kritik beklage ich mich
nicht, sie hat mich oft wunderbar aufgenommen, andere Male etwas weniger,
teilweise auch schlecht... Wie es jedem ergeht. Immer habe ich gegen eine starre
Moral gekämpft. In diesem Sinn hat man mich oft angegriffen, ohne mich dadurch
allerdings beleidigen zu können, da ich mir immer sicher gewesen bin, niemals
eine unmoralische Zeile geschrieben zu haben. Für Menschen voller Vorurteilen
müssen meine Stücke allerdings abstoßend sein. Aber da sie mich allenfalls
als literarisches Sujet interessieren, ist mir die Auffassung, die sie von
meinen Stücken haben, gleichgültig.
Auch klage ich nicht über das Publikum. Ein einziges Werk: Temps ença, temps
enlla, das ich mit meinem Freund Enric Lluelles gemeinsam geschrieben habe, ist
feindselig aufgenommen worden. Es handelt sich dabei um eine beinahe
surrealistische Farce, das 'gute' bürgerliche Publikum musste sich geradezu
getäuscht sehen, indem es glaubte, dass die Autoren sich über es lustig
machten. Die Zeitungen hingegen fanden es beinahe einmütig äußerst
intelligent. Von den veröffentlichten Werken kann ich lediglich sagen, dass die
meisten vergriffen sind, auch in zweiter oder dritter Auflage.
Z.Zt. konzentriere ich mich in meiner literarischen Arbeit vollständig auf die Komposition des Comte l'Arnau, einem umfangreichen tragischen Gedicht in szenischer Form. Es umfasst zwei Teile; der erste ist bereits beendet, der zweite - im Sommer 1944 - zur Hälfte. Danach werde ich das Theater wieder aufnehmen; außerdem eine bereits begonnene Erzählung; ein Band mit Oden soll veröffentlicht werden. Danach - man wird sehen.
Ich habe ein normales und ruhiges Leben geführt, sodass ich mich an besondere Anekdoten nicht erinnere. Für den Leser mögen Anekdoten von Interesse sein, nicht aber für mich. Das Publikum sollte sich, wie ich glaube, für das Werk eines Autors interessieren.
Geschrieben während des Spanischen Bürgerkriegs
in Toulouse 1939/45
o o o
Ich habe immer regelmäßig geschrieben, mit dem Willen, die Werte der großen menschlichen und universellen Konflikte für das katalanische Theater zu gestalten, ohne dass dadurch das nationale katalanische Erbe verloren ginge.
In den Jahren des Exils habe ich sehr viel
geschrieben. Es ist die einzige Möglichkeit gewesen, wirklich zu entkommen. Dem
Theater bin ich immer treu geblieben, doch unterscheiden sich die Werke in
Anlage und Form von allem, was ich vor Übertreten der Grenze geschrieben habe.
Alle diese Werke sind unveröffentlicht - und werden es vielleicht immer
bleiben.
[Übers.: Frank Higasi]
Leseprobe I Buchbestellung 1204 LYRIKwelt © F.H.